Interview

«Es gibt keine Ernährungsform, die langfristig schlank macht»

Text: Ines Häfliger; Bild: Sarah Illenberger

Es gibt keine Ernährungsform, die kurzfristig schlank macht
  • Es gilt: Essen, was Spass macht und schmeckt. Was eine «gesunde» Ernährung ist, weiss niemand

Mit Lebensmittelpyramiden und speziellen Ernährungsformen kann der deutsche Ernährungswissenschaftler Uwe Knop nichts anfangen: In seinem Buch «Dein Körpernavigator» rechnet er mit dem Ernährungswahn ab.

annabelle: Uwe Knop, was haben sie heute gefrühstückt?
Nichts. Nur Kaffee.

Ein Ernährungswissenschaftler verzichtet aufs Morgenessen?
Früher versuchte ich immer zu frühstücken – schliesslich ist die erste Mahlzeit die wichtigste, dachte ich. Spass machte es aber nicht, denn ich habe morgens überhaupt keinen Hunger. Mittlerweile rate ich jedem: Zwing nichts in dich hinein, schon gar keine Sachen, die du eh nicht magst; etwa Vollkornmüesli mit Obst und Vollmilch.

Besser eine Scheibe Weissbrot mit einer dicken Butterschicht und Konfitüre?
Wenn es Ihnen schmeckt, und Sie es gut vertragen, Ja. Es nicht erwiesen, dass vermeintlich gesunde Lebensmittel der Gesundheit dienen. Man weiss nicht einmal, was eine «gesunde» Ernährung überhaupt ist.

Warum nicht?
Ernährungswissenschaftliche Untersuchungen sind Beobachtungsstudien und zeigen deshalb nur Zusammenhänge auf. Die genaue Beziehung zwischen Ursache und Wirkung bleibt unklar. Ein niedriger Cholesterinspiegel könnte zum Beispiel auf einen hohen Obstkonsum der Probanden zurückgeführt werden oder auf den gesunden Lebensstil der Obstesser. Hinzu kommt, dass die Zusammenhänge nicht einmal immer in die gleiche Richtung verlaufen: Einmal haben Jugendliche, die viel Fastfood essen, einen hohen BMI, ein anderes Mal einen niedrigen. Jene Studien aber, die der gängigen Gesundheitspropaganda widersprechen, gelangen kaum an die Öffentlichkeit.

 Dem Nutriscore, ein Ampelsystem, das «ungesunde» Lebensmittel rot, «gesunde» grün kennzeichnet, fehlt somit die wissenschaftliche Grundlage?
 Ja. Und niemand kann sagen, ab welcher Grenze ein Inhaltsstoff schädlich ist. Es gibt nur Hypothesen. Der Nutriscore wird die Bevölkerung kein Prozent gesünder machen, sondern zu noch mehr Furcht vor dem Essen führen. Bei ernährungssensiblen Personen besteht die Gefahr, dass sie zu «Scorektikern» werden, sich also nur noch grün gepunktete Lebensmittel kaufen.

Viele verzichten sogar auf ganze Nahrungsgruppen, Lowcarbler etwa auf Lebensmittel mit Kohlenhydraten, Veganer auf tierische Produkte. Was bringt das?
Anhänger einer bestimmten Ernährungsform erhalten ein Gefühl der Zugehörigkeit – beinahe wie in einer Glaubensgemeinschaft. Es gibt innerhalb jeder kulinarischen Diaspora klare Leitplanken dafür, was gut und was böse ist. Dadurch fühlt man sich erhaben: «Clean Eating» etwa suggeriert, dass die anderen dreckig essen. Rein wissenschaftlich betrachtet, gibt es aber keinen Beleg für gesundheitliche Vorteile dieser «Besseresser» gegenüber jenen, die alles essen.

 Nicht einmal, was die schlanke Figur betrifft?
Nein. Es gibt keine Ernährungsform, die langfristig schlank macht. Entscheidend ist die Gesamtkalorienzahl, nicht die Zusammensetzung aus Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen. Statistisch gesehen ist der Schlankheitswahn ohnehin unbegründet: Leicht übergewichtige Personen mit einem BMI von 27 leben am längsten.

Wenn die überschüssigen Kilos einem aber das Leben wortwörtlich schwer machen: Was hilft?
Viel Sport zu machen und wenig Schokolade zu essen, greift meistens zu kurz. Ob man übergewichtig oder fettleibig ist, hängt von vielen Faktoren ab. Ernährung ist nur einer davon. Medikamente gegen Bluthochdruck, Schlafmangel oder Stress können das Körpergewicht in die Höhe treiben, genauso wie die Gene: Wissenschaftler gehen davon aus, dass 70 bis 80 Prozent des Körpergewichts vom Erbgut bestimmt werden.

Was raten Sie Personen, die genetisch bedingt übergewichtig sind?
Wenn sie weder über den Hunger hinaus essen noch Frust, Stress oder Langeweile mit Essen kompensieren, sehe ich keinen Grund für eine Ernährungsumstellung. Etwa ein Drittel der Adipösen sind stoffwechselgesund. Sie können aus einem Bernhardiner ja auch keinen Windhund machen.

Heisst das, stoffwechselgesunde Adipöse müssen sich einfach mit ihrem Gewicht abfinden?
Das heisst erstmal, dass rein biologisch keine Intervention nötig sein muss. Ist man ein gesunder Adipöser, stellt sich die Frage: «Wie gehe ich damit um? Arbeite ich mein Leben lang gegen meine Natur an oder akzeptiere ich sie?» Diese Entscheidung kann nur jeder für sich treffen. Wenn man im Einklang mit seinem biologischen Naturell leben möchte, sollte man sich mit seinem natürlichen Gewicht arrangieren. Wenn nicht, kämpft man eine Leben lang gegen sich selbst. Ob man den gewinnen kann? Wahrscheinlich nicht.

Wie viel Sinn macht eine Magenband-Operation?
Bariatrische OPs sind absolut ultima ratio, da sie irreversibel sind. Wenn Menschen aufgrund ihres Körpergewichts psychisch leiden, krank werden, sich kaum mehr bewegen können und nichts hilft, kann man über einen solchen Eingriff kritisch diskutieren unter Abwägung der Chancen und Risiken.

Sie sagen, das Gesündeste ist, auf den eigenen Körper zu hören, also intuitiv zu essen. Wie ernähre ich mich «intuitiv»?
Essen Sie nur dann, wenn sie richtig hungrig sind und ausschliesslich das, was Ihnen gut schmeckt und gut bekommt. Intuitiv essen soll aber nicht zum Dogma werden. Wenn man beim Geschäftsessen nichts bestellt, weil der Hunger fehlt, ist das Quatsch. Wer sich jedoch im Alltag darauf einlässt, ist zufriedener mit sich und seinem Körper, da die Bedürfnisse erfüllt werden. Der Genuss steht wieder im Vordergrund, der Stress ums Essen fällt weg.

Wie schaffen wir es, dass intuitives Essen wieder zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird?
Ich engagiere mich dafür, dass die Leute die pseudowissenschaftlichen Fakten zur Ernährung aus ihren Köpfen verbannen. Das ist aber nur Symptombekämpfung. In erster Linie brauchen die Ernährungswissenschaften eine radikale Reform: Heute tragen sie mehr zur Angst als zur Gesundheitsförderung bei.

Was für eine Reform würden Sie begrüssen?
Um diese Frage zu beantworten müsste ein interdisziplinäres Wissenschaftlergremium lange scheuklappenfrei in alle Richtungen alles Denkbare ausloten. Ich denke aber, da wird nichts rauskommen, da man die erforderlichen hochwertigen Studien niemals wird durchführen können. Wenn es jemals dennoch einen Konsens geben sollte, wäre es wahrscheinlich ein Eingeständnis, dass man künftig wesentlich weichere Empfehlungen aussprechen muss, da die erforderliche harte Kausalevidenz fehlt - gestern, heute und bis zum St. Nimmerleinstag.

 

Uwe Knop

Uwe Knop hat rund 5000 ernährungswissenschaftliche Studien analysiert. Die Resultate beschreibt er in seinem Buch «Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten»; dpunkt Verlag, Heidelberg 2019, 240 Seiten, ca. 23 Franken.

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