Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, am fahrenden Zug zu hängen?

Aufgezeichnet von Stephanie Hess, Bild: SXC

Simon Gerber* erzählt, wie es ist, am fahrenden Zug zu hängen.

Eigentlich hätte ich nur noch zwei Tage arbeiten müssen. Dann wäre meine Zeit als Pöstler bei der Eisenbahn zu Ende gewesen. Ich wäre dann noch ein paar Tage zu einem Freund nach Malmö gefahren, danach hätte ich mit der Ausbildung zum Buschauffeur begonnen. Und dann, ja dann kam eben alles anders.

Bahnpöstler zu sein, kann ziemlich stressig sein. An diesem Tag im Januar 2010 ist es so. Ich muss Päckchen aus einem Intercity-Zug ausladen. Die Zeit ist knapp. Ich werfe die Pakete also aus dem Gepäckwagen auf den Perron, springe hinterher. Beim Blick zurück sehe ich, dass ich ein Kistchen vergessen habe. Es piepst, das Gepäcktor schliesst sich. Ich will nach dem Päckchen greifen, aber erst als das Tor schon fast zu ist, kriege ich das Ding endlich in die Hand. Ich will es herausziehen, da schliesst sich die schwere Tür mit einem letzten Ruck. Der schwarze Gummi presst sich ins Fleisch. Meine Hand ist eingeklemmt. Ich haue auf den Türknopf, etwa 10 Mal. Nichts passiert.

Mit der freien Hand winke ich nach vorn zum Lokomotivführer, er wird mich schon sehen, denke ich. Plötzlich fängt der Zug an zu rollen – und ich an zu laufen. Panik steigt in mir auf. Ich schreie, renne und winke. Leute auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig sehen mich, schreien und winken ebenfalls in Richtung Lokführerkabine.

Langsam rollt der Zug aus dem Bahnhof, wird immer schneller. Ich strauchle über die Schottersteine. Ich renne so schnell, wie ich zuvor noch nie in meinem Leben gerannt bin. Doch bei etwa 30 Stundenkilometern ist einfach Schluss, da tragen dich keine Beine mehr. Komischerweise denke ich in dem Moment nicht daran, dass ich nun sterben könnte. Sondern daran, dass ich nun sicher nicht nach Malmö fahren kann.

Der Zug beschleunigt weiter, bis auf 90 Stundenkilometer. Ich hänge am Bahnwagen wie ein Mehlsack. Die Beine versuche ich so gut es geht oben zu halten. Dinge ziehen an mir vorbei: Masten und kleine Täfelchen, die unten an den Gleisen angebracht sind. Das Einzige, was jetzt noch in meinem Kopf ist: Hoffentlich kommt keine Stange, die mich wegrasiert. Schmerzen spüre ich keine. Ich glaube, wegen des Adrenalins.

Der ganze Horror dauert zwei Minuten. Nach der Einfahrt im nächsten Bahnhof schaff ich es, noch mal den Türknopf zu drücken. Und – halleluja, die Tür geht auf. Ich falle wie ein nasser Sack auf die Geleise. Ein SBB-Mitarbeiter schreit, ich solle liegen bleiben, er rufe die Sanität.

Einen Drittel des rechten Fusses konnten die Ärzte nicht mehr retten. Zehen und Fussballen wurden komplett weggeraspelt. Ansonsten hatte ich keine Verletzungen. Ich war zwei Monate im Spital, zwei Monate in der Reha. Jetzt trage ich spezielle Schuhe mit Einlagen, damit ich richtig gehen kann. Die Ausbildung zum Buschauffeur konnte ich trotzdem absolvieren, darüber bin ich enorm glücklich.

Mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Das kann ich heute noch kaum fassen. I survived the Hellride! Ich habe diesen Spruch auf T-Shirts gedruckt und sie meinen Freunden verteilt. Die Ermittlungen haben später ergeben, dass das Gepäcktor defekt war.

Wenn ich Nachrichten über Personenunfälle der SBB höre, kriege ich heute noch Gänsehaut. Aber dann wird mir auch immer wieder bewusst, wie schön es ist, dass ich noch da bin.

* Simon Gerber (49) ist ein ehemaliger Bahnpöstler aus Rotkreuz in Zug

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