Meinung

Wunschliste fürs neue Jahr

Text: Helene Aecherli; Foto: Getty Images

2020

Das überflüssigste aller transweihnächtlichen Gedankenspiele ist das Sinnieren über gute Vorsätze fürs neue Jahr. Die überbrücken zwar Themenflauten an Partyrunden, sorgen für Schenkelklopfer und sind Klick-Köder für Onlineportale – doch dienen sie letztlich bloss als Spiegel der eigenen Unzulänglichkeiten, sind nicht viel mehr als masochistische Koketterie. Sehr viel erbaulicher ist es hingegen, darüber nachzudenken, welche Entwicklungen man in der Welt und natürlich auch bei sich selbst sehen möchte. Ich weiss, das hört sich jetzt furchtbar altmodisch an, fast schon nach selbstgestrickten Wollsocken und Selbsterfahrungsseminar im Landgasthaussäli. Aber als mich ein Freund ganz nebenbei fragte, was ich mir nach diesem Jahr, das im Zeichen stand von Frauenstreik, Frauenwahl, Klimademos und neuen Flüchtlingsströmen, fürs neue Jahr wünsche, erstellte ich im Geist sofort eine 7-Punkte-Liste:

1. Noch nie in der Geschichte der Schweiz gab es im Parlament so viele Frauen und so viele junge Menschen wie heute. Doch bei aller Euphorie: Alter und Geschlecht sind keine politischen Programme. Die Arbeit beginnt erst jetzt: Lohngleichheit, Elternzeit, die Flexibilisierung des Rentenalters, die Einführung einer Kerosinsteuer. Da braucht es den Mut, sich unbeliebt zu machen.

2. Hört endlich auf, Greta zu verspotten. Man kann sie sachlich kritisieren, aber sie als naives Küken klein zu machen ist schlicht und einfach dumm.

3. Kaum ein Tag ohne News zu Donald Trump, the Trumpet. Ach. Ich hoffe, die US-Demokraten vergessen vor lauter Impeachment-Verfahren nicht, ein vernünftiges Politprogramm zu entwickeln, mit dem sie die nächsten Wahlen gewinnen können.

4. 2018 haben die grössten Rüstungsproduzenten der Welt – allen voran die USA – für 420 Milliarden Dollar Waffen verkauft. Ein neuer Rekord. Auch die Schweiz ist dabei: 2019 stiegen die Exporte auf über 510 Millionen Franken. Den globalen Waffenexportzahlen stehen grandioses politisches Versagen von Machteliten und aktuell 71 Millionen Flüchtende gegenüber. Unerträglich. Es braucht Ideen, Frieden potenter und lukrativer werden zu lassen als Krieg.

5. Wer über fünfzig ist, hat auf dem Arbeitsmarkt oft das Nachsehen. Schon 44-Jährige fürchten sich vor der Fünf in ihrem Alter. Da läuft was schief. Höchste Zeit, «Diversity» so zu definieren, dass auch verschiedene Altersgruppen miteinbezogen werden. Alles andere ist Kastendenken.

6. Für mich selbst wünsche ich mal den totalen Flow beim Schreiben. Keinen einsam blinkenden Curser auf weissem Grund, keine wachsende Panik, es diesmal definitiv nicht zu schaffen. Den Flow. Mit einem entrückten Lächeln. Nur einmal. Bitte.

7. Und ich will mit meiner Nichte nach Venedig. Ihr die Kanäle zeigen, die Palazzi, die Brücken. Bevor die Lagunenstadt im Meer versinkt oder von Kreuzfahrtschiffen weggespült wird.

Ich könnte diese Liste natürlich verdreifachen, aber mal sehen, wie der Kosmos auf diese sieben Wünsche reagiert. Vielleicht gerät er ins Vibrieren. Das wäre gut, denn es gibt viel zu tun. Ich mache mich schon mal an die Arbeit – und plane den Trip nach Venedig.

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