Selbstverteidigung

Weil wir keine Opfer sind

Text: Jennifer Bosshard; Video: Flavio Leone

Weil wir keine Opfer sind

Die Geschehnisse in der Kölner Silvesternacht werfen bei vielen Frauen die Frage auf: Wie kann ich mich schützen? Reportage-Praktikantin Jennifer Bosshard versucht es mit einem Selbstverteidigungskurs für Frauen.

Ein Selbstverteidigungskurs steht schon lange auf meiner To-do-Liste. Wenn ich spätabends allein durch den Zürcher Hauptbahnhof laufe, beschleicht mich regelmässig ein ungutes Gefühl. Worst-Case-Szenarien spielen sich vor meinem inneren Auge ab, und ich denke mir: Wenn jetzt einer auf dich losgeht, bist du leichte Beute. Und da stehe ich dann mit panisch schlagendem Herzen am Bahnhof und nehme mir fest vor, etwas gegen diese unerträgliche Hilflosigkeit zu tun. Kaum sicher zuhause angekommen, ist die Angst allerdings schon wieder vergessen – und mit ihr mein guter Vorsatz. Umso bereitwilliger melde ich mich deshalb, als in der annabelle-Redaktion nach einer Freiwilligen für den Selbstversuch gefragt wird. Jetzt oder nie!

Ehe ich mich versehe, ist Samstagmorgen, und ich bin auf dem Weg ins Hallenbad Altstetten in Zürich. Es regnet in Strömen, und wehmütig wünsche ich mich zurück in mein warmes, kuscheliges Bett. Der Gedanke daran, ein paar supercoole Ninja-Moves zu lernen, tröstet mich jedoch schnell über den Verlust hinweg. In der Turnhalle angekommen, fällt mein Blick auf die anderen Kursteilnehmerinnen. Entgegen aller Erwartungen sitzen hier keine männerhassenden Hardcore-Emanzen. Ungefähr 25 Frauen zwischen 18 und rund 50 Jahren warten mit mir auf den Kursbeginn. Einige freudig gespannt, andere schüchtern und unsicher. Eine junge Teilnehmerin, gross, schlank, mit blondem Rossschwanz, fällt mir sofort auf. Selbstbewusst und verschmitzt lächelt sie mich an – ich mag sie sofort.

Während Tian Wanner und Jeannette Vögeli, beide Trainer des Zürcher Selbstverteidigungsanbietesr Functional Fighting, uns begrüssen, machen sie rasch deutlich: Spektakulär-ästhetische Verrenkungen stehen nicht auf dem Lehrplan – die Ninja-Moves kann ich vergessen. Hier geht es um Selbstschutz. Tian und Jeannette erklären, dass alle Techniken, die wir uns in diesem Kurs aneignen werden, simpel, aber effektiv sind und nur dem Zweck dienen, im Ernstfall unser Überleben zu sichern. Aufmerksamkeit ist dabei das oberste Gebot. Wenn immer möglich soll Gewalt nämlich verhindert werden. «Die weissen Stöpsel in den Ohren und der Blick auf das Handy, sind eher kontraproduktiv, wenn man eine Konfliktsituation frühzeitig erkennen will», mahnt uns Tian mit vorwurfsvollem Blick. Ich fühle mich ertappt.

Während die Trainer uns erläutern, wie man im Ernstfall agiert statt reagiert, dämmert es mir allmählich: Das wird wohl kein erholsames Wochenende. Das Training beginnt, und wir sollen Zweiergruppen bilden. Sofort steuere ich die grosse Blonde an, die mir bereits aufgefallen ist. Ein Blick auf ihr Namensschild verrät mir, dass sie Esther heisst, und schon sind wir ein Team. «Nun ohrfeigt eure Partnerin!», lautet die Anweisung von Tian. Öhm, wie bitte? Die Konsternation steht mir ins Gesicht geschrieben. «Schon gut, hau zu!», ermutigt mich Esther. Ich bin froh darüber, denn den Anweisungen von Tian, dem 2-Meter-Hünen mit 16 Jahren Kampfsporterfahrung, möchte ich mich lieber nicht widersetzen. Ich schlage zu, während Esther versucht, meine Schläge mit den Armen abzublocken. Rasch merke ich, dass ich meine Komfortzone während dieses Seminars wohl noch öfter verlassen werde.

Um Hemmungen ab- und Selbstvertrauen aufzubauen, müssen wir in Abwehrstellung einen imaginären Gegner mit klaren Worten auf Distanz halten. Zwei Dutzend Frauen brüllen mit angehobenen Händen erst zögerlich und dann immer bestimmter ins Nichts: «Stopp! Bleib da stehen! Lass mich in Ruhe!» Ich versuche angestrengt, nicht daran zu denken, wie das wohl für jemanden aussehen muss, der ganz zufällig an der gläsernen Turnhallentür vorbeispaziert. Nach einigen Minuten aber sind alle Hemmungen abgelegt, und wir sind in der richtigen Gemütsverfassung, um uns an die erste Primärwaffe zu wagen. Der Handballenschlag ins Gesicht soll den Angreifer gezielt ausser Gefecht setzen, oder zumindest kurzzeitig dessen Wahrnehmung trüben. «Das Ziel ist es immer, zu flüchten und euch in Sicherheit zu bringen», erklärt Tian und zeigt uns an den schwarzen Pratzen wie es geht. Sicherer Stand, Gewichtverlagerung aufs vordere Bein, Schulter eindrehen und die Hand nach vorne schnellen lassen – Pang! An das Geräusch von nackter Haut, die auf Leder prallt, muss man sich in diesem Kurs gewöhnen. Nach ein paar unbeholfenen Versuchen habe ich den Schlag im Griff und entdecke, wie gut es tut, das eigene Gewaltpotenzial gezielt auszuleben. Durch häufige Partnerwechsel kommt man innert kürzester Zeit mit den unterschiedlichsten Frauentypen in Berührung. Darunter auch Anne-Sophie. Die Frohnatur mit Berner Dialekt und farbenfrohem Schultertattoo läuft uns anderen in Sachen Fitness definitiv den Rang ab. Und das obwohl sie sich zuerst gar nicht sicher war, ob sie mit ihren beinahe fünfzig Jahren vielleicht nicht schon zu alt ist für einen Selbstverteidigungskurs für Frauen.

Die Stimmung in der Gruppe wird von Stunde zu Stunde lockerer. Auch die zurückhaltenden Frauen kommen allmählich aus sich heraus, und so nutze ich die Vertrautheit, um herauszufinden, weshalb sie diesen Kurs besuchen. Während einige – wie Esther – von ihren besorgten Partnern dazu überredet wurden, scheinen die meisten aufgrund der Geschehnisse in Köln hier zu sein. Im Gespräch mit Tian und Jeannette finde ich heraus, dass sich die Kursanmeldungen seit der Silvesternacht frappant erhöht haben. «Es ist eigentlich traurig zu sehen, dass erst so etwas Schlimmes passieren muss, damit Frauen das Bedürfnis entwickeln sich zu schützen», meint Jeannette.

Wir lernen, wie man sich mit Hilfe der zweiten Primärwaffe – dem Ellenbogenschlag – aus der Bedrängnis befreien kann. Eine schweisstreibende Angelegenheit, und allmählich beschleicht mich die leise Vorahnung, dass ich morgen sämtliche Muskeln spüren werde. Bei der Entspannungsübung zum Schluss des ersten Tages habe ich diesbezüglich Gewissheit. Komplett ausgepowert, aber stolz auf meine Leistung liege ich auf dem Turnhallenboden und versuche trotz Erschöpfung nicht einzuschlafen.

Am nächsten Morgen herrscht freudiges Wiedersehen unter den Kursteilnehmerinnen. Ein paar wenige haben kapituliert. Alle anderen klagen über Muskelkater und vergleichen ihre Schürfwunden. Die leichten Blessuren tun der Motivation allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil, wir fühlen uns alle ziemlich tough und freuen uns auf das heutige Training. Die Repetition des Gelernten zeigt, dass von gestern etwas hängen geblieben ist. Die Bewegungen sind dynamischer, die Schläge härter, und so hallt das mittlerweile vertraute Geräusch von Pratzenschlägen durch die Turnhalle. Jeannette unterbricht die Übung, um über das Thema des intuitiven Handelns zu sprechen. «Oft spüren wir Frauen, wenn uns Gefahr droht, und es ist wichtig, dass wir uns auf diese Intuition verlassen. Wer eure Grenze überschreitet und euch zum Beispiel festhält, hat nichts Gutes im Sinn, und es ist euer Recht, dann Gewalt anzuwenden.» 

Neben der dritten Primärwaffe – dem Knie-Kick in die sensible Zone des Mannes – stehen heute auch diverse Brückentechniken auf dem Programm. Darunter die sogenannten Wolverine Skills. «Weil die uns Frauen besonders gut liegen», meint Jeannette augenzwinkernd und zeigt auf ihre Nägel. Unter den Wolverine Skills versteht man zum Beispiel das Zerkratzen des Gesichts oder das gezielte Augeneindrücken des Gegners. Beim Gedanken, einer fremden Person in die Augen zu fassen, überkommt mich ein Anflug von Übelkeit, und ich bin heilfroh, dass ich Esther fürs Training nur auf die Augenbraue drücken muss. Mit Hilfe von Rollenspielen stellen wir anschliessend kritische Begegnungen nach und üben, die Kontrolle über die Situation zu wahren. «Raubtiere suchen sich leichte Beute. Ihr müsst durch bestimmtes Auftreten vermitteln, dass ihr keine Opfer seid», erinnert uns Tian. Immer dann, wenn man dem «Täter» laut und deutlich gesagt hat, dass er einen in Ruhe lassen soll und er dennoch die Distanz durchbricht, ist körperliches Handeln dringend angesagt.

Wir sind so weit vorbereitet für den Ernstfall – zumindest theoretisch. Um das Gelernte nun auch in einer ansatzweise realistischen Situation anwenden zu können, werden wir ins Untergeschoss beordert. Tian und Assistenztrainer Dominik rüsten sich mit Helm und Genitalschutz, um uns im Velokeller als Übeltäter aufzulauern. Eine nach der anderen muss sich der Prüfung stellen. Der Rest wartet draussen. Obwohl mir bewusst ist, dass es nur eine Übung ist, werde ich zunehmend nervös. Jeannette gibt mir zu verstehen, dass ich an der Reihe bin. Ich gehe durch die Glastür und stehe im Veloraum. Etwa 50 Meter vor mir sehe ich den Ausgang. Da muss ich hin. Zu meiner Rechten sehe ich, wie Tian lässig an die Wand lehnt. Er macht keine Anstalten, auf mich zuzukommen. Ich laufe los, meine Augen scannen den Raum und suchen Dominik. Wo zum Teufel versteckt er sich? Plötzlich taucht er hinter einer Gittertür auf und läuft auf mich zu. «Stopp!» rufe ich und bringe meine Hände in Abwehrposition. Er kommt näher. Da fällt mir auf einmal Tian wieder ein. Mit einem Blick über die Schulter sehe ich, wie auch er auf mich zuläuft. Mist!, denke ich und versuche Herr der Lage zu werden. Jetzt stehen sie beide unmittelbar vor mir und drängen mich an die Wand. Ich rufe nochmals lauthals «Stopp! Haut ab!», da greift Tian auch schon nach meinem Arm. Das ist mein Stichwort: Action! Die Schläge auf den Helm sitzen mehr schlecht als recht, und auch sonst ist meine Performance eher mässig elegant. Dabei stolpere ich zu allem Übel auch noch über ein Velo. Trotzdem gelingt es mir irgendwie, beide Gegner zu Boden zu bringen und mich anschliessend aus dem Staub zu machen. Keine Meisterleistung, aber auf dem Weg zurück in die Turnhalle denke ich an Tians Worte: «Hauptsache ihr wehrt euch – es ist völlig egal, wie das aussieht!»

Immerhin können laut einer Studie der Polizeidirektion Hannover 85 Prozent der Vergewaltigungsversuche durch Gegenwehr verhindert werden. In diesem Sinn: Mission accomplished! Ich bin froh, dass ich mich zu diesem Kurs durchgerungen habe, und ich weiss jetzt: Wer meine Grenze nicht respektiert, muss die Konsequenzen tragen. Zum Schluss der zwei intensiven Kurstage stehen wir erschöpft, aber glücklich im Kreis und klatschen uns gegenseitig Beifall. Weshalb? Weil wir keine Opfer mehr sind.

Was annabelle-Praktikantin Jennifer Bosshard im Selbstverteidiungskurs gelernt hat, sehen Sie im Video:

Jennifer Bosshard

Die Praktikantin im Ressort Reportagen gehört zur Generation «Why» und bezeichnet sich als begeisterte Sucherin nach dem Sinn des Lebens. Diesen sucht sie momentan im Journalismus.

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