Nadine Strittmatter

Blendend schön: Sind attraktive Menschen erfolgreicher im Leben?

Interview: Frank Heer; Fotos: Karin Heer

Blendend schön: Sind attraktive Menschen erfolgreicher?

Eine neue Studie zeigt, was wir schon immer ahnten: Attraktive Menschen haben im Leben die besseren Karten. Ein Gespräch mit dem Model Nadine Strittmatter und dem Wirtschaftsphilosophen Oliver Fiechter über Schönheit, Erfolg und innere Werte.

ANNABELLE: Nadine Strittmatter, Sie sind Fotomodell und gelten als makellos schön. Gemäss der Studie «Cooperative Behavior and Beauty» der Universität Zürich (siehe Infobox) müssten Sie auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau sein.
NADINE STRITTMATTER: Aus der Perspektive meiner Arbeit als Model kann ich sagen: Es ist nicht so, dass Schönheit – was auch immer man darunter versteht – nur Vorteile beschert. Wie oft habe ich schon gespürt, dass man mich nicht ernst nimmt, weil ein Model, zudem noch blond, doch nicht gescheit sein kann. Man wundert sich, dass jemand wie ich überhaupt eine Meinung hat. Es heisst schnell, «jetzt muss die Strittmatter auch noch ihren Senf dazugeben», wenn ich mich öffentlich zu einem Thema äussere.
Warum, denken Sie, ist das so?
STRITTMATTER: Die meisten Models sind sehr jung, wenn sie ins Geschäft einsteigen. Es mangelt ihnen an Selbstbewusstsein, was den Agenturen gelegen kommt, denn sie wollen, dass man sich anpasst. Die Mädchen gewöhnen sich daran, dass nicht Intelligenz gefragt ist, sondern gutes Aussehen. Wenn sie älter werden, merken sie dann, dass sie andere Qualitäten vernachlässigt haben.
In der Werbung spielt es doch keine Rolle, ob das Model nun Geschichte studiert, singen kann oder ein gutes Herz hat. Sie muss einfach schön sein.
STRITTMATTER: Bis zu einem gewissen Grad bin ich tatsächlich ein Verkaufstool, das eingesetzt wird, um die Nachfrage nach einem Produkt zu steigern. Aber die erfolgreichsten Models zeichnen sich ja auch durch ihre Persönlichkeit aus: Gisele Bündchen oder Kate Moss zum Beispiel. Ich mag Menschen, die wissen, was sie tun und wollen, und das auch sagen.

«Grundsätzlich verhält es sich bei Menschen wie bei Verpackungen im Supermarkt.»

Oliver Fiechter, als Wirtschaftsphilosoph befassen Sie sich auch mit immateriellen Werten. Da können Sie mir sicher sagen, ob attraktive Menschen besser wirtschaften als weniger attraktive.
OLIVER FIECHTER: Grundsätzlich verhält es sich bei Menschen wie bei Verpackungen im Supermarkt. Der äussere Reiz einer Schachtel im Regal mag einen Kaufimpuls auslösen, doch wenn der Inhalt nicht stimmt, lassen wir uns kein zweites Mal täuschen. Nebst dem emotionalen Nutzen braucht ein Produkt auch einen funktionalen Nutzen. Das ist bei Menschen nicht anders.
Gehen wir davon aus, dass sich Qualität und Preis eines, sagen wir, Joghurts in verschiedenen Verpackungen nicht unterscheiden. Dann würden wir doch bestimmt das Produkt mit der schöneren Verpackung wählen, oder?
FIECHTER: Ja. Ähnlich verhält es sich bei Bewerbungsgesprächen: Wenn alle fünf Kandidaten dieselben fachlichen Eigenschaften mit sich bringen, ist die Chance gross, dass am Ende der Attraktivste das Rennen macht.
Auch wenn Aussehen kein Leistungsausweis ist.
FIECHTER: Mit der Schönheit verhält es sich eben wie mit der Musik, der Kunst oder der Architektur: Wir reagieren auf Symmetrie und Ebenmass. Das darf man sich auch eingestehen, sollte aber die inhaltliche Dimension nicht in den Hintergrund drängen. Gleichgeschlechtliche Verhandlungspartner bemustern sich nachweislich rationaler, als wenn sich Mann und Frau gegenübersitzen.
FIECHTER: Das zeigt auch eine Studie aus der Finanzindustrie zum Thema «Behavioral Finance»: Männliche Anlagekunden legen eine höhere Risikobereitschaft an den Tag, wenn sie von einer attraktiven weiblichen Fachperson mit Décolleté beraten werden als von einem unscheinbaren Kundenberater im Anzug. Anders gesagt: Äusserlichkeiten können uns zu triebhaften, irrationalen Entscheidungen verleiten.
STRITTMATTER: Vielleicht habe ich in meinem Beruf zu viele schöne Menschen gesehen. Darum weiss ich, dass der Schein auf dem Laufsteg häufig trügt und nichts mit der Person zu tun haben muss, die man später in der Garderobe trifft. Schönheit ist relativ. Ich glaube an die Macht des Charmes und der Ausstrahlung eines Menschen, weniger an die Fassade.

«Letztlich sind es innere Werte, die das Humankapital bilden.»

Sie haben in Interviews schon erzählt, dass Sie in der Schule wegen Ihres Aussehens gehänselt wurden. Sie galten nicht unbedingt als schön.
STRITTMATTER: Ja, und das hatte eben auch damit zu tun, dass ich mich in dem Alter überhaupt nicht sicher fühlte, was mein Aussehen betraf. Die Soziologin Waltraud Posch sagt: «Der moderne Mensch gestaltet nicht nur sein Leben, er gestaltet auch seinen Körper.»
FIECHTER: Mag sein. Aber der Topmanager von heute muss vielleicht fit sein, jedoch nicht zwingend gut aussehen. Ohnehin entsprechen von den mächtigen Staatschefs und Firmenbossen die wenigsten dem gängigen Schönheitsideal. Je höher sie sich in der Hierarchie befinden, umso weniger spielt das eine Rolle, bei Männern ebenso wie bei Frauen.
STRITTMATTER: Ich finde es richtig, dass heute nicht nur von den Frauen erwartet wird, dass sie sich pflegen, Sport treiben, eine gute Figur machen …
… wobei in Ihrem Beruf die Perfektion des Körpers auch Auswüchse hat – anorektische Mädchen auf den Laufstegen zum Beispiel.
STRITTMATTER: Auch innerlich sind leider viele Models total ausgemergelt. Das hängt mit dieser Fremdbestimmung zusammen: Ständig wird dir gesagt, was du tun und lassen sollst, wie du auszusehen hast, wie die Lippen sein müssen, die Haare, was du anziehst. Diese Mädchen mögen durchaus schön anzusehen sein, ich empfinde ihre gebrochenen Persönlichkeiten aber als das Gegenteil von attraktiv.
FIECHTER: Letztlich sind es innere Werte, Fähigkeiten und Kompetenzen, die das Humankapital bilden. Das wird je länger, je mehr auch in die Werbung einfliessen. Botschafter eines Produkts müssen Charakter zeigen, authentisch wirken – und nicht in erster Linie hübsche Kleiderständer sein.
 

— Die Aargauerin Nadine Strittmatter (28) arbeitet als Model für grosse internationale Designer und engagiert sich als Botschafterin der Schweizer Stiftung Myclimate für umweltverträgliches Handeln.

— Oliver Fiechter (41) ist Wirtschaftsphilosoph, Publizist und Gründer des ISG Instituts, einer Ideenfabrik in St. Gallen. Sein aktuelles Buch «Die Wirtschaft sind wir!» behandelt den Wandel der Ökonomie in Zeiten der sozialen Medien (Stämpfli-Verlag, 272 Seiten, ca. 40 Franken).

«Cooperative Behavior and Beauty»-Studie

Die Verhaltensökonominnen Donja Daria und Silvia Grätz haben für die Uni Zürich die britische TV-Spielshow «Golden Balls» analysiert. Im Fokus stand die Wirkung von Schönheit auf die Kooperationsbereitschaft zwischen Menschen («Cooperative Behavior and Beauty»). Die Forscherinnen kamen zum Schluss, dass optisch attraktive Menschen in bestimmten Entscheidungssituationen die besseren Karten haben.

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