Frauenquote

30 Prozent Frauenpower in der Werkzeugfirma PB Swiss Tools

Redaktion: Helene Aecherli; Fotos: Nathalie Bissig

Frauenpower in der Werkzeugfirma PB Swiss Tools
30 Prozent Frauenpower in der Werkzeugfirm PB Swiss Tools
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30 Prozent Frauenpower in der Werkzeugfirm PB Swiss Tools
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Diversität der Geschlechter bei PB Swiss Tools: Kein Quotendenken, sondern strategische Überlegungen

CEO Eva Jaislis Motto: «Work with the best»

Teilzeitpensum im Kader: Cornelia Krall ist die Stellvertretung der CEO und Mutter einer kleinen Tochter

Eine Hammerfrau: Werkzeug ist Männersache? Von wegen! CEO Eva Jaisli produziert mit ihrer Firma PB Swiss Tools hochwertiges Werkzeug für die ganze Welt – mit 30 Prozent Frauen im Betrieb.

Ganz hinten im Emmental, wo sich der Hornbach und der Kurzeneibach zur Grüne vereinigen, liegt Wasen, ein lang gezogenes Dorf, das gegen Mittag still wird, weil die Geschäfte um diese Zeit schliessen. An der schmalen Strasse, die das Dorf durchschneidet, gibt es eine Bäckerei, eine Sattlerei, den Laden eines Schwyzerörgeli-Machers und das Gasthaus Rössli, vor dem sich nach dem Alpabzug die Bauern mit ihren Kühen versammeln.

Wasen, so scheint es, ist jene Mischung aus literarischem Idyll und traditionalistischer Scholle, die man zwar gern erwandert, sonst aber lieber sich selbst überlässt. Doch ist gerade in diesem Dorf ein Unternehmen gross geworden, das heute als eines der progressivsten der Schweiz gilt: die Werkzeugfirma PB Swiss Tools.

30 Prozent auf allen Produktions- und Hierarchiestufen

Grund für die Superlative ist die ungewöhnlich hohe weibliche Präsenz in der Firma. Das KMU verzeichnet einen Frauenanteil von dreissig Prozent auf sämtlichen Produktions- und Hierarchiestufen. Und dies in der metallverarbeitenden Industrie, einer Branche, die fast ausschliesslich männerdominiert ist. Die treibende Kraft hinter dieser Pionierleistung heisst Eva Jaisli, ist 54 Jahre alt, CEO von PB Swiss Tools – und notabene eine Gegnerin einer fixen Frauenquote.

Ein Widerspruch, fanden wir, der zu interessant ist, um ihm nicht auf den Grund zu gehen – und fragten nach. Eva Jaisli antwortete umgehend. «Zielführend für unsere Personalentwicklung sind nicht Quoten, sondern unsere Firmenkultur», schrieb sie. «Aber kommen Sie her. Ich erkläre es Ihnen gern an Ort und Stelle.»

Dompteurin und Gastgeberin

Das Fabrik- und Verwaltungsgebäude des Unternehmens liegt gegenüber einer ausrangierten Bahnstation und ist ein gesichtsloser Bau mit roten Fensterrahmen. Hier werden jährlich neun Millionen Werkzeuge produziert, gut 700 000 Stück pro Monat. Zwei Drittel der Produkte werden in alle Länder Europas, nach Amerika und Asien exportiert. Das Sortiment umfasst über 2200 Artikel in verschiedenen Grössen und Sätzen.

Die gesamte Palette ist im Demonstrationsraum der Firma ausgestellt: die Schraubenzieher mit den roten Griffen, die Drehmomentwerkzeuge, die Rätschen, Hämmer und Ahlen, das Bike Tool für Velofahrer und das Pocket Tool für Handtaschen – ein Kaleidoskop aus Formen, Farben und technischen Finessen, das eine Besucherin, die sich nur rudimentär mit Werkzeugen auskennt, schwindlig macht.

Eva Jaisli ist Dompteurin und Gastgeberin zugleich. Sie trägt einen Hosenanzug und einen perfekten Pagenschnitt, ist sehr zierlich, sehr herzlich, sehr schnell und sehr schnörkellos. Sie bittet an den Konferenztisch, bietet Kaffee und Mineralwasser an, für Floskeln, das spürt man, hat sie keine Zeit. Wir kommen ohne Umschweife zum Thema.

Ein universelles Denken ist notwendig

Vor gut 16 Jahren hatten sie und ihr Mann Max Baumann, Urenkel des Firmengründers, das Unternehmen in der vierten Generation als Eigentümer übernommen und sich gleich für eine berufliche Aufgabenteilung entschieden: Er, der Maschineningenieur, konzentrierte sich auf die technische Entwicklung, sie, auf Unternehmensentwicklung und Marketing spezialisert, übernahm das Amt der CEO – und damit auch die Herausforderung, eine neue Firmenstrategie auszuarbeiten.

Sie analysierte, was es braucht, um die führende Position im Markt behalten und erfolgreich weiterführen zu können. Dabei, sagt sie, sei sie von folgenden Leitgedanken ausgegangen. Erstens: «Wir kommunizieren mit dem Motto ‹Work with the best›. Wir können das beste Werkzeug anbieten, weil wir mit den besten Leuten zusammenarbeiten.»

Zweitens: «Wir entwickeln und produzieren alle Werkzeuge zwar hier im Emmental, bewegen uns aber wirtschaftlich in einem internationalen Kontext, in dem auch immer mehr Frauen Werkzeuge kaufen, als Profis oder als Heimwerkerinnen.» Denn im Westen wie im Osten lebt eine wachsende Anzahl Frauen in einer eigenen Wohnung, wodurch der Umgang mit Werkzeug zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Dem müsse man Rechnung tragen.

«Das heisst», so Eva Jaisli, «wir stellen Werkzeuge her, die in alle Hände passen: in alte, junge, grosse, kleine, in westliche und asiatische, in Männer- und in Frauenhände.» Dafür sei ein universelles Denken notwendig, das die Diversität aller Werkzeugnutzer berücksichtige. Kommt hinzu, dass Frauen eher einen bauchigen Griff benötigten, weil sich ihre Kraft damit effizienter auf das Werkzeug überträgt, gleichzeitig sollte dieser Griff trotz seiner Bauchigkeit so in der Hand liegen, dass er keine Blessuren verursacht. An der ergonomischen Korrektheit der Werkzeuge werde in Studien und Tests mit Prototypen noch gefeilt. Eine komplexe Sache.

Die Schlussfolgerung: «Um diesen Herausforderungen auch in Zukunft gerecht zu werden, brauchen wir ein gemischtes Team, eine Verjüngung, mehr Professionalität. Im Klartext: In unserer Firma müssen alle Altersgruppen vertreten sein. Und: Wir brauchen qualifizierte Frauen in allen Unternehmensbereichen, die die Werkzeuge mitentwickeln, mitproduzieren und mitverkaufen.»

Kein Quotendenken, sondern strategischer Überlegungen

Weibliche Tatkraft zur Steigerung der Unternehmensleistung — Mit diesem Fazit bringt Eva Jaisli auf den Punkt, was in den Diskussionen zur Frauenförderung in der Wirtschaft immer wieder angeführt wird, und setzt es um.

Doch spricht man sie auf das Stichwort Frauenförderung an, stellt Eva Jaisli klar: Die Entscheidung, mehr Frauen für die Firma zu gewinnen, habe wenig mit einem Quotendenken zu tun, sondern sei ausschliesslich aufgrund strategischer Überlegungen getroffen worden. Ein anderes Unternehmen hätte vielleicht ganz anders gehandelt.

«Es ist nicht das einzig Wahre, den Frauenanteil zu erhöhen», betont sie. «Viel sinnvoller ist es zu fragen: Wie kann eine Frau mit ihrer Qualifikation, ihrer Erfahrung und Persönlichkeit zum Erfolg eines Unternehmens beitragen? Dieselbe Frage stellt sich natürlich auch bei Männern.»

Jeder Arbeitsschritt wird in der Schweiz vollzogen

160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind heute in Wasen und im nur gut vier Kilometer entfernten Werk im Dorf Grünen, wo sich Stahllager und Endproduktion befinden, tätig. PB Swiss Tools ist der einzige verbleibende Schweizer Werkzeughersteller, der noch jeden Arbeitsschritt im Ursprungsland vollzieht. Neunzig Prozent der Angestellten stammen aus Wasen und der Umgebung, nicht wenige sind seit über zehn Jahren im Betrieb, eine Seltenheit heutzutage.

Dieses Bewusstsein, der Stolz auf das lokale Handwerk, ist spürbar, sei es in der Produktion, der Verpackungsabteilung, der Logistik oder in der Verwaltung. An den Decken hängen Plakate mit Leitsätzen, die die Teams für sich formuliert haben. «Wir werden gemeinsam besser, wenn wir uns kennen und verstehen» oder «Wir verhalten uns loyal und setzen unsere Ziele und Entscheide in geteilter Verantwortung um».

Dass gerade im hintersten Emmental Frauen in den Werkstätten stehen, am Schweiss- oder Konferenztisch sitzen, dass Mädchengruppen für Workshops eingeladen werden, um jungen Frauen eine Ausbildung als Polymechanikerin schmackhaft zu machen, das mag für Ausserkantonale überraschend erscheinen, in Wasen und Grünen gehört dies längst zum Alltag und wird auch von höchster politischer Ebene mit Anerkennung bedacht.

«PB Swiss Tools ist ein für den Kanton Bern und für die Region wichtiges Unternehmen. Es ist ein bedeutender Arbeitgeber und steht für eine verantwortungsvolle Führung», sagt Andreas Rickenbacher, Regierungspräsident und Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern. «Die Firma ist dank Innovation, Spitzenqualität und konsequenter Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden erfolgreich, und da ist der hohe Frauenanteil von PB Swiss Tools massgeblich daran beteiligt. Denn unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen sind zentral, wenn es darum geht, unterschiedliche Bedürfnisse zu erkennen und in Produkte umzusetzen.»

Gegenseitiger Respekt

Sina Warncke, 31-jährige Mechanikerin aus Huttwil, ist seit acht Jahren in der Firma und ein gutes Beispiel dafür, wie Frauen in der metallverarbeitenden Industrie Karriere machen können. Sie prüft unter anderem die Qualität der Stahllieferungen, gut dreihundert Tonnen pro Jahr, kontrolliert Härte-, Bruch- oder Biegemoment.

Vor kurzem wurde sie zur stellvertretenden Verantwortlichen Medizinalprodukte befördert, ein neuer Zweig, der die Wettbewerbsfähigkeit der Firma zusätzlich steigern soll. Es geht dabei um Extraktionsinstrumente, Werkzeuge, die Chirurgen verwenden, um Implantate herauszuholen.

In ihrer Doppelfunktion pendelt Sina Warncke zwischen Stahllager, Mikroskopen und Produktdemonstrationen. Als sie bei PB Swiss Tools anfing, erinnert sie sich, hätten einige männliche Arbeitskollegen noch über sie gelächelt. Seit sie aber eine falsch eingestellte Fräsmaschine kurzerhand umprogrammiert hat, gilt sie als unangefochtene Fachkraft.

Diversität ist ein Erfolgsfaktor

Diversität der Geschlechter, das belegen inzwischen auch viele Studien, ist ein Erfolgsfaktor. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, so Eva Jaisli, dass gerade Frauen eine hohe Sensibilität für Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit beweisen. Besonders jene, die eine Mehrfachbelastung haben, sei es als Mutter oder als Inhaberin eines politischen Amts.

«Im Alltag ist dann eine Effizienz nötig, die verlangt, dass die Zeit richtig investiert wird. Aus diesem Grund sind es oft Frauen, die den Finger darauf haben, wenn etwa Sitzungen oder Abläufe nicht effizient sind. Das erlebe ich immer wieder auch in Gremien ausserhalb der eigenen Firma.»

Unternehmen, die keinen oder einen geringen Frauenanteil haben, begründen dies gern damit, dass sie für ihre Positionen keine kompetenten Frauen finden würden. Eine Erklärung, die Eva Jaisli nicht gelten lässt. Wenn man kompetente Frauen will, findet man sie auch.

«Wichtig ist, Frauen, die Potenzial haben, überhaupt gezielt wahrzunehmen. Das kann bei einem Bewerbungsgespräch sein oder bei ihrer Arbeit in der Firma. Dafür braucht es jedoch Fingerspitzengefühl und viel direkten Kontakt, was in einem KMU wie unserem natürlich einfacher ist als in einem Grosskonzern. Ich kenne jede Person mit Namen, weiss, woher sie kommt, wie sie lebt und was sie leistet.»

Selbst hat sie stets den Anspruch gehabt, in jeder Lebenslage autonom zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen, auch beruflich. So sei sie erzogen worden. Ihre Eltern führten eine eigene Firma im Oberaargau, sie liess sich zur Lehrerin ausbilden, studierte, heiratete, bekam vier Kinder, blieb aber weiterhin erwerbstätig, unter anderem als Dozentin und Mitglied der Leitung der Berner Fachhochschule, bevor sie bei PB Swiss Tools einstieg.

Viele Frauen sind sich ihrer Stärken nicht bewusst

Ortet Eva Jaisli bei einer Mitarbeiterin brachliegendes Potenzial, stellt sie «die grosse, knifflige Frage: Wollen Sie etwas aus Ihren Stärken machen?». Oft seien sich Frauen ihrer Stärken nicht bewusst und verharrten in gängigen Denk- und Verhaltensmustern. Viele hegten eine tiefe Skepsis gegenüber Macht und Einfluss, zweifelten daran, dass ihnen eine Führungsposition zustehe. Häufig sei ein Karriereschritt auch vom Umfeld abhängig.

«Wenn ich merke, dass Frauen zaudern oder von ihrem Freundeskreis, der Familie oder dem Partner nicht gestützt werden, schalte ich einen Gang zurück», erklärt sie. Sie gibt sie aber nicht auf, sondern ermöglicht ihnen, ein persönliches Coaching zu machen. «Denn oft folgen nur schon auf die Aussicht auf einen Karriereschritt grössere persönliche Veränderungen. Das kann so weit gehen, dass die Frau zur Überzeugung gelangt: Ich habe nicht den richtigen Partner.»

Teilzeitpensum im Kader

So dramatisch war es bei Cornelia Krall zwar nicht, aber eiskalt wurden ihre Füsse schon, als sie vor zwei Jahren, gerade 28-jährig, aufgrund ihrer Sozialkompetenz und ihres analytischen Talents das Angebot erhielt, nebst ihren Aufgaben als Leiterin Personal und Events die Stellvertretung der CEO zu übernehmen.

Doch spürte sie schnell, dass sie die Unterstützung erhalten würde, die sie brauchte. Sie erhielt sukzessive mehr Verantwortung, konnte eigene Ideen verwirklichen, etwa ein Konzept für Personalentwicklung sowie ein Abwesenheitsmanagement für erkrankte und verunfallte Mitarbeitende. Die nachhaltigste Bestätigung ihrer zukünftigen Rolle erfuhr sie mit ihrer Schwangerschaft: Nie sei die Rede davon gewesen, dass sie als Mutter ihre neue Funktion nicht würde ausführen können.

Im Gegenteil: Kurz nach der Geburt ihrer Tochter übernahm Cornelia Krall während einer Auslandreise ihrer Chefin zum ersten Mal die Führung der Firma. Nach dem Mutterschaftsurlaub reduzierte sie ihr Pensum auf siebzig Prozent. Die Kinderbetreuung ist durch die Grossmutter und ein Aupair organisiert, freitags ist Papitag.

Es ist eine Lebensform, die im Dorf noch ungewöhlich, für Cornelia Krall und ihre Familie aber ein Idealfall ist. «Durch das Teilzeitpensum bin ich noch fokussierter als vorher», erklärt sie. «Beginne ich morgens meine Arbeit, weiss ich genau: Jetzt hast du fünf Stunden Zeit zu erledigen, was du erledigen musst. Das macht dich extrem effizient.»

Auch Männer Reduzieren aufgrund von Elternschaft

Inzwischen haben auch Männer in einer Kaderposition aufgrund von Elternschaft ihr Pensum bei PB Swiss Tools reduziert. Die meisten auf achtzig, einer sogar auf sechzig Prozent. Anspruchsvolle Bedingungen für ein Unternehmen, wie Eva Jaisli betont.

«Aber unsere Mitarbeitenden sind hoch motiviert und erfüllen ihren Auftrag, und das ist für mich sehr positiv. Wenn man überzeugt davon ist, dass es für die Firma ein Nutzen ist, wenn Teilzeit gearbeitet wird, dann findet man auch Lösungen und die Energie, dies umzusetzen.» Und damit tönt sie an, was sie später unterstreichen wird: Der Wille für Veränderungen in einer Firma muss von oben kommen.

Insofern ist Frauenförderung eben doch Chefsache.

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