Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, 35 Tonnen 3D-Postkarten zu erben?

Aufgezeichnet von Barbara Loop

Angela Joerg, (37), Unternehmerin erzählt: Wie ist es eigentlich, 35 Tonnen 3D-Postkarten zu erben?

Das Lager in Deutschland werden wir auflösen. Allein die Miete hat uns ein Vermögen gekostet. Jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir die Karten behalten oder ob wir sie weggeben. Aber was heisst weggeben? Wer will schon 1.5 Millionen Postkarten mit 3D-Effekt?

Meine Mutter und ich wussten lange vor dem Tod meines Grossonkels, dass wir die Karten einmal erben würden. Wir haben ihn immer gedrängt, uns in den Handel einzuführen, uns das Geschäft geordnet zu übergeben. Aber das geschah nie. Nicht einmal ein Testament hat er hinterlassen. Stattdessen teilte er uns in einem Brief mit, dass wir die Postkarten verkaufen sollen. Ich fühlte mich geehrt. Wirklich. Doch dann kamen schon die Bedenken: Wohin mit 35 Tonnen 3D-Postkarten? Wie verkaufen? Und an wen überhaupt?

Mein Grossonkel, Robert Cantieni, hat die Karten ab den späten Sechzigerjahren in Asien produzieren lassen. Er war der Erste, der in Europa damit handelte. Es sind über 700 Motive darauf, jeder kennt sie: Da ist das Kätzchen mit einer Tatze im Goldfischglas, das Bambi im Blätterwald oder Jesus, der aufersteht, sobald man die Karte bewegt. Aus Biedermeiers Nachttischschublade könnten die Postkarten mit Titeln wie «A Girl in Love», «Winky Girl» oder «Nude on Sands» stammen; erotische Frauen, die einen zwinkern nur lasziv, die andern rekeln sich nackt im Sand.

Röbi liebte die Frauen und genoss das Leben. Er war ein spezieller Mensch, nicht einfach im Umgang. Es brauchte einiges an Selbstvertrauen, sich ihm zu stellen. Auch seine Kunden bekamen das zu spüren. Je nachdem wie authentisch man war und ob man ihm passte oder nicht, waren die Bedingungen entweder extrem grosszügig oder aber knallhart.

Zu den Abnehmern der 3D-Karten gehören viele Klöster und Wallfahrtsorte in ganz Europa. Die religiösen Motive verkaufen sich immer, wenn auch nur in kleinen Stückzahlen. Man muss sich das mal konkret vorstellen: Ich erhalte einen Anruf aus Lourdes. Die bestellen dann, in diesem unverständlichen französischen Dialekt, fünfmal den dreidimensionalen Jesus am Kreuz; zu einem Preis von einem Franken pro Stück. Die Karten muss ich dann im Lager abholen, verpacken, beschriften und versenden …

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die diese Karten bestellen. Die einen lieben sie, weil sie retro und kitschig sind. Andere erinnern die Karten an ihre verlorene Jugend. Oder sie stehen einfach auf die Motive: Ein Sammler von skurrilen Erotikbildern hat gleich 200 Postkarten mit nackten Frauen bestellt. Kleine Szeneläden verkaufen die Karten neben den passenden Secondhandklamotten. Doch der Handel ist aufwendig, und vor allem: Es rechnet sich ganz einfach nicht.

Aber rechnen darf ich sowieso nicht. Gehe ich da mit dem Kopf dran, wird das Erbe zur Last, zur 35-Tonnen-Last, um genau zu sein. Ich muss mich daran erinnern, dass mir die Karten am Herzen liegen; weil sie schön sind, weil Röbi ein Pionier war und etwas Tolles geschaffen hat, das den Leuten noch heute Freude bereitet. Deshalb will ich die Sache in seinem Sinn und Geist weiterführen.

Eine Freundin stellt die Karten nun wahrscheinlich in einem Berliner Geschäft aus. Womöglich machen wir aber auch einen Pop-up-Store in Zürich auf. Vielleicht organisieren wir auch eine Art Guerillaaktion und verteilen die Karten auf der Strasse. Oder wir geben die Karten doch an einen Grosshändler ab. Einen Interessenten gab es schon mal, der wollte aber nichts dafür bezahlen.

Ob ich das Erbe noch einmal antreten würde? Hm, wenn ich das emotional entscheiden müsste, dann ja, wahrscheinlich schon. Nüchtern betrachtet eher nicht. 

— Potenzielle Grossabnehmer finden die 3D-Postkarten hier: www.lenticularprints.com

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