Heft 21/15

Wie ist es eigentlich, als Mann Damenschneider zu lernen?

Aufgezeichnet von Stephanie Hess; Foto: Freeimages.com

 

Wie ist es eigentlich, als Mann Damenschneider zu lernen?

Remo Schraner (24), annabelle-Reportagen-Praktikant, erzählt, wie es ist, als Mann Damenschneider zu lernen.

Ein Jeans-Etui. Das war das Einzige, was ich selber genäht hatte, bevor ich die Lehre als Damenschneider in einem Haute-Couture-Atelier begann. Weil ich so wenig Vorkenntnisse besass, war die Ausbildung am Anfang ein einziges Ringen. Als ich meinen ersten Jupe fertig genäht hatte, kam meine Lehrmeisterin zu mir und meinte: «Du musst das alles nochmals aufmachen, die Tasche ist einen Millimeter zu lang.» Ich dachte, sie mache einen Witz. Es ging um einen Millimeter!

Es stimmt schon, die grossen Designer der einflussreichen Modehäuser sind vornehmlich Männer. Aber als Damenschneider-Lehrling war ich ein Exot, in meiner Berufsschulklasse gab es neben mir nur noch einen Mann. Wenn ich beim Arzt meinen Beruf angeben musste, hiess es jeweils: Es ist so toll, mit Holz zu arbeiten! Die Praxisassistentinnen wollten offenbar einfach nicht wahrhaben, dass ich Schneider bin, nicht Schreiner. Genauso die Kundinnen: Wenn ich im Atelier das Telefon abnahm und mich extra mit «Remo» vorstellte, wurde ich trotzdem für eine Frau gehalten. Oder für den Ehemann der Chefin.

Während dreier Jahre arbeitete ich in einer totalen Frauenwelt. Ein Klischee, ich weiss, aber natürlich wurde bei der Arbeit viel getratscht. Es gab kein Thema, bei dem wir alle nicht wortwörtlich aus dem Nähkästchen plauderten: Klatsch, Sex, Dates, Liebeskummer. Und beim Feierabendumtrunk tranken alle Cüpli. Ich bestellte mir dann trotzdem manchmal ein Bier. Bevor ich mich für drei Jahre hinter die Nähmaschine setzte, hatte ich erst für einige Semester die Schulbank im Gymnasium gedrückt. Das Lernen fiel mir nie schwer, aber es langweilte mich. Bei der Berufsberatung kam schliesslich die Idee einer Lehre als Bekleidungsgestalter auf. Aus lauter Gwunder absolvierte ich eine Schnupperlehre. Noch eine. Und noch eine. Ich war ganz verwundert, wie entspannt ich mich fühlte. Ich mochte die Arbeit mit dem Stoff, das handwerkliche Schaffen. Und es stellte sich heraus, dass ich gar nicht so unbegabt war, wie ich immer gemeint hatte. Warum ich nicht bei einem Herrenschneider in die Lehre ging? Weil es quasi keine mehr gibt. Und weil das Nähen von Frauenkleidern vielfältiger ist.

Durch die Arbeit im Damenschneider-Atelier kam mir nicht nur das Wesen der Frauen, sondern auch der weibliche Körper auf eine ganz andere Art näher. Ich hätte mir zuvor nie vorstellen können, dass es so etwas wie einen Body gibt – ein Oberteil mit Knöpfen zwischen den Beinen. Das tut doch weh! Mir wurde auch bewusst, dass beim Busen wirklich viel mehr Stoff benötigt wird und dass das beim Nähen seltsam verformt aussieht – am Frauenkörper dann aber perfekt sitzt.

Die weiblichen Rundungen lernt man vor allem auch durch das Abformen neu kennen, also beim Anpassen des Stoffs auf den Körper – was ich als Lehrling aber nur an der Schneiderbüste gemacht habe. Meine Chefin meinte jeweils, ich solle den Stoff nicht so eng feststecken, in so einem knappen Kleid könne sich keine Frau bewegen. Ich antwortete, dass ich eben für knackige Frauen schneidern würde. Ich fand es einfach schöner, wenn man die weiblichen Kurven sah.

Eine wichtige Erkenntnis, die mich bis heute begleitet: Es kommt nicht darauf an, was man trägt, sondern wie man sich darin fühlt. Manchmal kam es vor, dass ich den Stoff extrem hässlich fand, den ich verarbeiten musste, und den Schnitt noch hässlicher. Aber als ich die glückliche Kundin schliesslich im Kleid betrachtete, sah es toll aus.

Bei meiner eigenen Kleiderwahl spielt Qualität natürlich inzwischen eine grössere Rolle, schliesslich habe ich vor allem mit sehr hochwertigen Stoffen gearbeitet, die bis zu tausend Franken pro Meter kosteten. Früher ging ich nur bei H&M und Zara einkaufen. Heute betrete ich die Läden zwar noch, aber ich kaufe dort nur noch wenig. Ich sehe zu viele Fehler an den Kleidern! Beispielsweise, dass ein Saum falsch gebügelt ist, dass eine Naht nicht schön ist. Oder eine Tasche einen Millimeter zu lang.

Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

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