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9 Buchempfehlungen für den Herbst

Redaktion: Claudia Senn; Text: Sacha Verna; Fotos: Unsplash, ZVG

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Sippenhaft

Palermo in den 1960er- Jahren: Antonia ist in einer lieblosen Ehe gefangen. Die Kleinkariertheit ihrer angeheirateten Sippe schnürt ihr die Luft ab, und ihr kleiner Sohn wird von ihr ferngehalten. Als ihre Grossmutter stirbt, erbt sie Kartons voller Erinnerungen in Form von Fotos und Briefen. Während Antonia die Vergangenheit ihrer Familie rekonstruiert, eröffnen sich ihr überraschend Auswege in eine eigene Zukunft. Ein fiktives Tagebuch, das ein Stück bewegter Weltgeschichte erzählt und zugleich den wachsenden Mut einer Frau zu mehr Selbstbestimmung illustriert. (sv)
Gabriella Zalapì: Antonia. Rotpunkt-Verlag, Zürich 2020, 128 Seiten, ca. 25 Fr.

Piff, Paff, Puff
Die Schweizer Journalistin Aline Wüst ist tief ins Rotlicht- Milieu eingetaucht. Über den Zeitraum von zwei Jahren sprach sie mit rund hundert Prostituierten in der Schweiz, interviewte Freier, Zuhälter, Menschenhändler, Puffmütter und Polizisten und verwob ihre Eindrücke zu einer lesenswerten Grossreportage in Buchform. Wüst zeichnet ein weit tristeres Bild als Becker. Während ihrer Recherche begegnete sie vorwiegend ausländischen Frauen, die sich aus Geldnot prostituierten und teilweise zu Drogen und Alkohol griffen, um die Zumutungen ihres Arbeitsalltags zu ertragen – eine Realität, die auch Emma Becker nicht negieren will, «aber ich selbst habe es glücklicherweise anders erlebt».
Aline Wüst: Piff, Paff, Puff – Prostitution in der Schweiz. Echtzeit-Verlag, Basel 2020, 168 Seiten, ca. 29 Fr.

Capaul zum Dritten
Dorfsonderling Tumasch wird nach einem Felssturz vermisst. Kurz darauf verunglücken zwei weitere Einheimische, der eine auf der Jagd, der andere im Auto auf dem Ofenpass. Unfälle, Zufälle, Mordfälle? Massimo Capaul sieht Zusammenhänge, wo seine Vorgesetzten bei der Engadiner Kantonspolizei nur den Übereifer eines Anfängers und eine zu lebendige Fantasie diagnostizieren. Das hindert den Ex-Sterbehelfer natürlich nicht daran, scharf kombinierend von Piz zu Piz zu f litzen, der Talprominenz zwischen Samedan und Zernez auf die Zehen zu treten und dabei auch noch Zeit zu finden, zarte Bande zu knüpfen – und zwar ausgerechnet zu Tumaschs Frau, die bald zur Witwe erklärt wird. Letzteres passt seiner Wirtin Bernhild nicht, und mit seiner Beharrlichkeit bedroht Capaul einmal mehr den alpinen Frieden. Klar ist: Gian Maria Calonder (alias Tim Krohn) hat dieses dritte Abenteuer weit besser im Griff als sein sturmköpfiger Protagonist. Ein Krimi, so wohltuend wie frische Bergluft und so einladend wie ein Zvieri mit Nusstorte. (sv)
Gian Maria Calonder: Engadiner Hochjagd. Kampa-Verlag, Zürich 2020, 192 Seiten, ca. 20 Fr.

Grusel und Herzschmerz
Das Jamaica Inn im pechschwarzen Moor von Cornwall hätte Marys neues Zuhause werden sollen. Stattdessen trifft die junge Frau bei ihren Verwandten dort auf das nackte Grauen. Allerdings auch auf ihre erste Liebe. Wie gut Daphne du Maurier sich auf Grusel und Herzschmerz versteht, bewies sie in ihrem Klassiker «Rebecca». Die Alchemie wirkt auch in der Neuübersetzung dieses weniger bekannten Werks: die wilde Landschaft ein Spiegel der bedrohlichen Atmosphäre, die mutige Heldin ein Glühwürmchen in der Dunkelheit, der Lover in spe vielleicht selber ein Mörder. Und am Schluss der überraschende Dreh. Eine Schauerromanze wie sie – zum Glück – im Buche steht. (sv)
Daphne du Maurier: Jamaica Inn. Aus dem Englischen von Christel Dormagen und Brigitte Heinrich. Insel- Taschenbuchverlag, Berlin 2020, 350 Seiten, ca. 18 Fr.

Frauengeschichten
Mit Männern geht es in der Familie Bellanger – ohne noch besser. Bei Kindern ist der Fall komplizierter. Lucile empfindet die ihren als Plage. Marie fühlt sich der Liebe zu ihrer Tochter nicht gewachsen. Lisa tritt das emotionale Erbe von Mutter und Grossmutter an, als sie die Familienwohnung auf löst. Elsa Koester lässt aus den Geschichten von Frauen aus drei Generationen ein Bild entstehen, das von der französischen Kolonialherrschaft in Tunesien über die Unruhen der 1968er-Jahre bis ins Paris der Gegenwart reicht. Bei Couscous mit Zimt tragen die Frauen Bellanger ihre Kämpfe aus, bis es nichts und niemanden mehr zu bekämpfen gibt. Den Konventionen lachen sie dabei ins Gesicht, (Un-)Abhängigkeiten zeigen sich von ihren unterschiedlichsten Seiten. Und es wird deutlich, wie unzuverlässig Erinnerungen sind. Ein intimer und kulissenreicher Roman. (sv)
Elsa Koester: Couscous mit Zimt. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2020, 445 Seiten, ca. 37 Fr.

Ausnahmekünstlerin

Einer der berühmtesten Entwürfe von Charlotte Perriand war die Chaise Longue à Réglage Continu von 1928 – eine Ikone des modernistischen Designs, vor allem bekannt unter dem Kürzel LC4 ihres langjährigen Studio-Partners Le Corbusier. Ein Missverständnis? Keineswegs. Das Corbusier-Solo-Branding hatte Methode. Deshalb machte sich die französische Designerin und Architektin bald selbstständig und kreierte als überzeugte Kommunistin unter ihrem eigenen Namen schöne Dinge für eine bessere Gesellschaft. Laurie Adlers reich bebilderte Biografie erzählt das Leben dieser Ausnahmekünstlerin mit grosser Begeisterung. Eine tolle Ergänzung dazu: Charles Berberians wunderbar leichtfüssig gezeichnete Graphic Novel über die produktiven und einflussreichen Jahre Perriands in Japan. (roe)
Laurie Adler: Charlotte Perriand – Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt 2020, 182 Seiten, ca. 63 Fr.

Charles Berberian: Charlotte Perriand. Eine französische Architektin in Japan 1940-1942. Reprodukt-Verlag. Zürich 2020, 112 Seiten, ca. 36 Fr.

Nur weg hier 

Südfrankreich 1932: Die Ich-Erzählerin und ihr Geliebter fühlen sich wie im Garten Eden – kaum etwas deutet auf die Vertreibung durch die Nazis hin, die das Paar über Umwege in Amerika stranden lässt. Helen Wolff wurde in New York zur ersten wichtigen Verlegerin europäischer Literatur. Sie und ihr Mann Kurt verhalfen Grössen von Franz Kafka bis Umberto Eco zu einem englischsprachigen Publikum. Im autobiografischen Roman lernt man eine junge Frau kennen, die verletzlich und stur ist, idealistisch und stark. (sv)
Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Weidle-Verlag, Bonn 2020, 215 Seiten, ca. 32 Fr.

Knietief im Dreck

Auf einer Baustelle in den Turiner Bergen taucht ein Haufen Menschenknochen auf. Kaum fängt Arcadipane an, sich damit zu beschäftigen, wird der Fall offiziell zu den Akten gelegt. Davide Longos Commissario, stur wie immer, schaufelt trotzdem weiter und landet prompt in der Vergangenheit – seiner eigenen und der seines verehrten früheren Vorgesetzten. Niemand will sich an die 1970er-Jahre und die Terrorwelle der Brigate Rosse erinnern. Nicht einmal der Protagonist selber. Aber da er sonst bloss Lakritzbonbons kauen, sich wegen seiner Impotenz bemitleiden und den Familienfrieden gefährden würde, tut er es trotzdem. Einmal mehr schafft Longo eine Atmosphäre so dicht wie der berüchtigte Nebel der piemontesischen Hauptstadt. Figuren und Rätsel stehlen einander abwechselnd die Schau. Und dass Arcadipane sich diesmal auch noch einen dreibeinigen Hund aufhalst, trägt mit zum kurios komplizierten Alltag bei, der die Krimis dieses Autors so suchtgefährlich macht. Ein Roman für Hirn, Herz und Al-dente-Nerven. (sv)
Davide Longo: Die jungen Bestien. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2020, 410 Seiten, ca. 34 Fr.

Endlich wieder Zeit, um es sich zuhause gemütlich zu machen und viel zu lesen. Sie brauchen noch Empfehlungen? Wir verraten Ihnen, welche Bücher man diesen Herbst gelesen haben muss.

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