Senn & So – Die Kulturkolumne von Claudia Senn

«The Crown»: Netflix hat noch mehr britische Unterhaltung zu bieten

Text: Claudia Senn; Foto: Netflix 

The Crown
  • Auf «The Crown» folgt «Top Boy»:

    Kultur-Redaktorin Claudia Senn freut sich auf den Gangster nach der Krone. 

Die dritte Staffel von «The Crown» ist in aller Munde. Unsere Autorin gibt sich die royalen Dramen natürlich auch – sie weiss aber auch, was nach den zehn Folgen bei ihr auf dem Programm steht. 

Natürlich schaue auch ich gerade die dritte Staffel von «The Crown», dieses Fernsehjuwel über die englische Königin – das unschuldigen kleinen Mädchen die Prinzessinenträume für immer austreiben wird. Bloody hell, welche Zumutungen die Queen täglich weglächeln muss, um die angeblich so wichtige Show namens Monarchie am Laufen zu halten! Man sollte ihr einen Orden verleihen, allein dafür, dass sie schon so lang durchhält.

Wenn nach zehn Folgen Schluss ist mit stiff upper lip und Palast-Intrigen, ist es Zeit für ein Gegengift, eine Art Anti-«Crown», das einen wieder zurückholt in die Niederungen des Proletariats mit seinen Existenznöten und Alltagssorgen. Hierfür empfehle ich «Top Boy», die Gangsterserie, die auf jegliche Gangsterromantik verzichtet.

«Top Boy» spielt in der fiktiven Londoner Sozialbausiedlung Summerhouse, wo verschiedene Gangs um die Vorherrschaft im Drogengeschäft konkurrieren. Ähnlich wie einst «The Wire» erzählt auch diese Serie, wie alles mit allem zusammenhängt: wie existenzielle Not und die Versäumnisse des Sozialstaats den Gangs immer neuen Nachwuchs in die Arme treiben. Wie die Kontrolle der Polizei in Summerhouse längst entglitten ist. Wie die schwächsten Glieder der Gesellschaft, die Kinder, kaum eine Chance haben, der Kriminalität zu entrinnen. «Top Boy» macht sich die Mühe, auch die Motive der sogenannt Bösen nachzuvollziehen. Brutale Verbrecher sind gleichzeitig liebende Familienväter. Statt plumper Schwarzweissmalerei gibt es sehr viele Grautöne, dazu einen hypnotischen Soundtrack von Brian Eno, und das alles wird so schmerzhaft authentisch erzählt, dass man nach dem Ende einer Folge manchmal ein paar Sekunden braucht, um wieder in der Wirklichkeit anzukommen: Entwarnung! Es ist nur Fernsehen! Die ersten zwei Staffeln liefen zwischen 2011 und 2013 auf dem britischen Sender Channel 4. Danach wurde die Serie trotz hymnischer Kritiken abgesetzt. Dass nun von Netflix doch eine Fortsetzung gedreht wurde, ist einem ebenso prominenten wie leidenschaftlichen «Top Boy»-Fan zu verdanken: dem kanadischen Rapper Drake, der Netflix davon überzeugen konnte, die Rechte aufzukaufen. Die beiden alten Staffeln laufen jetzt auf Netflix unter dem Namen «Top Boy: Summerhouse», die neue heisst bloss «Top Boy». Fantastisch sind sie alle drei. Yo, Drake, danke, Bro, hat sich echt gelohnt!

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