50 Jahre Frauenstimmrecht

Wir fordern: Schluss mit Altersarmut

Text: Helene Aecherli, Sven Broder, Stephanie Hess, Sarah Lau, Barbara Loop, Claudia Senn; Bild: Unsplash

Das Frauenstimmrecht markierte in Sachen Gleichberechtigung nur den Start, nicht das Ziel. Und von diesem sind die Frauen auch ein halbes Jahrhundert später noch weit entfernt. Deshalb wollen wir nicht feiern, sondern fordern – und präsentieren: Die sieben Erbsünden der Schweizer Gleichstellungspolitik. Heute: Das Elend nimmt im Alter seinen Lauf.

Plötzlich wurde sichtbar, was es in diesem reichen Land gar nicht geben sollte: Im Frühling des vergangenen Jahres standen Hunderte von Menschen in Genf, Bern und Zürich in Schlangen, um einen Sack mit Nahrungsmitteln zu ergattern. Szenen wie im Kriegsgebiet, mitten unter uns.

Armut ist nicht nur weiblich, sie ist es aber überwiegend

Die Pandemie aber hat nur verschärft, was längst da war. Seit 2014 nimmt die Armut in der Schweiz zu. 2018 lebten gemäss offiziellen Zahlen 660 000 Menschen in Armut. Für eine Familie mit zwei Kindern bedeutet dies, monatlich weniger als 3969 Franken zum Leben zu haben. Hinzu kamen 1.2 Millionen Menschen, die als armutsgefährdet gelten. Armut trifft Alleinerziehende häufiger als Elternpaare, weniger Gebildete häufiger als gut Ausgebildete, Alte häufiger als Junge (ausgenommen Minderjährige) – und Frauen häufiger als Männer. Armut ist nicht nur weiblich, sie ist es aber überwiegend.

Frauen arbeiten mehr als doppelt so häufig in prekären Arbeitsverhältnissen wie Männer

Die Gründe dafür sind vielfältig: Frauen arbeiten mehr als doppelt so häufig in prekären Arbeitsverhältnissen wie Männer. Sie sind etwa temporär angestellt, arbeiten in Heimarbeit oder auf Abruf ohne vertraglich festgelegte Stundenzahl. Das mag ihnen die nötige Flexibilität geben, solang die Kinder klein sind und die externe Betreuung mangelhaft oder teuer. Es macht sie aber auch besonders verwundbar in Zeiten wie diesen. Und oft ist ein solcher Job nicht die erste Wahl. Schliesslich sind Frauen etwa dreimal häufiger von Unterbeschäftigung betroffen als Männer, würden also gern mehr arbeiten, finden aber keine Stelle mit höherem Beschäftigungsgrad.

Frauen erhalten durchschnittlich 37 Prozent tiefere Renten als Männer

Weniger Lohn für gleiche Arbeit, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Last der unbezahlten Care-Arbeit: Im Verlauf eines Frauenlebens kumulieren sich die Erbsünden der helvetischen Gleichstellungspolitik zu einem Klumpenrisiko. Gerade im Alter sind Frauen deshalb besonders stark von Armut bedroht. Zwar fällt die durchschnittliche AHV-Rente von Frauen nur wenig tiefer aus als die der Männer, folgeschwerer ist hingegen das Gefälle bei der beruflichen Vorsorge. Unter dem Strich erhalten Frauen durchschnittlich 37 Prozent tiefere Renten als Männer, das sind etwa 20 000 Franken weniger pro Jahr, und sind im Alter fast doppelt so häufig auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

Armut ist nie in Ordnung, nicht, wenn sie Männer trifft, nicht, wenn sie Frauen trifft. Und Armut ist immer ein strukturelles Problem. Übersetzt in nackte Zahlen, legt sie altbekannte Missstände offen: Auch in der Armut sind Frauen Opfer von Diskriminierung und geschlechterspezifischer Ungleichheit – in guten wie in schlechten Zeiten. Wenn sie anstehen für ein Kilo Reis. Genauso, wie wenn sie arbeiten und trotzdem zu wenig verdienen, um in Würde zu leben.

Hier finden Sie alle Erbsünden auf einen Blick:

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Von Stephanie Hess