50 Jahre Frauenstimmrecht

Wir fordern: Frauen verdienen endlich besseren Schutz

Text: Helene Aecherli, Sven Broder, Stephanie Hess, Sarah Lau, Barbara Loop, Claudia Senn; Bild: Shutterstock

Das Frauenstimmrecht markierte in Sachen Gleichberechtigung nur den Start, nicht das Ziel. Und von diesem sind die Frauen auch ein halbes Jahrhundert später noch weit entfernt. Deshalb wollen wir nicht feiern, sondern fordern – und präsentieren: Die sieben Erbsünden der Schweizer Gleichstellungspolitik. Heute: Frauen verdienen endlich besseren Schutz.

Es sind keine Zahlen, es sind eigentliche Ohrfeigen, die uns die Statistiker regelmässig präsentieren. Umso erstaunlicher, dass sie weitgehend wirkungslos verhallen. 2019 wurden in der Schweiz knapp 20 000 Fälle häuslicher Gewalt dokumentiert, gut 6.2 Prozent mehr als im Vorjahr. Über 70 Prozent der geschädigten Personen waren Frauen, Männer in 75 Prozent der Fälle die Täter. Rund zwei Dutzend der betroffenen Frauen bezahlten den Konflikt mit dem Partner oder dem Ex mit ihrem Leben.

Es ist ein Leichtes, sich auf Social Media zu solidarisieren und vor Nein-zu-Gewalt einen kämpferischen Hashtag zu setzen. Genauso einfach ist es, die Gewalt einfach als natürlichen Teil des Zusammenlebens zu sehen; wo Liebe ist, ist halt auch Hass. Doch wer dies tut, nimmt letztlich in Kauf, dass alle vier Wochen eine Frau innerhalb einer Partnerschaft getötet und täglich mindestens eine Frau vergewaltigt wird.

Der mutmassliche Täter kam in fast zwei Dritteln aller Verfahren mit weisser Weste davon

Dabei gibt es durchaus Handlungsfelder. So ist es doch erstaunlich, dass die Schweiz innert kürzester Zeit zwar eine Covid-App zustande bringt, aber seit Jahren nichts Vergleichbares, das Frauen vor ihren gewalttätigen (Ex-)Männern schützt. Kein Wunder, wagen es die wenigsten Frauen, ihre Peiniger überhaupt anzuzeigen. Und tun sie es doch, ziehen sie die Vorwürfe meist aus Angst oder (finanzieller) Abhängigkeit wieder zurück. Im Kanton Zürich, so zeigte eine Studie, kam der mutmassliche Täter in fast zwei Dritteln aller Verfahren mit weisser Weste davon; ohne Geldstrafe, Gefängnis oder auch nur der Verpflichtung, ein therapeutisches Lernprogramm für ein Liebesleben ohne Gewalt zu durchlaufen.

In Frauenhäusern gibt es nach wie vor zu wenige Plätze

Umso wichtiger wären niederschwellige Angebote, um Frauen aus dem Teufelskreis aus Scham, Angst und Isolation zu helfen. Doch in Frauenhäusern gibt es nach wie vor zu wenige Plätze. Ja, es gibt sogar Kantone, wo es gar keine gibt. Ebenso fehlt ein kostenloses, professionelles Beratungsangebot, das Frauen telefonisch und online rund um die Uhr zur Verfügung steht. Sämtliche Ständerätinnen haben dies kürzlich in einer Motion gefordert – übrigens etwas, zu dem sich die Schweiz im Rahmen der Istanbul-Konvention schon 2017 verpflichtet hatte.

Das Gleiche gilt für das geltende Strafrecht. Auch da müsste längst nachgebessert werden. Nach wie vor kann eine Frau hierzulande kein Verfahren anstreben, wenn sie sich bei einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung zu wenig heftig gewehrt hat. Dabei ist längst belegt, dass «Freezing» – also stumm zu bleiben oder sich nicht wehren zu können – oft eine natürliche Reaktion ist auf sexuelle Gewalt. Es wäre angebracht, wenn man keine Frau und erst recht kein Opfer sein müsste, um das zu verstehen. Genau so wie die Tatsache, dass die Gleichstellung nicht erreicht ist, solange Gewalt an den Frauen in diesem beängstigenden Ausmass einfach so hingenommen wird.

Hier finden Sie alle Erbsünden auf einen Blick:

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