Der talentierte Mr. Kummer

«Ich sehe das bis heute nicht als Vergehen»

Text: Claudia Senn; Fotos: Christian Werner, ZVG

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Tom Kummer als geheimnis­umwitterter Reporter 1988 in New York.

Der Bad Boy als Diplomatenchauffeur bei der brasilianischen Botschaft in Bern.

Hochzeit 1998 mit Nina. «Noch immer denke ich viel zu viel an sie», sagt Tom Kummer. 

Lachen? Ein seltener Anblick! Tom Kummer mit seinen Söhnen Henry (hinten) und Jack.

«Wir waren ein Anti­-Paar»: Mit Nina in Berlin.

Going West: Nina und Tom unter­wegs in Texas.

Paddle­Tennis­Lehrer Tom mit berühmtem Schüler – dem Schweizer NHL­Superstar Roman Josi.

Tom Kummer möchte gern ein seriöser Schriftsteller sein. Doch seine Skandale kleben an ihm wie alter Kaugummi. Ein Hausbesuch bei einem Mann, der sich in seiner Bad-Boy-Rolle so pudelwohl fühlt wie in einem körperwarmen Uterus.

Auf Fotos gibt er sich stets Mühe, finster zu wirken, wie ein Mann mit gefährlichen, aber interessanten Abgründen. Seine Frisur bringt ältere Herrschaften dazu, vorsichtshalber lieber die Strassenseite zu wechseln. Auf manchen Bildern trägt er eine Sonnenbrille, die sein halbes Gedicht bedeckt. Lächeln kommt sowieso nicht in Frage.

Man hatte sich also auf ein schwieriges Gespräch eingestellt. Mit einem Mann, der sich in seiner Rüstung aus Posen verschanzt. Doch natürlich hatte uns Tom Kummer mit seinen Fotos bloss aufs Glatteis geführt. Bad Boy Kummer, der Outlaw, der nichts so verachtet wie Spiesser und «Korrektmenschen», der mit dem Desaster flirtet und stets auf der scharfen Kante der Rasierklinge balanciert, ist nur eine Kunstfigur. Wenn ihn die Leute für einen Bad Boy halten, dann gibt er ihnen eben den Bad Boy. Kummer grinst. «Nichts ist doch schöner, als andere auf falsche Fährten zu locken.»

Vor fünf Jahren hatte Tom Kummer seine damalige Heimat Los Angeles verlassen, «diesen Moloch». Seither lebt der heute 59-Jährige mit Jack, dem jüngeren seiner beiden Söhne, wieder in Bern, der Stadt, in der er geboren wurde und aus der er mit 21 Jahren gef lüchtet war. Kummer wohnt im sechsten Stock eines Hochhauses am Ostring. Vor dem Fenster das Brausen der Autobahn und die Skyline von Wittigkofen. «Ich mag es anonym», sagt er, doch später schäkert er im Treppenhaus so ausufernd charmant mit der Nachbarin, dass man diese Aussage sogleich in Zweifel zieht.

Obwohl hier auch ein Teenager haust, ist die Wohnung makellos aufgeräumt. Es ist nicht die Männerhöhle, die man erwartet hätte, sondern ein spartanisch, aber geschmackvoll möbliertes Heim. Der Fernseher läuft rund um die Uhr. Er zeigt Bilder von fernen Landschaften und exotischen Tieren. «So fühle ich mich weniger allein», sagt Kummer. An den Wänden hängen die Werke befreundeter Künstler, auf dem Boden steht wie eine surrealistische Skulptur ein blaues Kinderskateboard mit einem ausgestopften Gürteltier darauf.

Kummer trägt Schwarz wie immer, er ist ein «man in black» wie Johnny Cash oder Nick Cave, seine Brüder im Geiste. «Ich mag das Morbide, den Abgrund, die verachtenswerte Seite des Menschen», sagt er. Da ist sie wieder, seine Paraderolle, in der er sich so pudelwohl fühlt wie in einem körperwarmen Uterus. Der Abgrund ist sein natürliches Habitat. Was er nicht sagt, ist, dass er auch das Lebensfrohe mag. Über die mitgebrachten Sprüngli-Truffes freut er sich wie ein Kind. Freunde berichten, er könne fantastisch kochen und gebe unvergessliche Dinnerparties. Ohne die Realität zurechtbiegen zu müssen, kann man Kummer als nett bezeichnen. Er ist ein freundlicher Mann, zudem aussergewöhnlich höflich. Andauernd ist er um das Wohl der Reporterin besorgt. Ist der Kaffee in ihrer Tasse noch warm? Hat sie schon die Guetsli probiert? Findet sie nach dem Interview auch wirklich allein den Weg zur Tramhaltestelle? Den Gangsterblick auf den Fotos bringt man kaum mit dem Mann in Verbindung, der nun vor einem sitzt und in angenehm vor sich hin schunkelndem Berner Dialekt erzählt, wie aus Tom, dem Berner Giel, Tom Kummer, der journalistische Meisterfälscher und schliesslich Tom Kummer, der Schriftsteller, wurde.

Mutter: Hausfrau. Vater: Manager beim Schweizerischen Sportverband. Geschwister: keine. Seine Familie schildert Kummer als harmonisch, sportbegeistert und «relativ ausgeglichen», abgesehen davon, dass sein Vater ein Lebemann gewesen sei, der gern rauchte und trank. Er starb an Krebs, als sein Sohn gerade zwölf war. Vermittelt wurden dem kleinen Tom gut schweizerische Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordentlichkeit. «Ich hatte ein extremes Bewusstsein dafür, meine Pflicht zu erfüllen und ein guter Sohn zu sein», sagt er, «also fing ich an, vieles heimlich zu tun, was meine Eltern mir sowieso nicht erlaubt hätten». Progressive Rock hören, später Punk. Kiffen. In der be-setzten Reithalle abhängen und dort Intellektuelle kennenlernen, schwarz Angezogene, Psychedeliker mit langen Haaren – «extrem coole Leute, die absolut gar nichts mit meinem Elternhaus zu tun hatten». Das Doppelleben, das er später viele Jahre lang führte, nahm da schon seinen Anfang.

«ICH HATTE EIN EXTREMES BEWUSSTSEIN DAFÜR,
EIN GUTER SOHN ZU SEIN.
ALSO FING ICH AN, VIELES HEIMLICH ZU TUN.»

In seiner Jugend war Kummer ein hochtalentierter Tennisspieler. Er gehörte zur Schweizer Nationalmanschaft, manche machten sich sogar Hoffnungen, er könne Profi werden. Jeden Tag schritt er in seinen blütenweissen Tennisklamotten durchs Länggass-Quartier und schämte sich vor den Kindern der Von-Roll- und Tobler-Schokolade-Arbeiter zu Tode, «denn Tennis war ja ein Snob-Sport». Ironischerweise ist er heute Präsident des Tennisclubs Neufeld, in dem er damals trainierte. Doch als es mit 15 Jahren richtig losging mit dem Sport, da war der Spass auch schon vorbei. Dass man plötzlich so hohe Erwartungen in ihn setzte, schnürte ihm die Luft ab, auch machte ihm der Tod seines Vaters zu schaffen. «Von da an wurde Flucht ein wichtiges Thema in meinem Leben.» Kummer wollte weg, «aus dem Tennis, aus dieser Gesellschaft, aus der Schweiz, aus dem Paradies».

Mit 21 liess er seine in Tränen aufgelöste Mutter in Bern zurück, die überzeugt war, mit ihm ginge es von jetzt an bergab, und zog in eine Berliner Fabriketage. Ohne Job, ohne Ausbildung, «ich war completely lost». Doch es waren die 1980er, das Zeitalter des «anything goes» und der genialen Dilettanten. Kummer nannte sich nun «Scapoda» und zündete ein Stück der Berliner Mauer an, um sich zu beweisen, wie wild und draufgängerisch er war. Die RAF war damals ein Mythos, Andreas Baader fand er «heiss», ein bisschen was vom düsteren Glanz der Terrororganisation sollte durch seine sinnfreien Brandanschläge auch auf ihn abfärben. Gedacht habe er sich dabei «nicht viel», sagt er, die Folgen seien ihm völlig egal gewesen, «dieses Gnadenlose, das ich an mir habe, das Nicht-mehr-nach-rechts- und-links-Schauen, das bildete sich da schon heraus.» Doch fehlte ihm die Bühne, auf der er seine Talente, die irgendwo in ihm schlummern mussten, entfalten konnte. Was sollte bloss aus ihm werden? Ein Performancekünstler vielleicht? Oder ein Underground-Filmregisseur wie Jim Jarmusch oder David Lynch? Kummer zermarterte sich sein Gehirn, wie er es nach New York an die Filmschule schaffen könnte, «aber fuck, das war viel zu teuer».

Also dachte er sich das Tagebuch eines RAF-Schläfers aus, schrieb es in einem wilden Rausch nieder und bot es dem «Spiegel» an. Der zeigte sich begeistert – bis Kummer kleinlaut eingestand, es selbst verfasst zu haben. «Verarschen wollte ich damals noch keinen», sagt er, «was ich wollte, war, dass die merken, was für ein super Schreiber ich bin.» Kummer lacht über die eigene Vermessenheit: Mit dem ersten Text gleich im journalistischen Olymp anzuklopfen! «Total naiv!» Seine frühen Jahre will er nicht schönreden. Um einen Eindruck zu vermitteln, wie verloren und unfertig er sich damals fühlte, holt er einen abgegriffenen Bildband von Nan Goldin hervor. Er heisst «Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit» und verhalf der amerikanischen Fotokünstlerin 1986 zum Durchbruch. Auf zwei Bildern ist Kummer zu sehen, an einem Bartresen in Berlin, gemeinsam mit der ebenfalls blutjungen Künstlerin Kiki Smith. Ein schlaksiger Mann im Unterhemd, der seine Unsicherheit mit Grossspurigkeit zu kaschieren versucht.

Als die Bilder gemacht wurden, kannte er Nina schon, die drei Jahrzehnte lang an seiner Seite bleiben sollte. «Wir waren ein Anti-Paar», sagt Kummer. «Wenn wir irgendwo eingeladen waren und einen unserer kleinen Privatstreits vom Zaun brachen, dachten die anderen am Tisch immer: Die trennen sich morgen.» Mit seinem 2017 erschienenen Buch «Nina & Tom» setzte er seiner Frau, die 2014 an Darmkrebs gestorben war, ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Denkmal. Darin schildert er Nina als einsame Wölfin, die ein fantastisches ästhetisches Gespür hatte, aber nichts von Zärtlichkeit hielt und alles, was ihr zuwider war, eruptiv aus sich herauskotzte. Eine Gefährtin, wie geschaf-en für den König der Abgründe. Beim Sex wurde sie gern gewürgt. «Meistens stieg die Geilheit wie ein Wahnsinn in ihr auf und löschte alle Vernunft», schreibt Tom Kummer in seinem Buch. «Ihr narzisstischer Jetzt-und-alles-Terror konnte nur befriedigt werden, wenn man sie körperlich schockierte. Dabei ist Nina ein zer-brechliches Wesen.» Kummer war hingerissen.

Natürlich sei eine derartige Frau anstrengend, sagt er mit einem schiefen Lächeln, «doch du willst ja nicht ständig nur gemeinsam in den Sonnenuntergang starren». Sie hätten sich gegenseitig mit Optimismus gefüttert. Er habe sie mit all ihren Widersprüchen geliebt. «Durch sie wurde ich der, der ich bin, im Guten wie im Schlechten.»

Nina war es auch, die ihn ermunterte, an einem Kurzgeschichtenwettbewerb der Zeitschrift «Transatlantik» teilzunehmen, die von einem gewissen Hans Magnus Enzensberger geleitet wurde. Ein deutscher Chefintellektueller, doch Kummer sagte der Name nichts. Er gewann den Wettbewerb, seine Geschichte wurde abgedruckt und mit 2500 Mark honoriert. So lukrativ konnte der Zeitschriftenmarkt also sein, der damals in seinen Blütejahren steckte! Kummer hatte Blut geleckt.

Wenig später bewarb er sich mit seiner Geschichte bei «Tempo», einem neuen Magazin aus Hamburg, das Politik und Popkultur zusammenbringen wollte. «Als ich die Redaktionsvilla sah, dachte ich erst, da passe ich überhaupt nicht rein», sagt er. Kummer war im linken Kreuzberg sozialisiert, und «‹Tempo› roch verdächtig nach Kommerz». Um dem Chefredaktor zu zeigen, «wer ich bin und woher ich komme», führte er ihm sein Mauerbrand-Video vor. «Total peinlich, ich weiss auch nicht, was mich dabei ritt.» Doch Markus Peichl, der Chefredaktor, engagierte Kummer trotz seiner Anarcho-Posen. Was danach passierte, betrachtet Tom Kummer bis heute als «monumentales Missverständnis». Für den Rest der Welt ist es einer der grössten Medienskandale der vergangenen Jahrzehnte.

«Muss ich das alles wirklich noch einmal erzählen?», fragt Tom Kummer nun gequält. Er weiss schon, was jetzt kommt. Gleich wird es wieder «moralisch». Gleich muss er sich wieder rechtfertigen. Er habe sich doch damals allen Fragen gestellt, sagt er. Weshalb den ganzen Mist noch mal aufwärmen, der wie alter Kaugummi an ihm klebt? Am liebsten würde er das Gespräch über das schwierige Thema wohl verweigern. Doch dafür ist Kummer schlicht zu höflich. Also fährt er fort, so lustlos, als nehme er eine lästige Strafaufgabe in Angriff. Erst einmal lief alles glatt. Kummer entpuppte sich als fantastischer Schreiber, wie geschaffen für den aufregenden, radikal subjektiven Journalismus, den die Zeitgeistpostille «Tempo» anstrebte. Er berichtete aus einer Neonazi-WG, liess sich für eine Woche im Keller ein-perren, um die Auswirkungen der Isolationshaft zu simulieren und wartete zusammen mit anderen Journalisten im Hotel Intercontinental in Amman auf den Ausbruch des Golfkriegs. Astrid Proll, eine ehemalige RAF-Terroristin, die nach Absitzen ihrer Haft bei «Tempo» als Bildredaktorin angeheuert worden war, stellte ihm stets die besten Fotografen zur Seite. Mit einer Reportage über einen Cholera-Ausbruch in Lima wurde er sogar für den Kisch-Preis nominiert.

Das journalistische Handwerk jedoch war gar nicht sein Ding. Recherchieren, Kontakte abklappern, «dieses Faktenhuberische» – langweilig. «Im Grunde genommen war ich dafür einfach zu faul», gesteht er mit erfrischender Offenheit. «Ich sitze lieber im Hotel und denke über einen schönen Satz nach.» Und wenn andere Autoren schöne Sätze geschrieben hatten, die super in seine Geschichte passten, dann sah er keinen Grund, weshalb er sie nicht wiederverwenden sollte.

Früh schon gab es eine erste Verwarnung, weil Kummer für eine Reportage über angebliche Ritualmörder in Mexiko aus einem Roman von Richard Ford abgeschrieben hatte. Beeindruckt hat ihn der Anschiss nicht. «Ich sehe das bis heute nicht als Vergehen», sagt er beinahe trotzig. «Sampling», wie er es nennt, sei doch nichts anderes als eine Hommage an seine Lieblings-utoren. Dass andere so etwas als Urheberrechtsverletzung bezeichnen, quittiert er mit einem Achselzucken. Hat er abgekupfert, weil er seinem eigenen Talent zu wenig vertraute? Überhaupt nicht, sagt Kummer, aber die kreativen Einf üsse anderer würden doch dauernd auf uns einwirken. «Wir sollten nicht so tun, als entstünde Kunst im stillen Kämmerlein eines Genies, das einzig aus sich selbst heraus schöpft. Kultur baut immer auf anderer Kultur auf.»

«WIR SOLLTEN NICHT SO TUN,
ALS ENTSTÜNDE KUNST
IM STILLEN KÄMMERLEIN EINES GENIES.
KULTUR BAUT IMMER AUF ANDERER KULTUR AUF.»

Kummer bediente sich jedoch nicht nur bei den Texten anderer. Er nahm es auch mit der Wahrheit nicht so genau. Zu wahrer Meisterschaft in der Kunst des Erfindens brachte er es beim «Magazin der Süddeutschen Zeitung», für das er nach einem Zerwürfnis mit dem neuen «Tempo»-Chefredaktor Michael Jürgs hauptsächlich arbeitete. 1993 war er mit Nina nach Los Angeles gezogen, «ein Riesenpool aus Mythen, in den wir eintauchen wollten». Da lag es für seine Chefs auf der Hand, ihn als Hollywood-Reporter einzusetzen. Kummer wurde seiner Aufgabe mehr als gerecht.

Während andere von ihren 20-Minuten-Terminen mit den Stars bloss Plattitüden mitbrachten, aus denen eine Armada von Pressesprechern und PR-Agenten noch das letzte bisschen Leben tilgte, lernte man in seinen Interviews die Schauspieler von einer ganz neuen Seite kennen. Ein trashiges Sexsymbol wie Pamela Anderson tönte bei ihm plötzlich wie eine Philosophin.

Sharon Stone zischte: «Ich lasse mich nicht mehr verarschen. Ich knirsche mit den Zähnen und schicke die Typen in den Dreck.» Und Charles Bronson präsentierte er als feinfühligen Hobbygärtner, der täglich mit seinen Lilien spricht. Interviews wie Kleinode, voller Ironie und Humor. Dass sie in Wirklichkeit bloss grossartige Selbstgespräche waren, schien keinem aufzufallen. Bald schon konnte sich Kummer vor Aufträgen kaum noch retten. Alle wollten seine Texte haben, auch annabelle.

In «Nina & Tom» gibt es eine Szene, in der er beschreibt, wie dreist er beim Komponieren seiner Interviews vorging: «Ich werfe beliebige Sachbücher in die Luft und lasse mich dann von der zufällig aufgeschlagenen Seite zu Dialogen mit Hollywood-Stars inspirieren. Bei Bronson war es ein Fachbuch über die Aufzucht von Orchideen und Lilien.» Das klingt wie aus «Catch Me if You Can», einem Film über einen Hochstapler, für den alles bloss ein Spiel ist. Tatsächlich sei er immer extremer geworden, bestätigt Tom Kummer. «Es war ein Spiel. Ein subversives Spiel in einem System, das durch und durch korrupt ist. Ich wollte die Schraube immer weiterdrehen.»

Insgeheim habe er darauf gehofft, dass ihn jemand stoppt. Die Redaktionen hätten ja schliesslich die Termine mit den Stars für ihn gemacht. «Ich bekam die-selben lausigen 15 Minuten mit Tom Hanks wie alle anderen – und lieferte dann einen epischen Text, wie ihn nicht mal ‹Vanity Fair› oder der ‹New Yorker› hatte. Da hätte doch auch mal jemand stutzig werden können. Es war doch so offensichtlich.» Er sei davon ausgegangen, dass seine Auftraggeber wussten, was sie da druckten, sagt Kummer. Ein tragisches Missverständnis, «sehr naiv von mir». Er verstehe schon, dass die Branche einen wie ihn ausstossen müsse. Aber Reue? Nein, Reue empfinde er nicht.

«ES HÄTTE DOCH AUCH MAL
JEMAND STUTZIG WERDEN KÖNNEN.
ES WAR DOCH OFFENSICHTLICH.»

Als Ende 2018 der «Spiegel»-Autor Claas Relotius als Fälscher enttarnt wurde, setzte Tom Kummer den folgenden Tweet ab: «... im Übrigen hoffe ich, dass es Claas Relotius gut geht. Falls er einen Ort braucht, um zu entspannen, soll er sich melden. Wir fahren morgen ins Berner Oberland, angenehmes Rückzugsgebiet. Die Schweiz ist ein Asylland ...» Eine Solidaritätsbekundung, von Fälscher zu Fälscher. Aber verwandt fühlt er sich mit dem «Spiegel»-Reporter nicht, «höchstens in seiner Qualität als Erzähler und Autor». Reden will er auch nicht über ihn. Relotius habe politische Geschichten geschrieben, er selbst bloss launige Unterhaltung.

Doch es gibt eine weitere Parallele zwischen den beiden Meisterfälschern: Wie bei Relotius war es auch bei Kummer ein Kollege, der ihn schliesslich auffliegen liess. Es kam der Tag, an dem es die anderen Hollywood-Reporter schlicht satthatten, vor ihren Chefs stets wie Versager dazustehen, während Kummer mit opulenten Texten brillierte. Im Mai 2000 übersetzte ein Kollege vom Burda-Verlag einige von Kummers Interviews ins Englische und legte sie den Agenten der Stars vor. Mehr brauchte es nicht. Game over.

Als Absturz will Tom Kummer die darauffolgende Zeit nicht verstanden wissen, auch nicht als sozialen Abstieg. «Ich habe einfach etwas anderes getan, das mir Spass macht.» Fortan arbeitete er als Lehrer für Paddle-Tennis, eine Mischform zwischen Tennis und Squash, und widmete sich mit Nina seinem Erstgeborenen Henry, der 1998 zur Welt gekommen war. Fünf Jahre später folgte Jack. Überraschenderweise entpuppte sich Kummer als guter Vater, obwohl zuvor viele Leute der Meinung gewesen seien, Menschen wie Nina und er sollten besser keine Kinder bekommen. «Wenn du Vater wirst, kommt ein anderes Ich aus dir heraus», sagt er. Bei ihm habe sich plötzlich ein grosses Verantwortungsbewusstsein gezeigt. «Das egozentrische Leben, das ich vorher geführt hatte, war vorbei.»

Tom Kummer ist stolz auf seine Jungs und die gute Beziehung, die er zu ihnen hat. Henry, der eine Kunsthochschule in New York besucht, ruft während des Interviews zweimal an. Es gebe kaum einen Tag, an dem er sich nicht melde, sagt sein Vater. Jack, der jüngere, ist nach Ninas Tod mit ihm nach Bern gezogen. Er macht ein zehntes Schuljahr und möchte danach «ein gutes Schweizer Handwerk» erlernen. Auch mit seiner Mutter hat Kummer heute ein entspanntes Verhältnis. «Wenn ein Sohn älter wird, muss er fähig sein, sich mit seiner Mutter wieder zu befreunden», sagt er. Kummer gebraucht oft solche Sätze, die daherkommen wie absolute Wahrheiten. Er klingt dann, als spräche Häuptling Sitting Bull zu seinem Volk. Auch seine Gestik hat manchmal etwas Theatralisches.

Nachdem ordentlich Gras über den Medienskandal gewachsen war, gaben ihm verschiedene Redaktionen eine zweite Chance. «Welcome back, Tom», schrieb Roger Köppel 2013 im Editorial seiner «Weltwoche». Beim Magazin «Reportagen» war er ebenso willkommen. Drei Jahre später enthüllte die «NZZ», dass auch die neuen Texte voller Plagiate waren. Hätte er sich nicht denken können, dass er unter Beobachtung steht? Tom Kummer seufzt. «So ist nun mal meine Arbeitsweise», erklärt er bloss trocken. «Quellenangaben halte ich für ästhetisch störend, und sie hemmen den Lesefluss.» Der neuerliche Skandal bewegte ihn nicht sonderlich.

«Ich bin kein Journalist. Ich hätte nie einer werden sollen, sondern lieber gleich Schriftsteller», sagt er heute. Der Literaturbetrieb ist wohl wirklich der Platz, wo er hingehört. Solang «Roman» oben drüber steht, gibt es kein lästiges Korsett der Fakten, das seinen Schreibflow hemmen könnte. In «Blow up – Die Story meines Lebens» erklärte er 2007 seine Sicht des Kummer-Skandals. Im selben Jahr erschien auch ein fiktives Interview mit dem Eisbären Knut – eine einigermassen bizarre Kombination: der Bad Boy und das Bärchen. «Nina & Tom» schliesslich (2017) wurde von der Kritik für seine Intensität gelobt, obwohl die offenbar unvermeidlichen Plagiatsvorwürfe auch hier nicht ausblieben. Der autobiografische Roman ist inzwischen ins Amerikanische übersetzt worden, auch die Filmrechte sind verkauft.

In diesen Tagen erscheint nun «Von schlechten Eltern», eine Art Fortsetzung von «Nina & Tom», wenn man so will. Es geht um einen Mann, der seine Frau verloren hat und unschwer als Alter Ego von Tom Kummer zu erkennen ist. Gefangen in seinen Erinnerungen an die verstorbene Liebe, kümmert er sich tagsüber um den halbwüchsigen Sohn und chauffiert nachts für einen dubiosen Limousinenservice afrikanische Potentaten durch die Schweiz. Kummer hat tatsächlich einmal als Chauffeur gearbeitet, 1983, für die brasilianische Botschaft. «Die Botschaftsfahrer haben damals auf mich gewirkt wie eine Geheimloge.»

Die Stimmung im neuen Roman ist eine völlig andere als im rauschhaften «Nina & Tom»: Die Party ist vorbei, die Welt des Protagonisten steht still, erstarrt in den Grautönen der Nacht und in seiner Trauer, die legt. Das erste Kapitel hat Tom Kummer letztes Jahr beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vorgelesen und dafür von der Jury mehrheitlich gutes Feedback bekommen. Sie kritisierte aber auch seinen Hang zum Pathos.

Trauer sei nun mal ein pathetischer Zustand, sagt Kummer. «Man schaut in den Abgrund, man sieht diese Schwärze.» Zum ersten Mal tönt das Wort «Abgrund» aus seinem Mund nicht abgedroschen. Viele Trauernde würden depressiv, sagt er. «Ich nicht. Ich spreche lieber von Melancholie. Ich kann in der Melancholie viel Schönheit erkennen.» Aber das erste Jahr nach Ninas Tod sei schlimm gewesen, am Anfang sei er überhaupt nicht klargekommen. «Noch immer denke ich viel zu viel an sie.» Als er später die Fotos von Nina und seinen Kindern heraussucht, die diesen Artikel bebildern, setzt ihm das zu. Er habe Probleme, neue Beziehungen einzugehen. «Wenn man eine so grosse Liebe hatte, bleibt man danach vielleicht für immer allein.»

Es sind Sätze, die aufrichtiger tönen als so manches, das Tom Kummer im Laufe des Nachmittags erzählt hatte – weil sie nicht auf ihre Wirkung bedacht sind. Kummer ist jetzt nicht der Hobby-Terrorist, der Starreporter, der Hochstapler, der heimgekehrte Sohn. Sondern bloss ein Mann, der trauert. Gegen die Trauer ist jede Attitüde machtlos.«Ich verstehe mich als Schriftsteller, nicht als Skandalfigur», sagt er zum Abschied. Man wünscht ihm, dass ihn auch der Literaturbetrieb so sieht, eines Tages. Doch wie hiess gleich seine Antwort auf die allerletzte Frage, ob es auch bei seinem neuen Roman wieder Plagiatsvorwürfe geben werde? «Ich glaube nicht», sagte er nach langem Zögern. «Aber bei mir kann man nie wissen. Ich bin vom Format Rebell. Irritieren gehört zu meinem Schreiben.» Irgendein Spürhund wird sich schon die Mühe machen, es bald herauszufinden. 

Auch dieser Text enthält Samplings. Einige Zitate stammen aus Tom Kummers Büchern. Und den Satz mit dem «gemütlich vor sich hin schunkelnden Dialekt» hatte die Autorin so ähnlich in einem «Spiegel»-Porträt über einen Kölner Meisterdieb gelesen. Viel zu schön, um ihn nicht wiederzuverwenden!

Chronik der Kummer-Skandale

Februar 1999: Kummer bietet dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) ein Interview mit Christina Ricci an, dessen Wahrheitsgehalt die Chefredaktion bezweifelt. Die verlangten Tonbänder kann Kummer nicht vorlegen. Das SZ-Magazin warnt Roger Köppel, Chefredaktor des Zürcher «Magazins». Beide Redaktionen beenden die Zusammenarbeit. Das Interview erscheint doch noch – u. a. in annabelle.

15. Mai 2000: Das Magazin «Focus» veröffentlicht einen Artikel, in dem die Pressesprecherinnen von Sharon Stone, Kim Basinger, Brad Pitt und Courtney Love bestreiten, dass Kummers Interviews mit den Stars je stattgefunden haben. Kummers Kollegen gehen auf Distanz, sein Literaturagent trennt sich von ihm. Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, die beiden Chefredaktoren des «SZ-Magazins», verlieren ihre Posten.

2005: Kummer erhält von der «Berliner Zeitung» (BZ) eine neue Chance. Doch die BZ beendet die Zusammen-arbeit sofort wieder, nachdem bekannt wird, dass sein Artikel aus zwei alten, bereits veröffentlichten Texten zusammengeschrieben wurde.

2013: Kummer schreibt nun wieder regelmässig für die «Weltwoche» und publiziert auch im Magazin «Reportagen».

2016: Die «NZZ» entdeckt in diversen seiner Texte für «Weltwoche» und «Reportagen» Plagiate. Tom Kummer hatte aus Artikeln von «Spiegel», «Zeit», «Süddeutscher Zeitung», Wikipedia und anderen abgeschrieben. Die Redaktionen beenden die Zusammenarbeit.

2017: Kummers Buch «Nina & Tom» erscheint. Die «Süddeutsche Zeitung» deckt auf, dass Kummer ganze Passagen aus Romanen von Frédéric Beigbeder, Richard Ford und Kathy Acker übernommen hat. Die Leser scheint es nicht zu stören. Der Roman kommt bei Kritik und Publikum gut an.

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