hormonelle Verhütung

«Die Pille wird jungen Frauen nicht ohne Grund verschrieben»

Text: Sarah Lau, Bild: Michael Sieber

Sextöter, Krebstreiber, der Grund für senile Vulven – geht es um Hormone, Verhütung und die Wechseljahre, haben alle vermeintlich Schlaues zu berichten. Die Gynäkologin Regine Laser räumt mit so einigen Mythen auf.

annabelle: Regine Laser, denke ich – Jahrgang 1975 – zurück, habe ich mit 16 die Pille verschrieben bekom­men, ohne dass von Risiken oder Alternativen gross die Rede gewesen wäre. Was ich wusste, war lediglich: Rau­chen und Pille gibt Thrombose, betrifft mich aber nicht. Von daher habe ich bedenkenlos geschluckt ...
Regine Laser: Solang man nicht schwanger wurde, war ja auch alles prima, und wenn dann noch Pickel wegge­gangen sind und Blutungen regelmässig und schmerz­frei waren, umso besser. Beschwert hat sich damals niemand. Inzwischen jedoch ist ein dermassen grosser Gegentrend entstanden, der das Thema Pille wie eine Lawine ins Abstürzen gebracht hat. Es nehmen immer weniger Frauen die Pille und ich bin schockiert, wie viele Junge nur mit Kondom verhüten. Laut der aktuellsten Studie verhüten 64 Prozent der sexuell aktiven Schweizerinnen zwischen 15 und 19 Jah­re lang, vierzig Prozent davon nehmen die Pille.

Was schockiert Sie daran?
Angesichts der oft spontanen Sexualität in dieser Alters­gruppe und der Fruchtbarkeit – bedenken Sie, da wächst jeden Monat ein superknackig frisches Ei – sind diese Zahlen zu tief. Denn die Folgen sind oft dramatisch. Ich hatte auch schon eine 15­-jährige Schwangere in der Praxis. Die Pille wird gerade bei den jungen Frauen nicht ohne Grund verschrieben.

Aber unterschätzen Sie da nicht die Risiken? Immer mehr Gruppierungen wie die Betroffeneninitiative «Risiko Pille» oder Instagram-­Hashtags wie #mypill­story demonstrieren, wie das Leben aussehen kann, wenn die Pille Herzstillstand und Thrombosen auslöst, und warnen vor der Einnahme.
Schauen Sie sich die Statistiken an. Bei Pillen der zwei­ten Generation bekommen neun von 10 000 Frauen eine Thromboembolie – der Rest hat gar nichts. Ohne Pille liegt das entsprechende Risiko bei vier von 10 000 Frauen. Diese ganzen Internetforen berücksichtigen zu­dem selten, dass sich das Risiko einer Erkrankung mul­tipliziert durch Faktoren wie Rauchen, wenig Bewegung, Übergewicht und familiäre Vorerkrankungen.

Und die arg umstrittenen Pillen der dritten und vier­ten Generation? Da lässt sich ein erhöhtes Thrombose­risiko nicht leugnen. Die französische Regierung weigert sich inzwischen gar, die Kostenübernahme für diese Pil­len weiterlaufen zu lassen.
Es stimmt, dass sich das Thromboserisiko bei diesen Präparaten erhöht, allerdings sind gerade hierzulande die Zahlen überschaubar; wir sprechen von Pillen, die keinen relevanten Marktanteil haben.

Was macht diese Pillen eigentlich so schädlich?
Das Problem bei den Pillen, die in die Kritik gekom­men sind, ist, dass das darin enthaltene Drospirenon ursprünglich als Entwässerungspräparat entwickelt wur­de. Wenn Wasser aus dem Körper geschwemmt wird, bedeutet das eine Verdickung des Blutes – logisch, dass sich damit auch die Thrombosegefahr erhöht.

Die Kombination aus Östrogen und Gestagen in Ver­hütungsmitteln suggeriert den Hormonzentren eine Schwangerschaft, um eine zweite Befruchtung zu ver­hindern. Jeden Monat dem Körper eine Schwanger­schaft vorzugaukeln kann doch nicht gesund sein.
Die Hormon-­Konzentration in der Pille ist gering – in der Schwangerschaft hat man beispielsweise das Zwan­zigfache an Östrogen und Progesteron im Körper im Vergleich zum normalen Zyklus. Es gibt zudem auch Hormonspiralen, die nur Gestagen enthalten und da­mit nur auf Uterus und Zervix einwirken, um dafür zu sorgen, dass keine Spermien in die Gebärmutter gelan­gen, und die Einnistung eines befruchteten Eis verhin­dern, nicht aber die Ovulation an sich.

Na, irgendwas Negatives werden doch auch Sie über die Pille zu sagen haben, oder?
Es muss einfach sehr individuell die richtige Pille gewählt werden. Die Dosierung wurde beispielsweise generell auf Frauen zwischen sechzig und siebzig Kilo­gramm ausgelegt. Wenn nun jemand 120 Kilo wiegt, kann ich ihr nicht einfach zwei Pillen durch die Leber jagen. Grundsätzlich kann man sich ja frei für eine Ver­hütungsmethode entscheiden. Man muss sich einfach immer fragen, ob es nur ums Thema Empfängnisver­hütung geht oder ob auch Hautprobleme oder Regel­schmerzen bekämpft werden sollen – da wird es ohne Hormone schwierig.

Wie sieht es mit dem Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und den Auswirkungen auf die Psyche aus?
Logisch gibt es den. Der Zyklus hat immer einen natür­lichen Einf luss auf die Psyche und mit Einnahme der Pille hebt man die zyklischen Schwankungen auf und lässt 21 Tage die gleichen Hormone kursieren. Nach einem siebentägigen Absacker und Blutungen geht es wieder von vorn los. Bei einer Pille mit niedrigem Östrogen riskiert man einen Östrogenmangel: schlech­te Laune bis hin zu Depressionen, Scheidentrockenheit und den Verlust der Libido.

Daher also die Berichte von Frauen, die sich nach Absetzen der Pille geradezu euphorisch fühlen und wie­der Lust auf Sex haben?
Genau. Man sollte bei der Auswahl der Pille immer die psychische Grundverfassung berücksichtigen. Alle anti­androgenen Präparate, die gegen Pickel wirken, blockie­ren beispielsweise die männlichen Hormon­-Rezeptoren, die getriggert werden müssen, um Stimmung und Po­wer aufrecht zu halten. Hat nun jemand prämenstruell Probleme und ist generell eher deprimierter, dann hier also Hände weg. Generell sollte immer drei Monate nach der Erstverordnung geschaut werden, wo die Pa­tientin mit der Pille gelandet ist.

Der Schweizer Verhütungsbericht berücksichtigt in seinen Statistiken junge Frauen ab 15 Jahren. Dabei liest man bereits von Elfjährigen, die die Pille nehmen.
Der Beginn der Pubertät ist davon abhängig, wie das Unterhautfettgewebe beschaffen ist. Das hat seinen Ur­sprung bei den Steinzeitfrauen, die eine gewisse Men­ge Unterhautfettgewebe brauchten, um sicherzustellen, dass sie ihre Brut durchbringen konnten. Dann erst kommt ein Ei zur Reifung. Durch die ganze Überernäh­rung hat sich die Pubertät nach vorn verschoben, es gibt heute übergewichtige Achtjährige, die bereits ihre Blu­tungen bekommen und die entsprechend mit elf voll in der Pubertät stecken. Da muss man sich dann schon et­was überlegen.

Nach Jahren des Rückgangs steigen die Abtreibungs­raten in der Schweiz wieder, was nicht zuletzt mit Ver­hütungs­Apps in Zusammenhang gebracht wird. Wie stehen Sie zu Zyklus­Apps oder auch zur Ava­Uhr?
Lassen Sie mich bloss in Ruhe mit den Dingern! Es ist ja bereits dokumentiert, dass man mit denen weder zu­verlässig verhüten, noch zuverlässig schwanger werden kann. Es wird suggeriert, dass man einen dynamischen natürlichen Prozess digital erfassen und kontrollieren kann. Frauen können heute relativ einfach und unbü­rokratisch abtreiben. Man darf aber nicht vergessen, dass die psychischen Folgen eines Schwangerschafts­abbruchs nicht zu unterschätzen sind. Deshalb sollte es immer das Ziel sein, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Es gibt auch Männer, die den Zyklus ihrer Frau tra­cken. Nach dem Motto, jetzt weiss ich, warum sie gera­de so dünnhäutig ist oder keine Lust auf Sex hat, dann nehme ich es nicht persönlich.
Das ist doch auch schon wieder so eine Manie. Die Vor­stellung, alles kontrollieren zu können, gibt uns offen­bar Sicherheit. Nach dem Motto: Wenn ich weiss, dass ich meinen Eisprung habe, kann ich auch planen, dass ich im September schwanger sein werde. Ein schwieri­ges Ansinnen. Aber vielleicht brauchen diese ganzen vielbeschäftigten Paare auch einfach jemanden, der ih­nen vorgibt, wann Sex sich lohnen könnte. Am Ende schauen wir auch noch auf der App nach, ob wir guten Sex hatten. Das ist alles so verkopft. Lustig ist, dass die Kontrollmanie mit dem Verlangen gepaart ist, alles bio und ganz natürlich haben zu wollen.

Mir wurde kürzlich vorgeworfen, ich würde durch die Einnahme der Pille meinen Körper innerlich ver­schmutzen, weil ich ihn nicht ausbluten lasse ...
Das ist natürlich Quatsch, geradezu mittelalterlich. Man wundert sich wirklich, was heute noch so geglaubt wird. Es blutet ja nur deswegen nicht, weil gar keine Schleim­haut aufgebaut wurde, die raus müsste. Generell mutiert die ganze Diskussion um Hormone oder auch die Er­nährung gerade zu einer regelrechten Glaubensfrage. Klar kann man aus ideologischen Gründen entschei­den, keine Hormone zu nehmen – ob bei Verhütungs­fragen oder Wechseljahrbeschwerden. Wenn eine Patientin dies wünscht, akzeptiere ich das natürlich. Oft ist die grundsätzliche Ablehnung von Hormonen aber durch Fehlinformationen bedingt, und es braucht einfach nur eine gute ärztliche Beratung, um die Mög­lichkeiten der Therapie von Regelschmerzen oder Wech­seljahrbeschwerden aufzuzeigen.

Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, ob ich in den Wech­seljahren Hormone gegen die Beschwerden nehmen soll. Wohl nicht nur ich habe noch diese Studie aus dem Jahr 2002 im Kopf, die von einem erhöhten Brustkrebs­risiko bei der Einnahme von Hormonen warnte. Die Studie wurde zwar widerlegt, aber die Bedenken sind geblieben.
Ich erinnere mich daran, dass diese Studie regelrecht aufgesogen wurde – nicht zuletzt von einer deutschen Krankenkasse, die eine enorme Kampagne losgetreten hat. Deren Interesse war natürlich vor allem, die Hor­monersatztherapie aus der Kostenerstattung herauszu­bekommen. Tatsächlich haben dann viele Frauen schlagartig alles abgesetzt oder haben gar nicht erst angefangen. Und die zahlen jetzt dafür: Die Osteoporose­fälle sind deutlich angestiegen.

Und das Brustkrebsrisiko?
Wenn Sie allabendlich ein Glas Wein trinken, haben Sie einen stärkeren Effekt, als wenn Sie in diesen mini­malen Dosen Östrogen zuführen. Übergewicht erhöht das Brustkrebsrisiko um ein 2.5­-Faches, das vergessen die meisten. Aber natürlich ist es wichtig, zu schauen, ob ein Brustkrebs vorhanden ist, denn der wächst stär­ker, wenn man auf die Rezeptoren zusätzliches Östro­gen und Progesteron gibt. Man muss immer abwägen: Was erspart mir eine Hormonersatztherapie und was bringt es mir im Leben? Das Ding ist einfach, dass wir mit fünfzig plus ja nicht als Grossmütter am Spinnrad sitzen, sondern wir stehen oftmals im Beruf, gern auch in Konkurrenz zu Jüngeren und dürfen da natürlich nicht nachgeben oder schlapp machen. Hitzewallungen, Schlafstörungen – das alles ist sehr belastend. Und we­nigstens solang Frauen noch berufstätig sind, finde ich es wichtig, ihnen mit Hormonen zur Seite stehen zu können. Dabei ist eine Hormonersatztherapie auch präventivmedizinisch aus verschiedenen Gründen interessant.

Inwiefern?
Positive Effekte auf Demenz sind eindeutig nachge­wiesen, zudem bietet eine Hormonersatztherapie auch eine kardiovaskuläre Prophylaxe. Die betreffenden Frauen haben weniger Schlaganfälle und Herzinfarkte. Das Arteriosklerose­Risiko wird gesenkt und zur Ver­meidung genitaler Atrophie, also der Verdünnung von Gewebe und Schleimhäuten, und Inkontinenz ist es auch gut. Was sind wir ohne all das noch mit neunzig? Oben Licht und unten dicht? Man kann sich selbstver­ständlich bei allem für den natürlichen Weg entschei­den. Das würde dann aber auch bedeuten, bei Diabetes kein Insulin zu spritzen oder sich die Hüfte nicht erneu­ern zu lassen. Warum leiden, wenn es sinnvoller geht?

Sind bioidentische Hormone eigentlich gesünder?
Viele Frauen denken, dass bioidentisch irgendwie öko oder pflanzlich wäre, aber das ist Mist. Bioidentische Hormone können alles, was unsere körpereigenen Hor­mone können. Synthetisch hergestellt haben sie eine identische Molekülstruktur wie natürliche – im Wesent­lichen geht es ja auch hier meistens um genau zwei Hor­mone: Östrogen und Progesteron, die einer Frau, die selbst keine eigenen Hormone mehr produziert, verab­reicht werden können. Dabei kann ihr Körper nicht unterscheiden, ob das Molekül nun aus der Apotheke oder aus ihren Eierstöcken kommt.

Wenn wir letztlich immer noch nach demselben hormonellen Zusammenspiel funktionieren wie die Neandertalerinnen, stellt sich doch die Frage: Sind wir unseren Hormonen vollends ausgeliefert?
Wir müssen ja nicht alles, was kommt, fatalistisch er­tragen. Wir können allein über Ernährung und Bewe­gung vieles steuern, unser Körpergefühl stärken und Beschwerden lindern. Wir sind nicht Opfer der Hormo­ne. Die Menschen vergessen oft, Eigenverantwortung zu übernehmen. Dazu gehört auch, sich zu fragen, ob vielleicht irgendwas in meinem Leben berechtigterwei­se dazu führt, dass ich aggressiv bin oder traurig. Oft schieben wir unsere Hormone vor und machen sie für unsere Misere verantwortlich.

In Internetforen werden Beschwerden wie Schlaf­störungen oder Reizbarkeit oft auf die Perimenopause zurückgeführt, also auf die Jahre vor der eigentlichen Menopause. Es könne also sein, dass man schon mit 38 erste hormonell bedingte Beschwerden zu spüren be­kommt ... Sie lachen?
Wenn die Menopause Weihnachten ist, wäre die Peri­menopause die Zeit vom Advent bis zum 6. Januar, also die Zeit davor und danach. Da sprechen wir aber nicht von Jahrzehnten, sondern von einem Spielraum von zwei bis fünf Jahren. Es heisst ja nicht zuletzt deswegen Wechseljahre, weil die Eierstöcke in einem Wandel be­griffen sind. Die Menopause kommt im Durchschnitt mit 52. Wann es mit der Eierstockfunktion vorbei ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab; Rauchen, Stress ...

Ich für meinen Teil fühle mich bei hormonellen Er­klärungen oft auch irgendwie entlastet. Im Sinne von: Voilà, das ist der Grund für den ganzen Mist, den mein Köper neuerdings so treibt, meine Reizbarkeit, meine Unruhe.
Ich glaube, dass die Frauen früher auch einfach nicht so viel Zeit auf irgendwelche Innenschauen verwendet haben. Da hat man es einfach als normal hingenom­men, dass man sich mal blöd gefühlt hat. Und schauen Sie doch mal die Lebensrealität von Frauen an, zwi­schen Kindern, Beruf, dem Anspruch, gut auszusehen, eine funktionierende Partnerschaft zu führen, am bes­ten noch die alternden Eltern zu pf legen – das ist doch Grund genug, an mancher Stelle überfordert zu sein. Und hormonelle Schwankungen erleben wir ja so oder so jeden Monat, da muss man nicht mal in der Perime­nopause stecken.

Blicke ich in meinen Freundinnenkreis 45 plus ist da kaum eine Frau, die nicht über massive Blutungen klagt – und keine von ihnen hat eine andere Antwort bekom­men als: normal in Ihrem Alter, da müssen Sie durch.
Starke Blutungen sind meist gar nicht auf hormonelle, sondern auf mechanische Ursachen zurückzuführen. Myome, Polypen, die unter der Schleimhaut sitzen und mitbluten beispielsweise. Die Zyklus­-Qualität wird ge­nerell ab vierzig schlechter, und wenn es zum Eisprung kommt, aber weniger Progesteron da ist, entsteht ein Östrogen-­Überhang. Nun muss man wissen, dass Öst­rogen quasi ein Rasendünger für die Schleimhaut ist, die dann wächst und wächst und wächst. Das Proges­teron, das wiederum eine Art Unkrautvernichter ist, kommt in der zweiten Zyklushälfte zum Einsatz. Ist die Frau aber schon in der Lebensphase, in der sie zwi­schendurch auch mal acht Wochen lang nicht blutet, häuft sich total viel Östrogen an, die Schleimhaut wird entsprechend sehr viel dicker, das Progesteron kommt da auch nicht mehr gegen an und wumm – irgendwann kommt alles unter starken Blutungen heraus.

Und dann?
Eisen­Infusionen sind bei uns erstaunlich häufig und die Kassen übernehmen die Kosten. Ich kenne viele Frauen, die sich regelmässig etwas geben lassen.

Wann macht es denn Sinn, seinen Hormonhaushalt testen zu lassen?
Unregelmässigkeiten beim Zyklus sind immer ein gu­ter Hinweis, dass etwas hormonell aus dem Lot gera­ten ist: wenn bei jungen Frauen die Regelblutung länger ausbleibt, der Zyklus wahlweise in die Länge gezogen oder zu kurz ist oder auch Milch aus der Brust tropft.

Und wenn ich jetzt wissen will, ob ich schon erste Wechseljahranzeichen habe?
Dass die Wechseljahre kommen, kann ich Ihnen auch sagen, ohne dass die Hormone bestimmt werden. Dazu reicht der Zyklusverlauf und eventuell ein Ultraschall, der mir zeigt, ob noch Eier in den Eierstöcken sind oder es schon ziemlich duster aussieht.

Kann ich mir denn einen individuellen Hormoncock­tail nach meinen eigenen Bedürfnissen mixen lassen?
Apotheken bieten das an – und Krankenkassen über­nehmen auch noch die Kosten. Aber: Woher weiss Frau Meier, was genau sie braucht? Ja, das hat der Doktor Müller ihr gesagt, der hatte mal ihre Werte gemessen. Blöd nur, dass diese ja, wie wir wissen, stark schwan­ken, gerade in den Wechseljahren. Da wird also ein Be­darf ermittelt, der gar nicht Monat für Monat besteht.

Und was schlagen Sie vor?
Ich halte mehr von Gel mit einer definierten Menge Ös­trogen pro Milliliter. Das reicht in der niedrigen Kon­zentration schon aus, um die Rezeptoren zu befriedigen und Hitzewallungen und Co. ein Ende zu setzen und gleichzeitig die Knochen so weit mit Östrogenen zu versorgen, dass sie wieder Kalzium einbauen können. Der Vorteil beim Gel ist, dass indiviuell die Grösse des Kleckses festgelegt werden kann und man auch mal selber regulieren kann, was man braucht.

Als Lifestyleprodukt versprechen Hormontabletten auch klarere Haut, ein strafferes Decolletée, kräftige­res Haar ...
Östrogen sei Dank! Einer sechzigjährigen Frau sieht man an, ob sie was genommen hat oder nicht. In Deutschland ergab eine Umfrage, dass rund 98 Prozent der Frauenärztinnen im entsprechenden Alter eine Hormonersatztherapie machen. Je besser die Frauen über die Zusammenhänge informiert sind, desto eher nehmen sie etwas ein.

Im Buch «Moody Bitches» ist die Rede von der «se­nilen Vagina». Ich muss zugeben: Das hat mich verstört. Ist das ein medizinischer Terminus und was hat es damit auf sich?
Das habe ich noch nie gehört. Vielleicht meinen die eine Atrophie? Klar ist, dass die Vulva durch den Östrogen­mangel irgendwann schrumpft und erschlafft. Dies be­reitet allerdings vielen Frauen keinerlei Probleme, weil sie ohnehin keinen Sex mehr haben nach den Wechsel­jahren. Übrigens oft, weil die Männer nicht mehr wol­len oder können.

Auf der anderen Seite stehen die erstarkenden Frau­en, die gerade um die 45, 50 eine neue Sexualität für sich entdecken – nicht selten mit sehr viel jüngeren Männern.
Man hat ja auch wieder neue Kräfte, wenn die Kinder nicht mehr nachts wach werden. Es ist typisch für die­se Lebensphase, noch mal neu in Auseinandersetzung mit sich selbst zu gehen, Bilanz zu ziehen: Was stimmt in meinem Leben, in meiner Beziehung – und was nicht. Will ich mit allem so die nächsten vierzig Jahre weiter­machen oder komme ich zum Schluss: Nein, das kann es nicht gewesen sein.

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