Sexismus

Grosse Brüste sind keine Einladung

Text: Anna Rosenwasser; Bild: Unsplash

Autorin Anna Rosenwasser wollte lang nicht über ihre grossen Brüste schreiben. Warum sie sich doch dafür entschied – und was das Ganze mit Feminismus zu tun hat.

Ich habe mir jahrelang geschworen, nicht über meine Brüste zu schreiben. Weil ich keinen Bock darauf habe, dass mich Leute dann googeln und entweder finden «Ui, schon bitzli gross» oder «Hey, ist doch gar nicht so schlimm». Meine Brüste sind tatsächlich ein bitzli gross: Noch vor ein paar Jahren hatte ich Körbchengrösse 75F, jetzt habe ich 80D.

Als ich um die 18 war, machte ich zum ersten Mal die Erfahrung, wie es ist, von einer Unterwäsche-Verkäuferin aus dem Laden rauskomplimentiert zu werden, weil sie meine BH-Grösse nicht im Sortiment hatte. Unter Frauen mit grossen Oberweiten werden deshalb gern Shopping-Tipps herumgereicht, als handle es sich um etwas Rares, fast Verbotenes. In Zürich ist es einfacher, an Koks ranzukommen als an einen passenden BH.

Dein Körper ist nicht normal

Dass es für meine Oberweite kaum Bekleidung gab, machte mir schon früh klar: Dein Körper ist nicht normal. Nicht, dass ich für diese Erkenntnis Kleiderläden gebraucht hätte. Menschen in meinem Umfeld liessen mich sehr bald wissen, was sie von meinen Brüsten hielten: Sie kommentierten sie ständig, immer, überall.

Ich erinnere mich an eine Homeparty, an der mein damaliger Freund und ich waren. An diesem Tag trug ich Jeans von ihm und ein riesiges Shirt. Ich fühlte mich androgyn und gefiel mir damit wahnsinnig. Ich hätte schwören können, meine Brüste seien unsichtbar – bis der Gastgeber zu meinem Freund sagte: «Du stehst einfach auf Frauen mit grossen Titten, sieht man ja.» Ich stand direkt daneben und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Es hat sich angefühlt, als hätte man mich erwischt. Als hätte ich wieder mal darin versagt, einen Teil von mir verschwinden zu lassen.

«Riesen-Glocken!»

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe meine Brüste. Ich liebe es, feminin auszusehen, bin gern freizügig und üppig. Ich will bloss selber entscheiden, wann. My body is a temple – und die Besuchszeiten bestimme ich ganz allein. Glauben Sie mir: Auch stolze Schlampen bestimmen gern selbst, wann sie angefasst werden. Grosse Brüste sind keine Einladung. Erst eine explizite Einladung ist eine Einladung. Ich wünschte, ich müsste das nicht aufschreiben. Ob Brüste hot, praktisch oder irrelevant sind, bestimmt in jedem einzelnen Moment einzig und allein die Person mit den Brüsten.

«Grossi Brüscht!», schrie mir irgendein Fremder im Einkaufszentrum entgegen. «Riesen-Glocken!», sagte der Onkel meiner Affäre, nachdem ich auf seiner Familienfeier kurz auf die Toilette ging (Familienfeiern von Affären besuchen: eh eine mittelgute Idee). «Wow, was für Dinger», sagten Freunde eines anderen Exfreundes, nachdem er mich ihnen vorgestellt hatte. Das männliche Vokabular für meine Brüste ist fast so riesig wie meine Oberweite selbst. Und ja – das «männliche» Vokabular: Es waren und sind Männer, die meine Brüste nicht unkommentiert lassen können.

Brüste oder Hintern?

Unter Bros ist es ja auch üblich, die Frage «Brüste oder Hintern» zu diskutieren. Brüste oder Hintern? Sind wir hier an der Landwirtschaftsmesse Olma oder warum redest du über Körper, als müsste man die einzelnen Teile separat beurteilen? Und hat dich überhaupt jemand in die Jury gewählt?

Ich meine, hey, ich bin bisexuell. Ich stehe also auch auf Menschen mit Brüsten. Aber frauenliebende Frauen scheinen es hinzubekommen, respektvoll mit dem Thema umzugehen. Ich kann gar nicht zählen, wie oft Männer schon ohne Vorwarnung begannen, meine Oberweite wie einen Fetisch zu behandeln. Bei den Frauen, denen ich nahekam, passierte das nie. Sie schienen anzuerkennen, dass sie nicht in der Jury eines Entweder-oder-Spiels sassen, für das ich mich gar nie angemeldet hatte.

Schlafen nur im BH

Ich wollte diesen Text lang nicht schreiben. Weil er einen Voyeurismus bedient, dem ich immer wieder selbst ausgesetzt bin. Aber ich finde, dass viele Alltagsumstände vergessen gehen, wenn wir sie nicht erzählen: Dass ich jahrelang nur mit BH schlafen konnte, damit das Gewicht meiner Oberweite beim Liegen nicht unangenehm ist. Dass ich konstant Rückenschmerzen hatte. Dass ich zum Sportmachen zwei Sport-BHs übereinander anziehen musste.

Dass die Krankenkasse, als ich mir eine Zeit lang überlegt hatte, meine Brüste operativ verkleinern zu lassen, fand, das sei kein gesundheitliches, sondern, wenn überhaupt, ein ästhetisches Problem. So stehen viele Menschen vor der Wahl, absurd viel Geld für eine OP auszugeben – oder absurd viel Gewicht zu verlieren, in der Hoffnung, dass ihre Brüste dadurch kleiner werden.

Fuck, das hängt

Das ist das Ding mit grossen Dingern: Sie werden dir zwar überall um die Ohren geknallt, in der Werbung, in den Filmen, in der Pornografie – aber immer kugelrund und scheinbar federleicht. Während sich viele unserer Freundinnen grössere Brüste wünschen, stehen wir also vor dem Spiegel und denken: Fuck, das hängt. Mega. Asymmetrisch. Lampig.

Grosse Brüste zu haben lehrte mich vor allem eines: Diese Welt will uns Frauen sexualisieren – aber bitte, ohne dass wir unseren Körper selbst lieben, feiern oder auch bloss die passende Verpackung dafür finden.

Obwohl ich mittlerweile mit Mühe und Not passende Blusen und BHs shoppen kann, obwohl Fremde seltener meine Oberweite kommentieren, obwohl mein Tempel öfters in Ruhe gelassen wird, habe ich gelernt, Widerstand gegen diesen Widerspruch zu leisten. Das ist Teil meines Feminismus. Ich würde zur Feier dieser Erkenntnis ja gern einen BH verbrennen. Aber ich habe zu viel Zeit meines Lebens damit verbracht, einen passenden zu finden.

Anna Rosenwasser ist freie Journalistin und Aktivistin. Seit 2017 arbeitet sie zudem als Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS).

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