Frauenarzt des Vertrauens

Intime Fragen an einen Gynäkologen

Interview: Nicole Gutschalk; Foto: Michael Siebe

Mal ehrlich, Herr Doktor

Was Bruno Studer an unserer Reporterin am besten kennt, ist der Intimbereich. Nun hat sie dem Frauenarzt ihres Vertrauens mal selbst ein paar intime Fragen gestellt. Face to Face natürlich.

annabelle: Die erste Frage liegt auf der Hand.
BRUNO STUDER: Warum ich als Mann Gynäkologe geworden bin, nehme ich an?

Genau.
Zufall, wie vieles im Leben. Ich wollte eigentlich eine sportchirurgische Ausbildung machen. Aufgrund einer Vakanz wechselte ich dann in die Frauenklinik nach Winterthur. Nach dem ersten Jahr bot mir der Chefarzt eine Ausbildungsstelle an.

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie das Angebot annehmen wollten?
Ja, auch weil meine Partnerin nicht gerade erfreut reagierte. Sie meinte: «Dann siehst du den ganzen Tag nackte Frauen – muss das sein?»

Verständlich. Machen Sie die nackten Körper jeden Tag nicht tatsächlich schier wahnsinnig?
Überhaupt nicht – die ganze erotische Komponente, die ein nackter Frauenkörper üblicherweise bei heterosexuellen Männern hervorruft, ist in meinem Arbeitsalltag total ausgelöscht. Das kann man lernen.

Und wie?
Vielleicht vergleichbar mit einem Schauspieler? Heisst in meinem Fall: Konzentration auf das medizinische Problem und seine Behandlung.

Können Sie trotzdem verstehen, dass viele Frauen eine Gynäkologin einem Gynäkologen vorziehen?
Ja. Ich persönlich würde auch lieber zu einem männlichen Urologen gehen.

Sind Frauen die besseren Gynäkologen?
Fachlich gesehen sicher nicht. Da zählt einzig die Routine. Wenn ich pro Monat mehrere Geburten betreue, oft im OP stehe, dann sitzt einfach jeder Handgriff. Wenn ein Arzt allerdings vermehrt auf den beratenden Teil setzt, vielleicht zusätzlich als Sexualtherapeut tätig ist, dann mag eine Ärztin im Vorteil sein. Allerdings lehnen es momentan vermehrt gerade jüngere Ärztinnen ab, auch Geburten durchzuführen.

Aber just die Geburten machen Ihren Job doch so unglaublich magisch?
Finde ich auch. Aber viele Ärztinnen und auch Ärzte, die eine eigene Familie haben, sind nicht mehr bereit, ständig auf Abruf zu sein – auch nachts und an den Wochenenden.

Bevorzugen Sie eigentlich auch grundsätzlich die Gesellschaft von Frauen?
Privat keinesfalls.

Gibt es etwas, das Sie gerade besonders stört an Ihrem Beruf?
Zum Beispiel wenn eine Frau über 45 sich ein Kind wünscht oder eine Eizell-Lagerung. Das ist für mich medizinisch und ethisch einfach grenzwertig, auch weil der letztendlich betroffene Mensch, in diesem Fall das Kind, ja nicht nach seiner Meinung gefragt werden kann. Dieser Widerspruch zwischen dem medizinisch Machbaren und dem natürlich Möglichen beschäftigt mich zurzeit sehr.

Schaffen Sie es, in solchen Situationen professionell zu bleiben?
Sagen wir es so: Ich bin sehr direkt. Alles andere wäre geheuchelt. Natürlich kläre ich die Patientinnen objektiv darüber auf, was medizinisch möglich ist und welche Kosten und Risiken damit verbunden sind. Aber ich sage auch ganz klar, warum ich ethische Bedenken habe. Die Würde der ärztlichen Tätigkeit steht und fällt mit einer möglichst neutralen Beratung – frei von unmöglichen Heilungsversprechen, dafür mit Empathie.

Wie reagieren Frauen auf Ihre Bedenken?
Die einen wechseln den Arzt, die anderen halten trotzdem am Kinderwunsch fest. Selten sagt eine Frau: Okay, ich lass mir das mit dem eigenen Kind noch mal durch den Kopf gehen. Bei Krebstherapien ohne Aussicht auf Erfolg ist diese Einsicht eher verbreitet.

Sie sind seit 25 Jahren Frauenarzt. Was hat sich im Leben einer Frau in all diesen Jahren am meisten verändert, frauenmedizinisch gefragt?
Die Zeitachse eines Frauenlebens hat sich komplett verändert, ich würde sagen, um zehn Jahre nach hinten verschoben. Die meisten Frauen bei mir in der Praxis befassen sich erst weit über dreissig zum ersten Mal mit dem Thema Familienplanung und Kinderwunsch.

Frauen haben früher mehr gewagt?
Ja, wahrscheinlich hatten sie aber auch weniger Möglichkeiten, was Ausbildung und Beruf anbelangt, und auch weniger finanzielle Freiheiten. Darum war man auch schon in jüngeren Jahren bereit, eine ernsthafte Beziehung einzugehen. Und Frauen fragten sich früher nicht ständig, ob nun der richtige Moment für ein Baby gekommen ist, ob es nun grad passt.

Wie sieht es bei jungen Frauen aus – man hört ja immer wieder, sie seien superfrüh sexualisiert?
Das sehe ich gar nicht so. Die Pille verschreibe ich jungen Frauen nicht früher, als ich es vor 25 Jahren getan habe. Die Wahrheit ist, dass die wenigsten unter Zwanzigjährigen Sex haben – auch wenn uns die Medien etwas anderes vorgaukeln. Dass aber ein Verlangen nach Sex und Körperlichkeit in diesem Alter besteht, steht ausser Frage. Ich wundere mich jeweils, wie diese jungen Frauen ihr Verlangen befriedigt bekommen. In meiner Jugendzeit wurde bei jeder sich bietenden Gelegenheit wild rumgeschmust. Heute kann man vieles auch über Social-Media-Kanäle entdecken und befriedigen und über Bilder und Videos, die überall und jederzeit abrufbar sind. Leider merken dann viele nicht, wenn ihnen jemand an der Tramstation ein Lächeln schenkt, weil sie gerade mit dem Handy beschäftigt sind …

Wie steht es um die Vagina von jungen Frauen? Haben sie ein gesundes oder ungesundes Verhältnis zu ihr?
Schwierige Frage. Was haben Sie denn für ein Verhältnis zu Ihrem Genital?

Öhm. Vor zwanzig Jahren hab ich mir in Sachen Optik keine Gedanken gemacht. Die Vagina war einfach da, hat mir Spass gemacht. Heute, mit vierzig, werde ich medial immer wieder darauf hingewiesen, was an meiner Vagina eventuell nicht stimmen könnte. Das nervt, ganz kalt lassen mich solche Trends aber nicht. 
Verständlich. Was die Optik der Vagina betrifft, so ist sie bestimmt mehr in den Fokus gerückt. Aus medizinischer Sicht hat das durchaus Vorteile. Seit der Rasurtrend grassiert, sehe ich viel weniger Infektionen im vaginalen Bereich. Es gibt weniger Rötungen und weniger Haarfollikelentzündungen. Bereits vor zwanzig Jahren empfahl ich Frauen, die immer wieder von Juckreizen und Entzündungen geplagt waren, mal ihren Bart abzuschneiden – oder zumindest zu stutzen.

Mittlerweile sind alle kahl rasiert.
Ja. Und wenn alles rasiert ist, wird eben auch plötzlich alles sichtbar.

Und was Frau da unten sieht, stellt Frau heute seltener zufrieden?
Ich gehe davon aus, aber frage natürlich nicht nach. Man will ja niemanden verletzen oder auf etwas aufmerksam machen, was bis dahin gar kein Thema war. Bei tausend Patientinnen, die ich pro Jahr betreue, werde ich ein paar wenige Male auf kosmetische Eingriffe an Scheide oder Scheideneingang angesprochen. Wie all die Ärzte, Dermatologen und Schönheitschirurgen, die sich in diesem Gebiet anpreisen, ihr Geld verdienen, ist mir ein Rätsel. Also ich sehe da keinen Hype. Ich sehe da vor allem Anbieter, die mittels Medien und Werbung eine Nachfrage schaffen wollen.

Trotzdem: Männer haben mehr Spass an ihrem Penis – geben ihm Namen, machen lustige Sprüche über ihr bestes Stück.
Also ich habe meinem Penis noch nie einen Namen gegeben. Und ehrlich: Mich stört es nicht, dass Frauen einen etwas ernsthafteren Umgang mit ihrer Vagina pflegen. Im Gegenteil: Ich mag es, wenn nicht immer alles so nach aussen gekehrt wird. Gewisse Dinge sollen geheimnisvoll bleiben können.

«Herr Studer, darf ich mit Ihnen über Sex reden?» Wie oft hören Sie diese Frage?
Mehrmals pro Woche. In der Regel spreche ich über sexuelle Probleme innerhalb einer Paarbeziehung aber erst mit Frauen in zunehmendem Alter. So ab 45, 50 wird der Sex medizinisch zum Thema.

So früh schon? Da heisst es doch immer, eine Frau erreiche erst mit 40 ihren sexuellen Höhepunkt.
Viele Frauen zwischen 35 und 40 erleben durchaus eine äusserst sexuell geprägte Zeit. Ab 45 Jahren jedoch lässt die Libido natürlicherweise nach. Bei vielen meiner Patientinnen macht sich dann aus hormonellen Gründen eine Lustlosigkeit breit. Das höre ich oft. Zwar lieben sie ihre Männer, aber Sex scheinen sie nicht mehr oder zumindest viel weniger zu brauchen. Manchen reicht es, zweimal jährlich mir ihrem Partner zu schlafen.

Beunruhigt das die Frauen nicht?
Doch, sie zerbrechen sich den Kopf darüber, wie es nur so weit kommen konnte. Die meisten dieser Frauen haben ihrem Partner gegenüber ein schlechtes Gewissen. Sie möchten seinen sexuellen Bedürfnissen gerecht werden – können es aber nicht. Von mir wollen sie dann in der Regel hören, dass sie kein Sonderfall sind. Was sie tatsächlich auch nicht sind.

Aber man hört doch immer wieder, dass im Alter so was wie ein zweiter sexueller Frühling ausbricht.
Hmm, das ist wohl eher die Ausnahme als die Regel. Normalerweise kommen im Alter zahlreiche organische Veränderungen auf uns zu, die sich negativ auf die Sexualität auswirken können. Beim Mann Prostata- oder Erektionsprobleme. Frauen kämpfen im Alter eher mit Trockenheit der Scheide und mit Schrumpfung.

Meine Scheide wird schrumpfen?
Gut möglich. Bei etwa 30 Prozent der Frauen verengt sich die Vagina mit zunehmendem Alter. Trockenheit kann man allerdings mildern – mit Salben oder Zäpfchen. Zudem muss es nicht immer Geschlechtsverkehr sein. Wir wissen ja mittlerweile, dass Frauen auch ohne Penetration zum Orgasmus kommen.

Sind Gynäkologen die besseren Liebhaber?
Was? Ich möchte bemerken, dass nicht jeder Gynäkologe auf Frauen steht – ich kenne einige homosexuelle Ärzte. Und übrigens: Behauptet nicht jeder Mann von sich, er sei ein fantastischer Liebhaber? Okay, wenn ein Typ gar keine Ahnung von der weiblichen Anatomie hat, dann bin ich vielleicht im Vorteil.

Kommen Sie mit Hebammen gut klar?
Sie meinen aufgrund verschiedener Ansichten punkto Geburt? Kaiserschnitt versus natürlich gebären? Also ich persönlich wäge meine Entscheide immer gemeinsam mit den Hebammen ab. So vermeidet man Grabenkämpfe. Zudem bin ich kein Polteri, also kein Arzt, der sich im Gebärsaal als Chef aufspielen muss. Ich höre allerdings öfter, dass es gerade zwischen Gynäkologinnen und Hebammen immer mal wieder zu Zwistigkeiten kommt. Anscheinend kommt mir da mein Mannsein zugute.

Bei wie vielen Geburten waren Sie schon dabei?
Lassen Sie mich rechnen: Das sind in der Regel 120 pro Jahr mal 20 Jahre, plus 500, die ich während meiner Ausbildungszeit betreut habe: Das macht rund 3000 Geburten und etwa 6000 Schwangerschaften.

Waren Sie auch schon zu müde für eine Geburt?
Nie. Der Moment einer Geburt bleibt immer ein besonderer.

Kann eine Abtreibung jemals verarbeitet werden?
Etwas bleibt immer zurück. Allerdings muss das nicht zu Zweifeln oder gar psychischen Problemen führen. Ausser, wenn der Entscheid unter Druck gefällt worden ist, wenn sich etwa der Partner oder andere Familienangehörige eingemischt haben. Ich kenne nur eine Patientin, die sich bis heute nicht sicher ist, ob sie tatsächlich den richtigen Entscheid gefällt hat.

Was war geschehen?
Bei ihrem Fötus hatte ich damals eine genetische Fehlbildung entdeckt, das sogenannte Turner-Syndrom. Das heisst, anstelle von zwei Geschlechtschromosomen XX oder XY findet sich nur ein funktionsfähiges X-Chromosom in den Körperzellen. Die Patientin hätte ein lebensfähiges und normal intelligentes Kind gebären können, allerdings mit gewissen Einschränkungen und eventuell mit einem Herzfehler. Sie hat sich dann in der 16. Schwangerschaftswoche für einen Abbruch entschieden – und ist nie mehr schwanger geworden.

Nehmen solche Fälle Sie mit?
Keine Frage.

Bezeichnen Sie sich als gläubigen Menschen?
Ja, durchaus.

Aber kann ein gläubiger Mensch Ihren Beruf überhaupt ausüben?
Ja. Manchmal muss ich aber über drei Schatten springen. Dann, wenn ein Schwangerschaftsabbruch aus sozialen Gründen vorliegt zum Beispiel. Wenn also ein gesundes Kind abgetrieben wird, das unerwünscht ist. Das bereitet mir Mühe. Ich sage mir dann, irgendjemand muss es ja tun. Und bevor die Patientin den Eingriff in irgendeiner dubiosen Klinik vornehmen lässt, mache das besser ich. Ich hoffe, der da oben vergibt mir das eines Tages.

Frauen wollen heute eine 100-prozentige Sicherheit, dass ihr Kind gesund ist – wie stehen Sie dazu?
Eine 100-prozentige Sicherheit kann ich als Arzt niemals geben, dafür gibt es zu viele, auch seltene Fehlentwicklungen. Aber es gibt Veränderungen. Die Trisomie 21 etwa erkenne ich heute mittels Bluttest bereits in der 10. oder 11. Schwangerschaftswoche zu nahezu 100 Prozent. Als Arzt ist es mir natürlich lieber, wenn ich meiner Patientin sagen kann, dass ich Trisomie 21 zu 99.99 Prozent ausschliessen kann als nur zu 80 Prozent wie nach den herkömmlichen Tests. Das Bessere war eben immer schon der Feind des Guten. Wenn allerdings ethische, moralische oder religiöse Bedenken vorliegen, sollte man solche Tests gar nicht erst empfehlen.

Wie entscheiden sich die Frauen in Ihrer Praxis, wenn der Befund Trisomie 21 vorliegt?
Ausnahmslos alle brechen die Schwangerschaft ab. Auch das kann ich nachvollziehen, da wir heute in einer Welt leben, in der Eltern beruflich enorm engagiert und gefordert sind. Bei vielen ist auch keine Unterstützung aus dem sozial-familiären Umfeld möglich. Die meisten Patientinnen sagen mir allerdings auch, dass sie mit den Konsequenzen klargekommen wären, hätte man die Behinderung nicht vorausgesehen.

Was sagen Sie Ihren Patientinnen seit zig Jahren, aber die Frauen verstehen es einfach nicht?
Sie meinen wie der Pfarrer von der Kanzel?

Genau.
Jungen Frauen predige ich seit Jahren: «Nehmt euch in Acht vor Infektionskrankheiten wie HPV, HIV und Hepatitis. Diese Erkrankungen sind topaktuell. Denn die hormonelle Verhütung – Pille, Hormonring, Hormonpflaster – schützt euch nicht. Und infiziert in diesen Fällen heisst: lebenslang mit dieser Krankheit konfrontiert zu sein. Seid also vorsichtig, mit wem ihr euch einlasst!» Den älteren Frauen sage ich: «Untersucht eure Brüste! Regelmässig, jeden Monat. Es ist einfach, kostenlos und in Sachen Brustkrebsfrüherkennung oft auch zielführender als technische Untersuchungen. Zudem ist es beruhigend, wenn man die Struktur des eigenen Brustgewebes kennt.»

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