Interview mit einer Psychologin

Von wegen Krise als Chance!

Redaktion: Helene Aecherli; Interview: Annik Hosmann; Foto: unsplash / Jamie Kern

Von wegen Krise als Chance!

Die Psychologin Alexandra M. Freund plädiert dafür, eine Krise als das zu sehen, was sie ist: eine Krise. Das nimmt einem in Krisensituationen Druck weg.

annabelle: Alexandra M. Freund, im Volksmund gilt: Jede Krise ist eine Chance. Sie stehen dem kritisch gegenüber. Warum?
Alexandra M. Freund: Weil ich mein Leben besser gestalten kann, wenn es mir gut geht, als wenn ich in einer Krise stecke. Eine Krise ist die Zuspitzung einer Situation, die unsere Möglichkeiten, sie zu bewältigen, überfordert; etwa nach einem Unfall, bei einer Krankheit oder dem Verlust des Arbeitsplatzes. Dieses Nicht-mehr-Können ist keine Chance, sondern das Gegenteil: Ich stehe in der Ecke und weiss nicht mehr, was ich tun soll.

Woher kommt der Glaube, Krisen seien Chancen?
Wohl aus dem Wunsch, auch negativen Zuständen etwas Positives abzugewinnen. Das kann manchmal sogar geradezu zynische Ausmasse annehmen. Gibt es zum Beispiel einen groteskeren Buchtitel als «Aids als Chance»? Oder wenn es heisst «Du bist jetzt zwar querschnittgelähmt, aber jetzt kannst du dich auf das Schöne konzentrieren, das du nicht sahst, als du noch gehen konntest»? Aids sowie eine Querschnittlähmung sind Schicksalsschläge, keine Chancen. Aber wir klammern uns an das Prinzip einer ausgleichenden Gerechtigkeit: Wenn jemand nichts moralisch Verwerfliches getan hat, ihm aber etwas Schlimmes zustösst, muss zumindest irgendetwas Positives dabei sein.

Kann man einer Krise etwas Positives abgewinnen?
Den meisten geht es nach der Krise besser als am Tiefpunkt, nicht aber unbedingt besser als vor der Krise. Wenn es einem besser geht, dann ist es lediglich das Zurückkommen zum Normalzustand. Es gibt aber viele, die ihr Leben lang von einer Krise gezeichnet bleiben.

Krisen machen uns also nicht stärker oder zu dem, was wir sind?
Alles macht uns zu dem, was wir sind, die positiven wie auch die negativen Erlebnisse. Auch der Alltag prägt uns, nur klingt das nicht sehr dramatisch. Wir mögen aber Narrative mit einer gewissen Dramatik – was wohl mit ein Grund dafür ist, dass der Begriff Krise so inflationär verwendet wird. Noch einmal: Krisen bringen uns an unsere Grenzen, und wir brauchen dann alle Unterstützung, die wir bekommen können. Deshalb sollten wir diesen Begriff auch nur für echte Krisen verwenden.

Wie lassen sich Krisen bewältigen?
Indem man sie früh abfedert, etwa Freunde oder Bekannte zurate zieht oder sich professionelle Hilfe holt. Da häufig kognitive und emotionale Bewertungen stark zur Entstehung von Krisen beitragen, zum Beispiel der Gedanke «Es ist eine Katastrophe, wenn ich die Prüfung nicht bestehe/den Job verliere/die Krankheitsdiagnose xy gestellt bekomme», kann man auch hier ansetzen: Was sind die Spielräume, die ich noch habe?

Hat die Situation sogar positive Aspekte?
Beides, die Veränderung der Situation und die Veränderung der eigenen Wahrnehmung, gibt einem das Gefühl, der Krise nicht einfach ausgeliefert, sondern handlungsfähig zu sein.

Je weniger ich eine Krise also mit Chance verknüpfe, desto besser kann ich mit der Krise umgehen?
Nicht unbedingt. Der Gedanke, dass eine Krise eine Chance sein kann, ist durchaus tröstlich und verleiht Kraft. Man sollte es nur nicht sich selbst oder anderen, die gerade eine Krise erleben, auch noch auf die Schultern laden, dass man die Krise als Chance sehen muss.

Alexandra M. Freund ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich und hat zahlreiche Studien zu Life-Management und erfolgreicher Entwicklung durchgeführt.

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