Kristin Scott Thomas im Interview

«Ich warte ständig auf das nächste Desaster»

Interview: Mariam Shaghaghi

  • Singen gegen die Angst: Kristin Scott Thomas als Chorleiterin in «The Singing Club».

Wenn sie gut darin sei, Menschen mit ihrer Arbeit zum Weinen zu bringen, sagt die britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas, liege das auch an ihrer Vergangenheit. Im Film «The Singing Club» steckt viel von ihrer eigenen, bewegenden Geschichte.

Sie war in «Vier Hochzeiten und ein Todesfall» unglücklich in Hugh Grant verliebt. Ging in «Der englische Patient» mit Ralph Fiennes auf Oscarkurs. Lernte vom «Pferdeflüsterer» Robert Redford Geduld und Liebe neu kennen. Und bei jeder, aber auch jeder Rolle war sie der Inbegriff von Eleganz, Haltung und Klasse. Was nicht nur an ihren edlen Gesichtszügen liegt. Ihre Gefühle setzt sie extrem dosiert ein, dann aber mit grosser Leidenschaft und Hingabe. Kristin Scott Thomas ist die Frau für gehobene Melodramen.

Die Britin liebt kleinere, aber exquisite Filmprojekte. Angebote aus Hollywood liess sie meist links liegen, schon weil Europa ihrem Denken und Empfinden immer viel näher war – vierzig Jahre lang war Paris ihre Wahlheimat, selbst ihr Kleidungsstil ist durch und durch «parisien». Nun ist in den Kinos «The Singing Club» angelaufen – mit Kristin Scott Thomas in der Hauptrolle –, dessen Story sehr nah an ihrer eigenen Biografie liegt. Sie selbst wuchs auf einem Militärstützpunkt auf. Das Leben in der Armee war ein Leben mit dem Tod; diese Atmosphäre kennt Kristin Scott Thomas nur zu gut. Im Film glänzt sie als beherrschte Offiziersgattin, deren Mann für einen Militäreinsatz in Afghanistan einberufen wird. Zusammen mit den anderen Armee-Frauen gründet sie einen Chor, in dem sie gegen ihre Ängste ansingen – bis sie in ganz England von sich hören machen.

Zum Interview treffen wir uns in London in einem hippen Luxushotel mitten im quirligen Stadtteil Soho. Kristin Scott Thomas ist schon vor Ort. Die sechzig Jahre sieht man ihr nicht an: Ihr Gesicht ist von einer zeitlosen Schönheit. Ihre Augen leuchten, ihr Lächeln strahlt Warmherzigkeit aus und ihre Mimik, besonders der rotgeschminkte Mund, verrät ihr Temperament. Vor ihr steht eine Tasse Tee. Die britische Herkunft verpflichtet.

annabelle: Kristin Scott Thomas, Ihr Vater und Ihr Stiefvater dienten in der Royal Navy. Hat Sie das bei dieser Rolle beeinflusst?

Kristin Scott Thomas: Ja, schon. Ich weiss genau, wie es sich anfühlt, wenn man auf ein Familienmitglied wartet, das im Einsatz ist. Das ist nicht nur ein ungeduldiges Warten, sondern ein Warten in Angst und Sorge. Ich weiss auch noch, wie es war, wenn Frauen wie in diesem Film so isoliert in der Kaserne leben, dass sie sich gegenseitig unterstützen und Halt bieten müssen.

Sie erlitten gleich zwei furchtbare Verluste: Sie waren sieben, als Ihr Vater beim Absturz seines Flugzeugs starb. Ihre Mutter heiratete wieder, fünf Jahre später stiess Ihrem Stiefvater dasselbe Unglück zu. Wie kamen Sie darüber hinweg?

Ich glaube nicht, dass ich je darüber hinweggekommen bin, ehrlich gesagt. Für solche Situationen gab es damals noch keine psychologische Hilfe, jedenfalls nicht für Kinder. Da war kein Halt, keine Therapie – nichts! Ich konnte mit niemandem über meine Gefühle reden, geschweige denn meine Trauer erforschen. Ich sollte einfach mit meinem Leben weitermachen. Das habe ich dann auch getan.

Nicht mal mit Ihrer Mutter konnten Sie über diese Schicksalsschläge sprechen?

Sie war ja noch stärker betroffen. Vielleicht konnten wir beide deswegen nicht darüber reden. Es ist schwer zu erklären, aber damals war das Aufarbeiten der Gefühle keine Option, es stand einfach nicht zur Debatte. Die Trauer wurde übergangen und ignoriert. Jeder hat mit dem Leben weitergemacht. Was passiert ist, war nicht mehr als eine Tatsache, die akzeptiert werden musste. Die Bedeutung dieser Ereignisse ging über das Faktische nie hinaus. Die emotionale Komponente hat schlicht nicht stattgefunden.

Hat Ihnen die Rolle geholfen, die Vergangenheit etwas aufzuarbeiten?

Der Film hat keine der alten Wunden aufgerissen, soweit hatte ich mich schon mit dem Thema auseinandergesetzt. Aber er passt immer noch gut in mein Leben. Ich würde sogar behaupten, dass meine Lebensgeschichte jede der Rollen beeinflusst hat, die ich gespielt habe. Meine Gefühle waren stets der Motor für meine Arbeit. Wenn ich gut darin bin, Menschen mit meiner Arbeit zum Weinen zu bringen, liegt das bestimmt auch an meiner eigenen Vergangenheit. Was mir an «The Singing Club» gefiel, war, dass er nicht als tragisches Drama angelegt ist, sondern mit einer zarten Leichtigkeit, sogar einer Prise Humor.

“Ich kann es bis heute noch nicht ertragen, wenn Menschen mich warten lassen, ohne Bescheid zu geben. Das hat nichts mit Ungeduld zu tun, sondern mit Panik”

 

Haben Sie nach diesem zweifachen Unglück in ständiger Angst gelebt, weitere Menschen zu verlieren?

Natürlich! Man wird viel nervöser. Sieht nur noch das Negative und Bedrohliche in der Welt. Ich wartete ständig auf das nächste Desaster. Diese Angst wirkt bis heute auf mich nach.

In welcher Weise?

Wenn ich um acht Uhr verabredet bin und die Person zwanzig Minuten später noch nicht da ist, flippe ich total aus und mache mir schreckliche Sorgen. Ich kann es bis heute noch nicht ertragen, wenn Menschen mich warten lassen, ohne Bescheid zu geben. Das hat nichts mit Ungeduld zu tun, sondern immer noch mit Panik, die unkontrolliert in mir aufsteigt.

Wie sahen Ihre nächsten Jahre aus, als Teenager?

Das war eine sehr unglückliche Zeit. Ich habe mich elend gefühlt – aber richtig klar wurde mir das erst später. Ich habe damals einfach durchgehalten, weil ich keine Alternative hatte. Jetzt weiss ich, wie schlecht es mir ging und wie dringend ich Hilfe gebraucht hätte. Natürlich gabs auch schöne Momente, die mir viel bedeuteten: tolle Erinnerungen an das Leben mit meinen Schwestern und die Schulzeit. Man lernt irgendwie, mit den Traumata zu leben. Mein Ausweg war der Humor. Ich fing an, albern zu werden und Witze zu machen. Ich wurde zum Clown.

Das war wohl die Geburt der Schauspielerin. Aber erst mal zog es Sie mit 19 nach Paris.

Na ja, ich fuhr damals nach Paris und hatte vor, zwei Wochen zu bleiben. Ich hatte keine Ahnung, dass ich dort ein Leben auf bauen würde! Erst mal nahm ich eine Stelle als Au-pair an, dann traf ich diesen wahnsinnig netten Jungen, habe mich verliebt, habe ihn geheiratet – und bin nie zurückgefahren.

Sie haben Ihren Ex-Ehemann, einen Arzt, so früh schon kennengelernt?

Ja, ich war damals 21 Jahre alt.

Warum überhaupt Paris?

Ich war mir nicht sicher, ob die Schauspielerei das Richtige für mich ist. Paris war nur als kleines Intermezzo gedacht ... Dann stellte sich heraus, dass die Mutter meiner Au-pair-Familie völlig theaterbegeistert war. Sie hat mich ermuntert, sie war der erste Mensch überhaupt, der mir sagte, dass ich es versuchen soll. Diese Bestätigung war extrem entscheidend für mich. Alle anderen hatten mir immer davon abgeraten und gemeint, dass ich sowieso kein Geld mit dem Job verdienen würde.

Wie haben Sie die ersten Schritte hin zur Schauspielerei gemacht?

Ich war ja wirklich ängstlich und machte mir Sorgen, ob ich mit dem Beruf mein Leben zerstöre. Aber bei meinem ersten Casting kam ich direkt in die nächste Runde! Dann habe ich kalte Füsse bekommen und wollte nicht mehr zur zweiten Runde. Als die Mutter meiner Gastfamilie das erfuhr, drückte sie mir fünfzig Francs in die Hand und rief mir ein Taxi.

Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Leider nicht, aber vor einiger Zeit habe ich ihre Kinder getroffen und erfahren, wie es ihr geht. Sie ist ja nicht mehr die Jüngste.

“Auf der Schauspielschule war ich echt nicht gut. Die haben mich fast hinausgeworfen”

 

Wurden Sie selbst je zur Talentförderin? In «Der Pferdeflüsterer» war Ihre Filmtochter eine noch völlig unbekannte 14-Jährige namens Scarlett Johansson ...

... unglaublich, oder? Ich habe sofort gemerkt, was für eine tolle Schauspielerin sie ist und wie viel Talent in ihr steckt. Aber natürlich ahnte ich nicht, dass sie zwanzig Jahre später einer der grössten Filmstars der Welt sein würde! Man weiss nie, wie Karrieren sich entwickeln. Die Besten von der Schauspielschule schaffen es meistens nicht. Und dann gibts Loser wie mich, die sich irgendwie eine Karriere aufbauen.

Sie sind doch kein Loser!

Na, auf der Schauspielschule war ich echt nicht gut. Die haben mich fast hinausgeworfen! (lacht)

Sind Ihre drei Kinder in irgendeiner Weise von Ihrer Berufswahl beeinflusst?

Das könnte sein: Meine Tochter Hannah ist Schriftstellerin, mein ältester Sohn, Joseph, ist Theaterregisseur und steht auch selbst oft auf der Bühne. Seine Leidenschaft ist die Regie, aber mit der Schauspielerei und etwas Modeln kann er seine Rechnungen bezahlen. Und mein Jüngster, George, studiert Design.

Ist Paris noch immer Ihre Wahlheimat?

Nein, jetzt lebe ich leider wieder in England. Ich ging nach London zurück, als mein jüngster Sohn dort zur Schule ging und ich einige Theaterrollen angenommen hatte. Es machte ja keinen Sinn, in London auf der Bühne zu stehen, aber noch in Paris zu leben.

Warum «leider»?

Weil ich noch immer entsetzt bin, dass Grossbritannien wirklich die EU verlässt. Das ist so traurig! Aber jetzt ist es nun mal passiert, und irgendwie werden wir das Beste aus der Situation machen müssen. Ich glaube, dass einige Europäer sogar froh über den Brexit sind, weil die Lage so kompliziert und aussichtslos war.

Vor einem Jahr leiteten Sie das globale Treffen des «Women’s Forum for the Economy and Society», eine Art Weltwirtschaftsforum für Frauen. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ich war so überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich den Vorsitz dieses Frauenforums übernehmen möchte, dass ich erst mal antwortete: «Ich bin doch gar keine Feministin!» Dann wurde ich überredet, an einem ersten Meeting teilzunehmen. Dabei wurde mir klar, dass ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang Feministin war, dass ich mich selbst nur nie als solche betrachtet hatte! Natürlich hat es mich immer geärgert, wenn Frauen unterschätzt oder benachteiligt wurden. Wie oft habe ich schon über die Nachrichten geschimpft, mit dem Wunsch, endlich etwas zu verändern! Weil ich in einer sehr weiblich dominierten Welt aufwuchs, war mir nie bewusst, wie tief Voreingenommenheit gehen kann. Ich kann heute definitiv sagen: Ja, ich bin Feministin.

Sie haben sich 2005 von Ihrem Mann François Olivennes, einem Reproduktionsmediziner, scheiden lassen und sind sehr zurückhaltend mit Details zu Ihrem Privatleben. Verbringen Sie gern Zeit allein?

Ja, total! Ich war immer gern allein. Manchmal kann es auch Angst machen, wenn man zu lang allein ist. Nach ungefähr drei Tagen Einsamkeit brauche ich wieder Menschen um mich herum, da vermisse ich den Austausch. Durch das Internet ist es gar nicht mehr so leicht, allein zu sein. Ein Blick aufs Handy genügt, um mit der ganzen Welt verbunden zu sein. Ständig denkt man, man würde etwas verpassen. In Wirklichkeit ist das aber nur selbst fabrizierter Stress. Ich kann nur dafür plädieren, mehr Zeit mit sich selbst zu verbringen.

Welcher Gedanke tröstet Sie, wenn Sie heute über den Tod nachdenken?

Der Gedanke an den Tod macht mir keine Angst, ich brauche keinen Trost. Vielleicht gibt es auch gar keinen Trost für den Tod, vielleicht ist das Sinnieren, wie man Trost schenkt oder findet, schon obsolet. Ich weiss, dass ich mal sterben werde, das ist okay. Wahrscheinlich sehe ich das ganz anders, wenn es mal so weit ist, und klammere mich dann ans Leben wie die meisten Menschen. Der Tod ist das einzig Sichere im Leben. 

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