Leben mit einem Herzfehler

«Der Fussball hat mir unglaublich gefehlt»

Text & Foto: Olivia Sasse

«Der Fussball hat mir unglaublich gefehlt»

Sie wollen das Leben rocken – erst recht: Frauen, die mit Mut und Kraft ihren gesundheitlichen Einschränkungen trotzen. Online-Praktikantin Olivia Sasse hat vier solcher Kämpferinnen getroffen und stellt sie in einer Serie vor. Dieses Mal erzählt Sabrina Castaño (26) von ihrem Leben mit einem Herzfehler.

Dann klingelte ein Telefon, endlich. Die Herzoperation von Sabrina Castaño war gut verlaufen. Ihre Eltern brachen in Tränen aus und umarmten sich. Ich zog meine Schwester in die Arme, ihre Freundin hatte das Gröbste überstanden. Monate später kämpfte sich Sabrina Castaño wieder zurück auf das Fussballfeld – dank stoischer Willenskraft.

«Wenn meine Lippen blau anliefen und ich Augenringe bekam, waren es deutliche Anzeichen, dass es genug war für heute. Als ich ein Kind war, wachte meine Mutter beim Fussballspielen über mich, weil ich es sonst übertrieben hätte. Die Symptome kamen von meinem angeborenen Herzfehler, meine Aortenklappe konnte nicht richtig schliessen. Dadurch lief ein Teil des Bluts, das in den Körper gepumpt werden sollte, zurück ins Herz. Es brauchte also die doppelte Leistung, um gleich viel Blut im Körper zu haben. Meine erste grosse Operation hatte ich als Kind. Das Risiko war damals hoch, bewusst war mir das aber nicht. Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass ich nach dem Aufwachen auf der Intensivstation grossen Hunger hatte. Das Pflegepersonal war am Essen, und es roch nach Spätzli mit brauner Sauce.

Besser im Gedächtnis geblieben ist mir die Zeit nach dem Eingriff. Ich hatte kaum Kraft mich zu bewegen. Das Badezimmer war gegenüber meinem Schlafzimmer – aber selbst der Gang auf die Toilette fühlte sich an wie ein Marathon. Natürlich konnte ich auch lange Zeit keinem Ball mehr hinterherrennen. Ich kämpfte mich wieder auf die Beine und zurück aufs Spielfeld, musste aber über die Jahre immer wieder kleinere Eingriffe vornehmen lassen. Im Lauf der Zeit hatte sich Narbengewebe gebildet, dadurch konnte das Blut nicht mehr richtig fliessen. Zudem bin ich seither auch einiges gewachsen, die eingesetzte Klappe jedoch nicht. Es war klar, dass früher oder später wieder eine grössere Operation anstehen würde. Daran habe ich aber nicht oft gedacht – bis es mir dann vor zwei Jahren plötzlich schlechter ging.

Ich merkte es zuerst im Fussballtraining. Ich konnte nicht mehr so lang rennen wie die Wochen davor. Irgendwann schaffte ich die Treppe in den zweiten Stock meiner Wohnung nicht mehr ohne Verschnaufpause, dann gar nicht mehr. Ich liess mich bei meinem Kardiologen durchchecken und da war klar, dass ich wieder unters Messer muss. Das wars dann also wieder mit Sport. Das war extrem frustrierend für mich. Der Fussball hat mir unglaublich gefehlt. An die Matches meines Teams ging ich nur noch wenige Male, um von der Bank aus zuzusehen. Es war zu deprimierend, dass ich nicht mitspielen konnte. Ganz ohne Fussball konnte ich aber nicht: Ich begann als Trainerin für ein Junioren-Team.

Bis ich operiert wurde, verstrich nochmals ein Jahr. Die Organisation, das Warten auf eine Spenderklappe, die genau passt – das dauert seine Zeit. Klar, habe ich mir Sorgen gemacht. Aber ich habe versucht, diese Zeit so gut wie möglich zu geniessen, zum Beispiel bei Ausflügen mit meiner Freundin.

Der Eingriff, der schliesslich durchgeführt wurde, war kurz vor der kommerziellen Zulassung. Ich war bereits in der Narkose, als einer der drei Hauptchirurgen einen Notfalleinsatz hatte. Nach längerer Wartezeit wurde meine OP auf den nächsten Tag verschoben. Wir haben uns zu dritt rausgeschlichen, um in den «McDonald’s» zu gehen. In Adiletten und mit dem Spital-Armband am Handgelenk bestellte ich mir gleich mehrere Cheeseburger.

Der Eingriff verlief ohne Komplikationen, und ich war erleichtert, als ich nach gut einer Woche nachhause durfte. Doch bald hatte ich starke Schmerzen im Brust- und Schulterbereich, meine Atmung ging flach, und ich konnte mich nicht mehr richtig bewegen. Meine Freundin rief die Ambulanz. Auf dem Dach des Luzerner Kantonsspitals wurde ich in die Rega verladen. Es war ein sehr stürmischer Abend, ich lag auf einer Barre, mit lauter Geräten um mich rum. Ein Alpen-Heli-Flug mag toll sein, aber in diesem Moment hatte ich unglaubliche Angst. Vor dem Flug und vor der Ungewissheit. Sonst wusste ich immer, was im Spital auf mich zukam. Doch an diesem Abend kam ich an, ein Haufen Ärzte standen bereit, mit Kitteln und Mundschutz, auf das Schlimmste vorbereitet. Es war eine Entzündung des Herzbeutels, schmerzhaft, aber zum Glück nicht weiter gefährlich. Nach einer weiteren Spitalwoche wurde ich wieder entlassen.

Wie schon nach der ersten grossen Operation brauchte ich viel Zeit, um mich zu erholen. Um ans Herz ranzukommen, wurde mir bei dem Eingriff das Brustbein aufgesägt. Ähnlich wie bei einem Knochenbruch dauert es seine Zeit, bis das wieder zusammengewachsen ist. Ich konnte mir nicht selbst die Socken anziehen, nicht selbst duschen, nicht Auto fahren. Sogar beim Niesen hatte ich Schmerzen. Als ich das erste Mal niesen konnte ohne Schmerzen – das habe ich richtig gefeiert.

Rund zweieinhalb Monate nach der Operation habe ich wieder mein erstes Fussballtraining absolviert. Ganze fünf Minuten konnte ich mitmachen, mehr ging nicht. Es waren Babyschritte, aber nach und nach konnte ich länger rennen. Es ist ein sehr schmaler Grat: Man muss über seine Grenzen gehen, um besser zu werden, aber eben auch nicht zu viel. Ich tendierte immer eher zum Übertreiben, es war gut, dass ich auch ab und zu ausgebremst wurde. Manchmal wollte ich schneller besser werden, als mein Körper das mitgemacht hätte. Bereits nach einem halben Jahr habe ich mich wieder auf mein früheres Leistungsniveau gekämpft. Und als ich dann endlich wieder das erste Mal die kompletten 90 Minuten eines Matchs durchspielen konnte, war es das beste Gefühl überhaupt.»

Alle bereits erschienenen Porträts der Kämpferinnen-Serie finden Sie hier.

Olivia Sasse

Die Geschichten der Online-Praktikantin starten oft als Gedanken-Karussel im Kopf und finden ihre Form in Text, Fotografie und Film. Begeistern kann sie sich vor allem für mutige Menschen, alltägliche Geschichten und Absurditäten.

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