Wie ist es eigentlich

Wenn man Schwarz-Weiss-Filme plötzlich in Farbe sieht

Text: Mathias Plüss, Bild: Shutterstock

Eine Rentnerin aus dem Kanton Zürich sah Schwarz-Weiss-Filme oft für wenige Sekunden in Farbe. Was es mit ihrer aussergewöhnlichen Gabe auf sich hat, wollte sie von einem Neuropsychologen wissen.

«Das Ganze ist schon eine Weile her. Am Intensivsten war es ungefähr zwischen meinem dreissigsten und fünfzigsten Lebensjahr. Der Ablauf war immer der Gleiche: Ich sass auf dem Sofa und schaute einen Schwarz-Weiss-Film. Irgendwann nickte ich ein, und als ich wieder erwachte und auf den Bildschirm blickte, sah ich den Film für ein paar Sekunden in Farbe. Nicht grell, aber deutlich, in der Art von kolorierten Fotos. Farbig erschienen mir insbesondere die Kleider und die Gesichter, vor allem bei den Frauen, weniger bei den Männern. Ich erlebte das in jener Zeit vielleicht etwa viermal im Jahr.

Ich habe nicht vielen Leuten davon erzählt – auch aus der Angst heraus, als schrullig angesehen zu werden. Ich hatte schon immer eine lebhafte Fantasie und bin damit nicht immer gut angekommen. Mein Sohn hat mir aber immer geglaubt und mein Mann nach anfänglicher Skepsis auch. Mich selber hat die Angelegenheit nicht beunruhigt. Es ist eher so, dass ich fasziniert war über mich selbst.

Man könnte diese Episoden leicht als Hirngespinst abtun, wäre da nicht eine Sache: Die Farben, die ich gesehen habe, stimmen mit der Realität überein. Woher ich das weiss? Ich habe mir die gesehenen Farben stets notiert. Ich interessiere mich sehr für Mode und Filme. In Fernsehdiskussionen, Zeitschriften und Büchern wurden manchmal farbige Standbilder aus den Filmen gezeigt, oder es hiess, diese Schauspielerin habe ein silbernes Kleid getragen oder jener Modeschöpfer einen wunderbaren roten Stoff gewählt. Solche Hinweise habe ich mit meinen Notizen verglichen, und sie stimmten zu fast hundert Prozent. Natürlich kann man manches erraten, aber doch nicht in diesem Ausmass!

In den letzten zwanzig Jahren ist meine besondere Gabe allmählich verschwunden. Vielleicht liegt es daran, dass man kaum noch Schwarz-Weiss-Filme im Fernsehen sieht. Vielleicht hat es aber auch eher mit mir zu tun. Ich hatte früher intensive Vorahnungen, die sich oft bewahrheiteten und meiner Familie sogar einmal das Leben retteten. Auch diese sind mit der Zeit verblasst. Zwar habe ich manchmal noch ein Kribbeln im Bauch, aber es ist nicht mehr so akkurat wie früher.

Ich würde gern wissen, was sich da in meinem Kopf genau abgespielt hat. Darum habe ich neulich einen bekannten Neuropsychologen kontaktiert und ihm meine Farben-Erlebnisse geschildert. Er hat darauf eine Hypothese aufgestellt: Beim Einschlafen würde ich den Film quasi mit in den Traum nehmen. Der Ton laufe ja weiter, und ich würde mir die Szenen dazu in meinem Kopf farbig ausmalen, nah am Original, da ich den Film meist früher schon mal gesehen habe. Beim Erwachen würden sich Traumbild und Fernsehbild für einen Moment überlagern, die Farben wären also eine Art Nachglühen.

Ich bin nicht sicher, was ich von dieser Theorie halten soll. Dass ich jeweils die richtigen Farben sehe, kann sie jedenfalls nicht erklären. Leider hat weder der Neuropsychologe noch sonst jemand, dem ich davon erzählt habe, je von einem vergleichbaren Fall gehört. Aber vielleicht hat eine Leserin oder ein Leser von annabelle schon mal etwas Ähnliches erlebt?»

Yolanda Miller (75), Rentnerin, Bülach ZH

 

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