Meine Meinung

Meine Meinung: Stefanie Rigutto über Sinn und Unsinn von glutenfreien Menüs

Text: Stefanie Rigutto, Illustration: Grafilu

Stefanie Rigutto
  • Stefanie Rigutto ist annabelle-Redaktorin und kann sich mit der aktuellen Bademode gar nicht anfreunden

Nun weiss ich wenigstens, wie man Gluten ausspricht: Ein Meinungsstück von Stefanie Rigutto.

Ich esse gerade einen Schokoladenkuchen. Er ist glutenfrei. Kurz: gf. Er schmeckt ausserordentlich gut. Das liegt wohl nicht daran, dass er kein Gluten enthält – sondern daran, dass er ohne Mehl gebacken wurde. Die reinste Schokoladensünde! Aber zurück zum Gluten. Gluten ist derzeit die Inkarnation des Bösen. Jedes Restaurant, das etwas auf sich hält, bietet glutenfreie Gerichte an. Und auf vielen Lebensmitteln, die ich in den Einkaufskorb lege, lese ich ebenfalls: glutenfrei. Gekauft! In Zürich gibt es nun sogar einen Laden, der Mr. & Mrs. Glutenfree heisst. Und im Kanton Aargau hat eine Pfarrei tatsächlich glutenfreie Hostien eingeführt.

Ich hätte da nur eine Frage: Was ist Gluten? Ich erkundige mich bei meinen Arbeitskolleginnen. Alle schauen ratlos drein. Die eine sagt: «Ist das nicht dieser Geschmacksverstärker im Thai-Curry?» Nein, so viel weiss ich, das nennt sich Glutamat. Die andere fragt: «Hat das etwas mit der Milch zu tun?» Auch falsch – das ist die Laktose. Wikipedia sagt, Gluten stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Leim. Gluten, so erfahre ich weiter, ist ein Kleber-Eiweiss, das im Samen einiger Getreidearten vorkommt. Es ist essenziell beim Backen: Nur dank dem Gluten werden Wasser und Mehl zu einem schönen Teig. Gluten kommt also in fast jedem Brot vor. Nicht nur das Weizenweggli, auch «gesunde» Brote wie Dinkel- und Roggenbrote weisen einen hohen Glutengehalt auf.

Nicht alle die glutenfrei essen, haben auch eine Unverträglichkeit

Nun sind glutenfreie Lebensmittel sicher eine tolle Sache, wenn man überempfindlich auf Gluten reagiert. Es ist nur so: Glutenunverträglichkeit tritt bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung auf – in der Schweiz leidet schätzungsweise jeder 250. an Zöliakie, so der Fachbegriff. Schlimm genug, wer davon betroffen ist, aber wieso wollen auch alle anderen glutenfrei essen? Absurd! Telefon an Steffi Schlüchter, Beraterin bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Von ihr erfahre ich, dass ich nicht einmal weiss, wie man Gluten richtig ausspricht: Man sagt nicht Gluuuten, sondern Gluteeen.

Steffi Schlüchter, woher kommt der Trend? Sie sagt: «Noch vor einigen Jahren wurde Zöliakie für eine seltene Erkrankung bei Kindern gehalten. Heute wird die Diagnose aber auch im Erwachsenenalter gestellt – die Zahl der diagnostizierten Fälle hat in den letzten zehn Jahren in Europa um mehr als das Zehnfache zugenommen.» Eine neue Zivilisationskrankheit? Steffi Schlüchter verneint: «Die rasche Zunahme ist hauptsächlich auf eine verbesserte Diagnosestellung zurückzuführen.»

Am meisten freut mich folgende Aussage von Steffi Schlüchter: «Die Wissenschaft hat keinen Zusatznutzen einer glutenfreien Ernährung für Nichtbetroffene nachweisen können.» Ätsch, sage ich da nur! Mittlerweile reagiere ich nämlich ziemlich allergisch auf den erhobenen Zeigefinger der Food-Apostel. Klar ist es gut, dass wir uns bewusst sind, woher unser Essen kommt und was es enthält, aber wenn ich mir einmal eine Ananas gönne, brauche ich keine Kollegin, die ruft: «Schämsch di nöd?» Und was ist mit dem Lächeln, das ich nach dieser saftigen Frucht im Gesicht habe? Wenigstens darf ich nun wieder ohne schlechtes Gewissen meinen Sonntagszopf verdrücken. Ach, Gluten – wenn ich dich nicht hätte!

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