50 Jahre Frauenstimmrecht

Wir fordern: Kinder dürfen keine Karrierekiller sein

Text: Helene Aecherli, Sven Broder, Stephanie Hess, Sarah Lau, Barbara Loop, Claudia Senn; Bild: Unsplash

Das Frauenstimmrecht markierte in Sachen Gleichberechtigung nur den Start, nicht das Ziel. Und von diesem sind die Frauen auch ein halbes Jahrhundert später noch weit entfernt. Deshalb wollen wir nicht feiern, sondern fordern – und präsentieren: Die sieben Erbsünden der Schweizer Gleichstellungspolitik. Heute: Kinder sind noch immer ein Karrierekiller.

Es ist schon bitter, dass ausgerechnet einem Baby auferlegt ist, vieles zu zertrümmern, was sich seine Mutter beruflich aufgebaut hat. Doch schaut man auf die grundsätzlich recht gleichberechtigten Ausbildungs- und Erwerbschancen von Frauen und Männern, markiert die Geburt eines Kindes für Mütter nach wie vor mehrheitlich den Karrierestopp, wenn nicht gar das -aus. Damit geht die Wiederbelebung reaktionärer Familienstrukturen einher, in denen das Weib Kind und Heim in Schuss hält und dem Mann die Regelung des Finanziellen obliegt. Nach – im internationalen Vergleich – ziemlich kläglichen 14 Wochen erwarten die Eidgenossen Frauen zurück am Arbeitsplatz oder, noch schlimmer, rechnen gar nicht mehr mit ihnen.

Eine Jobgarantie, die nur ein paar Wochen gilt, impliziert auch einen gewissen Versagensvorwurf

Eine bezahlte Elternzeit nach europäischem Muster – also mindestens vierzig Wochen – würde nicht nur Müttern, sondern der Gesellschaft als Ganzem guttun. Denn es macht nun mal für den Wiedereinstieg einen horrenden Unterschied, ob man zuhause einen drei Monate alten Säugling zu versorgen hat oder nach einem ersten Jahr intensiven – und abwechselnden! – Auslebens der neuen Elternrolle erstarkt zurück ins Arbeits- und Karriereleben kehrt. Eine Jobgarantie, die nur ein paar Wochen gilt, impliziert auch einen gewissen Versagensvorwurf: Wenn du es nicht schaffst, binnen dieser paar Wochen wieder voll leistungsfähig an deinen Arbeitsplatz zurückzukehren, hast du auch keinen Anspruch verdient.

83 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten Teilzeit

83 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten Teilzeit. Es gilt, dieses Modell aufzuwerten – und eine Pensumsreduktion nicht automatisch mit verminderten Aufstiegsambitionen gleichzusetzen. Und es gilt, einen zeitgemässen gesellschaftlichen Beitrag zur Gleichstellung von Frauen zu leisten und in diesem Zusammenhang eine entsprechende Ausweitung des 14-tägigen Vaterschaftsurlaubs anzubieten – der selbstverständlich auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten muss.

Um Eltern die Chance auf ein echtes «Was wäre, wenn» zu geben. Was wäre, wenn wir uns die Kindererziehung teilen? Beide in Teilzeit arbeiten? Niemand zwischen Kind und Karriere entscheiden muss? So wie in Schweden und Norwegen, wo eine gleichberechtigte Elternzeit dafür sorgt, dass eine Mutterschaft keinen so entscheidenden Einfluss mehr auf die Erwerbsbio- grafie von Frauen hat. Und niemand als ambitionsloses Weichei verschrien wird, weil sie oder er den Wunsch äussert, sich an der Pflege und der Erziehung der Kinder zu beteiligen.

Ein Blick auf die Generationen Y und Z macht Mut. Prioritäten verschieben sich, ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Anspruchshaltung erlaubt es Frauen und Männern, ihre Rollen neu zu denken. Dass Familiensache keine reine Privatangelegenheit ist, sollte mittlerweile auch den konservativsten Köpfen im Land klar sein – und sei es nur, um dem Arbeitsmarkt weibliche Fachkräfte zu erhalten und Care-Arbeit als Wirtschaftssektor anzuerkennen.

Hier finden Sie alle Erbsünden auf einen Blick:

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