Meinung

Wir werden sterben – alle (aber noch nicht jetzt!)

Text: Claudia Senn; Foto: GettyImages

Die ganze Welt befindet sich zurzeit in einer Ausnahmesituation. Unsere Autorin plädiert dafür, in dieser Krisenzeit mehr zu tun, als Hände zu waschen. Zum Beispiel anderen zu helfen, Mitmenschen zu beruhigen – und den Humor nicht zu verlieren. 

Ich schreibe diese Zeilen am Tag eins, nachdem der Bundesrat wegen des Corona-Virus den Notstand ausgerufen hat. Die kollektive Angst, die das Land ergriffen hat, erinnert mich an einen Zyklon, den ich vor Jahren in Mauritius erlebte. Solche tropischen Wirbelstürme kommen dort immer wieder vor. Doch nur etwa alle zwanzig Jahre fällt einer so heftig und zerstörerisch aus wie dieser. Sein Name war Dina. Schon die Vorläufer konnten es locker mit Sturmtief Sabine aufnehmen. Das Gefühl, das damals in mir hochkroch, war ein ganz ähnliches wie heute: Hier kommt etwas Grosses. Und ich kann absolut nichts dagegen tun.

Wir kauften Lebensmittel für ein paar Tage, Mineralwasser, Kerzen und Batterien für das Radio, das uns ein freundlicher Nachbar gebracht hatte, zusammen mit ein paar Ananas aus seinem Garten, weil es nach dem Sturm für viele Wochen keine Früchte mehr geben würde. Dann brach Dina über uns herein wie ein brüllendes Tier, das mit 240 Stundenkilometern an unserem Häuschen rüttelte. Ich krallte mich in meine Matratze, während eine Moderatorin im Radio mit hypnotischer Stimme Durchhalteparolen verkündete: «Habt keine Angst.» «Ihr seid nicht allein.» Als Dina endlich abzog, waren sechs Menschen tot. Es gab auf der gesamten Insel keinen Baum mehr, der noch stolz in den Himmel ragte. Die Ernte war ebenso zerstört wie grosse Teile der Infrastruktur. Bis Wasser und Strom wieder flossen und das Telefon funktionierte, sollte es Wochen dauern.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich finde, wir können uns für die aktuelle Corona-Krise einiges abschauen von der stoischen Gleichmut, dem Pragmatismus und der Hilfsbereitschaft, mit der die Einwohner von Mauritius auf die Katastrophe reagierten. «Na, hattet ihr einen guten Zyklon?», erkundigten sie sich freundlich, als wir uns aus unserem ramponierten Haus wagten. Draussen sah es aus wie nach der Apokalypse. Doch niemand rastete aus. Keiner ergab sich seiner Verzweiflung. Die Menschen begannen bloss unverzüglich damit, alles, was kaputt war, wieder zu reparieren, damit das Leben so schnell wie möglich weiter gehen konnte. Das Schlimme an Corona ist, dass es uns unserer liebsten Illusionen beraubt: Es gibt keine Sicherheit. Wir haben keine Kontrolle über unser Leben. Es existiert auch kein Anrecht darauf, gesund zu bleiben. Wir alle können sterben, jederzeit. Das war schon immer so, nicht erst seit Corona. Menschen, die in weniger wohlhabenden und klimatisch ungünstiger gelegenen Regionen aufwachsen, sind sich dessen sehr bewusst. Wir Schweizer jedoch scheinen Meister im Verdrängen zu sein – bis ein unbekanntes Virus auftaucht oder eine aussergewöhnliche Hitzewelle. Dann allerdings neigen wir zu Hysterie und kaufen die Läden leer, als stünde der Atomkrieg vor der Haustür.

Es heisst ja, Extremsituationen bringen das Beste im Menschen hervor oder das Schlimmste, je nachdem. Ich wünsche mir, dass es bei mir eher das Beste sein wird. Ich glaube nämlich, wir können viel mehr tun als Hände waschen. Die Ruhe bewahren zum Beispiel. Andere beruhigen. Für infizierte Nachbarn oder solche aus Risikogruppen einkaufen gehen. Den Humor nicht verlieren, diese grossartige Medizin gegen beinahe alles. Idioten in die Schranken weisen, die sich in rassistischer Weise über Asiaten äussern, weil an dieser biblischen Plage angeblich irgend jemand schuld sein muss.

Mag sein, dass wir gegen das Virus tatsächlich machtlos sind. Doch wie wir mit dieser Herausforderung umgehen, liegt ganz allein in unserer Hand.

 

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Von Kerstin Hasse

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