Wie ist es eigentlich

... wenn zwei Suizidversuche scheitern?

Aufgezeichnet von: Claudia Minner; Bild: Getty Images

Als Anja mir winkte, erstarrte ich. Ich stand in einer grossen Buchhandlung an der Treppe, sie kam mir von oben entgegen. Ich war nur hier, um ein Buch über Sterbehilfe zu suchen. Seit Monaten nahm ich Betäubungsmittel, lag tagelang wie gelähmt auf meinem Bett.

Anja war meine beste Freundin aus dem BWL-Studium. Wir hatten uns länger nicht gesehen, sie wusste nicht, dass ich in der Zwischenzeit versucht hatte, mich umzubringen. Aber sie spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie sagte: «Dir gehts nicht gut. Lass uns reden.»

Ich fühlte mich an diesem grauen Februartag vor 25 Jahren unangenehm ertappt, aber etwas löste sich auch in mir. Selbst in schwer depressiven Menschen glimmt tief im Inneren ein Fünkchen Hoffnung. Ich spürte, dass Anja mir helfen kann. Wir verabredeten uns in meiner Lieblingskneipe. Ich erzählte ihr alles. Wie ich im letzten Sommer nach dem Studium nach Spanien gegangen war, mich dort verliebt hatte. Wie intensiv und symbiotisch diese Liebe gewesen war. Und wie unerträglich der Schmerz, als sich die Frau im Herbst plötzlich von mir trennte.

Damals spürte ich wieder diese Sehnsucht nach dem Tod, die ich schon als kleiner Junge kannte. Mein Vater war Offizier, verprügelte mich beinahe täglich und nannte mich Würstchen. Meine Mutter schwieg. Sie dachten, so bringt man Kindern Disziplin und Demut bei. In Wirklichkeit haben sie mir nur vermittelt, dass ich schuldig und ungeliebt bin. Abends im Bett hatte ich mir gewünscht, dass ich nie mehr aufwache. Mein Leben hat sich immer wertlos angefühlt.

Ich besorgte mir nach der Trennung sehr starke Beruhigungsmittel, wollte an einer Überdosis sterben. Allein, im Wald, in meinem Auto. Doch es klappte nicht. Als ich aufwachte, sah ich eine Ecke, eine Linie und noch eine Ecke. Ich war total benebelt. Komisch, dachte ich, ist das jetzt der Himmel? Irgendwann wurde mir klar, dass ich in einer Gefängniszelle lag. Der Polizist sagte mir, ich sei betrunken Auto gefahren, hätte mehrere parkierte Autos demoliert und sei am Ende im Strassengraben gelandet. Ich hatte keine Erinnerung.

Direkt nach meiner Entlassung probierte ich es erneut. Nahm wieder Tabletten, trank viel Bier, wollte mich auf ein Bahngleis legen. Stattdessen wachte ich in einem Schuppen auf. Wieder mit einem Filmriss. In den nächsten Monaten nahm ich noch härtere Tabletten und versank in einer tiefen Depression.

Bis ich Anja in dieser Buchhandlung begegnete. Heute kann ich sagen: Sie hat mir das Leben gerettet. Wir sprachen lang an diesem Abend und verabredeten uns danach regelmässig. Jedes Mal machte sie einen Vertrag mit mir: Mach keinen Mist bis zum nächsten Mal, dusch und rasier dich, geh zur Schuldenberatung. Es tat mir gut zu spüren, dass ich nicht allein war, dass jemand sich kümmerte und sorgte.

Anja überzeugte mich davon, eine Therapie zu machen. Auch das war eine Rettung. Ich schmiss die Tabletten weg und begann, meine Geschichte aufzuschreiben. Verstand, dass ich eigentlich nicht sterben, sondern nur fliehen wollte vor dem unerträglichen Schmerz, ungeliebt zu sein. Fand Schritt für Schritt ins Leben zurück.

Es dauerte Jahre, bis ich das erste Mal glücklich darüber war, überlebt zu haben. Bei einer Velotour blickte ich auf die Berge und war plötzlich zutiefst gerührt von ihrer Schönheit. Heute erzähle ich meine Geschichte öffentlich, unter anderem bei Vorträgen und auf Youtube, um suizidalen Menschen Mut zu machen. Und um allen anderen zu zeigen, wie man Betroffenen hilft: Indem man für sie da ist, Hilfe anbietet, zuhört. Reden kann Leben retten.

– Stefan Lange, 55. Infos zu seiner Präventionsarbeit gibt es hier. 

Sie möchten mit jemandem reden? Hilfe finden Sie etwa bei der Dargebotenen Hand unter www.143.ch

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