Wie ist es eigentlich

Wenn man in eine Lawine kommt?

Text: Ines Häflinger; Foto: 

Wenn man in eine Lawine kommt?

Willy T. (56) aus Zermatt weiss, wie es ist, wenn man plötzlich von einer Lawine erfasst wird.

Unberührt und pulvrig liegt der Hang vor uns. Doch ein Detail lässt mich innehalten. Ich sehe eine Schneeverfrachtung – also eine durch den Südwind hervorgerufene Umlagerung des Schnees. Lawinengefahr, schiesst es mir durch den Kopf. Meine Frau sowie die norwegische Gruppe, die ich als Bergführer beim Freeriden im Zermatter Stockhorngebiet begleite, weise ich sofort an, stehen zu bleiben. Ich selber jedoch folge meinem eigenen Rat nicht. Ohne gross zu überlegen, stelle ich meine Skis quer in den Hang. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: weisser Schnee – blauer Himmel – weisser Schnee.

Ich habe mit meinen Ski ein Schneebrett gelöst, das mit mir ins Tal donnert und mich unter sich begräbt. Dass ich dabei an keinen Stein geprallt bin, ist ein glücklicher Zufall. Als die Schneemassen zum Stillstand gekommen sind, kann ich mich nicht bewegen: Ein halber Meter Schnee lastet auf mir. Angst verspüre ich trotzdem keine. Wegen meiner 20-jährigen Erfahrung als Helfer in der Bergrettung und zahlreichen Lawinen-Kursen habe ich reflexartig richtig reagiert. Als mich das Schneebrett erfasste, umschloss ich meinen Mund sofort mit beiden Händen. Dank dieser Atemhöhle habe ich ausreichend Sauerstoff, um die nächste Stunde zu überleben. Ich bin überzeugt, dass mir nichts passieren kann. Nicht zuletzt, weil ich meiner Frau vertraue. Wie ich ist sie in den Walliser Bergen aufgewachsen und weiss, was in einer solchen Situation zu tun ist: augenblicklich die Rega anrufen.

Was sie sogleich tat, wie sie mir später erzählte. Ganz so gelassen wie ich ist sie aber nicht – im Gegenteil. Da die Schneemassen meine Schreie verschlucken, denken meine Frau und die Gäste, ich sei tot. Dass die Situation für die anderen weitaus schlimmer ist als für mich, ist mir unter den Schneemassen durchaus bewusst. Ich habe ein unglaublich schlechtes Gewissen.

Trotz des Schocks reagieren sie aber sofort. Mithilfe eines Lawinenverschütteten-Suchgeräts orten sie meine Position und beginnen, mit den mitgebrachten Schaufeln zu buddeln. Da sie Stammgäste von mir sind, habe ich mit ihnen glücklicherweise schon zig Lawinen-Übungen durchgespielt. Nach zehn Minuten bin ich aus dem Schneebrett befreit. Völlig verschwitzt, keuchend vor Anstrengung und mit weit aufgerissenen Augen ziehen sie mich aus den Schneemassen. Sie hätten wohl noch stundenlang weiter gemacht; sie schaufelten wie im Rausch.

Kurz nachdem ich aus dem Schnee befreit bin, trifft die Rega ein. Der Notarzt ist erstaunt und irritiert zugleich, wie gut es mir geht. Nicht einmal einen Kratzer habe ich abbekommen, ein nachträglicher Schock stellt sich nicht ein. Nur etwas sehne ich mir herbei: ein Mittagessen. Nach der Abfahrt gönnte ich mir daher ein Lachsfilet; das weiss ich noch ganz genau.

Die zehn Minuten unter dem Schnee werden mir immer in Erinnerung bleiben. Denn der 14. Februar 2014 hat mir eine wichtige Lektion erteilt. Obwohl ich die Gefahr erkannt hatte, vertraute ich nicht vollends auf meine Intuition. Dass ich mich mit den Ski in den Hang gestellt habe, war ein Fehler. Ich hätte mich gleich verhalten sollen, wie ich es den anderen nahegelegt hatte. Trotzdem: Meiden tue ich den Hang heute nicht – warum auch? Das Problem lag nicht bei der Strecke, sondern bei mir. Komplett ausschliessen kann man das Risiko beim Freeriden nie. Deshalb habe ich mir unmittelbar nach dem Vorfall einen Lawinenairbag gekauft.

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