Wie ist es eigentlich

Wenn man im Himalaya Heimkinder betreut

Aufgezeichnet von Claudia Minner; Foto: Unsplash

Wenn man im Himalaya Heimkinder betreut

Soll ich oder soll ich nicht? Nach Tibet reisen, ganz allein, um dort in einem Kloster auszuhelfen? Obwohl ich allein noch nie weiter als nach Österreich gereist bin? Wochenlang war ich hin- und hergerissen. Dass ich meine kleine vertraute Komfortzone in Obwalden für diese Reise ins grosse Ungewisse letztlich doch verliess, war die beste Entscheidung meines Lebens. Denn dadurch bin ich die Mama geworden, die ich immer sein wollte. Nur nicht in der Schweiz, sondern am anderen Ende der Welt. Und ich habe nicht zwei oder drei eigene Kinder, sondern über fünfzig Buben und Mädchen. Sie leben im Heim. Ihretwegen reise ich nun jedes Jahr in den Himalaya. Freue mich über zarte Patschhändchen, die meine Hand halten, während ich durch die Gänge gehe. Über strahlende Augen, wenn ich eine Wunde verarzte oder eine Hose repariere. Über das Kichern, wenn die Kinder im Klosterhof spielen. Und auch über die Herzchen in Facebook-Posts, wenn ich zurück in der Schweiz bin und mit den grossen Kindern online Kontakt halte.

Dass ich heute so glücklich bin, hat damit zu tun, dass ich vor 14 Jahren sehr traurig war. 2005 trennten sich mein Mann und ich. Wir waren zusammen, seit ich 16 war. Das Alleinsein tat furchtbar weh, ich fühlte mich total zerstört. Bei einer Meditationsfortbildung erzählte mir jemand von einer Klinik in Tibet, die zu einem Kloster gehört und Volontäre sucht. Ich meditiere, seit ich 17 bin, und fühlte mich von der Idee, ein paar Wochen mit Mönchen zu leben, sofort angezogen. Einerseits. Andererseits hatte ich Angst: Schaff ich das, allein in der Fremde? Dann träumte ich eines Nachts von einem Mönch, der mit mir in einem Boot fährt. Um uns herum eine magische Stille, sanftes blaues Licht. Wir beten zusammen, alles fühlt sich richtig an. Danach wusste ich: Das war ein Zeichen! Also buchte ich einen Flug.

Ich fühlte mich gleich wohl in der kargen Weite Tibets, es hatte so etwas Beruhigendes. Auf den Feldern wurde Gerste für den Winter geerntet, die Ärzte und Krankenschwestern der Klinik begrüssten mich herzlich, und in der Küche stellten zwei Frauen Momos her, Teigtaschen mit Fleischfüllung. Ich setzte mich dazu und half, als ob ich das schon immer gemacht hätte. Das Feuer knisterte, aus der Nähe erklangen die Trommeln und Zimbeln der Mönche. Das alles hat mich zutiefst berührt.

Mehrmals bin ich in den nächsten Jahren zurückgekehrt, half beim Kochen, Putzen, Holzhacken – was halt so anfiel. Einmal bekam ich kein Visum, doch mein Flug war schon gebucht, also entschied ich kurzerhand, einen befreundeten Mönch im nahe liegenden nordindischen Sikkim zu besuchen, der dort ein Kloster und Kinderheim für Buben leitet. Als ich die ersten kleinen Jungs in ihrer zerschlissenen Mönchsrobe sah, war es um mich geschehen. Sie waren so neugierig, unschuldig und liebenswert! Plötzlich fühlte ich mich wie eine Mutter. Bedingungslos liebend, freudig berührt, verantwortlich. Ich hatte mir immer Kinder gewünscht, doch aus medizinischen Gründen konnten mein Mann und ich keine bekommen. Eigentlich dachte ich all die Jahre, ich vermisse nichts. Ich hatte mir eine Arbeit gesucht als Therapeutin, mit der ich mein Bedürfnis nach Mütterlichkeit ausleben konnte. Aber hier im Heim wurde mir bewusst, wie gross meine Sehnsucht war, mich um Kinder zu kümmern. So entstand die Idee, nebenan ein Heim für Mädchen zu gründen. Mit Hilfe einer Stiftung wurde es 2017 eingeweiht, knapp zwanzig Mädchen werden dort betreut.

Die 56 Kinder in den zwei Heimen gehören seitdem fest zu meinem Leben dazu. Abends, wenn ich von meiner Praxis nachhause komme, schreibe ich ihnen Mails oder Briefe, chatte via Facebook. Oder ich kümmere mich darum, über soziale Netzwerke, Vorträge und Flyer Spenden zu sammeln. Mein Leben hat durch diese Aufgabe einen ganz neuen Sinn bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Vielleicht war es so gewollt: Dass ich hier in der Schweiz keine Kinder habe, damit ich im Himalaya bedürftigen Kindern helfen kann.

 

Heidy Rosa Müller (50), Therapeutin, Flüeli-Ranft; rosaworldwide.ch

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