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9 Buchempfehlungen für den Winter

Redaktion: Claudia Senn; Text: Sacha Verna; Fotos: Unsplash, ZVG

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Autobiografie: Von Diktatoren und Despoten

Maryse Condé hat eine Schwäche: Männer. Die Schriftstellerin aus Guadeloupe, die für ihre Werke unter anderem mit dem Alternativen Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, erzählt in ihrer Autobiografie von den Widersprüchen, die ihr Leben bestimmt haben: Intellekt und Leidenschaften, die Liebe zu ihren vier Kindern, die sie zugleich als Last empfindet, ihre Gefühle des Versagens und die Entschlossenheit, mit der sie sich dem Schreiben widmet. Die Diktatoren, die Condé (Jahrgang 1937) in ihrer Zeit in Westafrika kommen und gehen sieht, sind so zahlreich wie die Despoten, denen sie selber verfällt. Ein dichtes Selbstporträt, in dem sich Privates, Politik und Gedanken über Literatur vereinen.
Maryse Condé: Das ungeschminkte Leben. Aus dem Französischen von Beate Thill, Luchterhand-Verlag, München 2020, 300 S., ca. 34 Fr.

Roman: Eine fast unmögliche Liebe

Die Blombergers: der Vater verschlossen, die Mutter unberechenbar, das Kind schon als Säugling dazu in der Lage, seine Zeitgenossen mit Häme zu übergiessen. Denn wie sonst soll der kleine Bärel einer Welt begegnen, in der seine Eltern das Konzentrationslager überlebt haben und in der es noch immer vor Judenhassern wimmelt? Dreistimmig erzählt Minka Pradelski die Geschichten ihrer Protagonisten. So folgt auf surreale Satire die Chronik einer fast unmöglichen Liebe. Ein Roman über Widerstand und Nähe in einer Welt, in der jeder Schritt in den Abgrund führen kann.
Minka Pradelski: Es wird wieder Tag. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2020, 384 Seiten, ca. 35 Fr.

Novelle: Ausgelassener Totentanz

Der Schauplatz: ein Friedhof. Die Protagonisten: drei Witwen und ein Witwer. Die Frage: Welche bekommt ihn? Die eine kokst, die andere pfeift selber schon auf dem letzten Loch, die dritte malt Schinken. Das Objekt ihrer aller Sehnsüchte dreht sich währenddessen quasi autistisch im eigenen Kreis. In einer Sprache, die dem Sujet angemessen zwischen knochentrocken und jenseitiger Dichte changiert, offenbart Kerstin Hensel nach und nach, wie die Lebensgeschichten ihrer Figuren miteinander verknotet sind. Dabei lauern Situationskomik und Sekundendramen hinter jedem zweiten Grabhügel. Ein ausgelassener Totentanz, zu dem der Beziehungsteufel den Takt schlägt. 
Kerstin Hensel: Regenbeins Farben. Luchterhand- Verlag, München 2020, 256 Seiten, ca. 28 Fr.

Erzählungen: Avant la lettre

Sie schwimmt im Weinglas, sie klebt auf der Haut fremder Männer, sie ist der böse Geist im Kleiderschrank, der Schwindel auf der Berner Kirchenfeldbrücke: die Obsession, aus der Literatur wird. In 17 Erzählungen thematisieren so unterschiedliche Schweizer Autorinnen und Autoren wie Gianna Molinari, Michail Schischkin, Lukas Bärfuss, Melinda Nadj Abonji, Adolf Muschg und Tom Kummer das Entstehen eines literarischen Stoffes in der Dunkelkammer der Imagination. Irritierend, inspirierend, aufschlussreich gibt dieser Erzählband Einblick in die Vielfalt des literarischen Schaffens der Schweiz.
Dunkelkammern. Geschichten vom Entstehen und Verschwinden. Suhrkamp, Berlin 2020, 237 Seiten, ca. 28 Fr. 

Roman: Im Schleudersitz des Lebens

Patience passt in keine Schublade. Sie liebt Frauen und schätzt die Nüchternheit ihrer Beziehungen mit Männern. Als Tochter einer Engländerin und eines Deutschen fühlt sie sich in keiner Kultur wirklich zuhause. Sie macht erst als Journalistin, dann als Medizinerin Karriere, ist immer nah am Leben dran, aber kaum je mittendrin. Bis ein Ereignis eine Stelle in ihrem Inneren berührt, was sie ihr ganzes bisheriges Dasein hinterfragen lässt. Gott ist kein guter Regisseur, davon war Autorin Margaret Goldsmith (1894– 1971) überzeugt. Ihre Protagonistin saust dementsprechend wie im Schleudersitz durch die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bis vor Hitlers Machtergreifung. Dabei entsteht das Porträt einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist, und einer Figur, die zwischen Verletzlichkeit und stacheligem Selbstschutz schwankt, in ihrem Willen zur Selbstbestimmung jedoch kompromisslos bleibt. Ein aussergewöhnlicher Roman einer aussergewöhnlichen Autorin, deren eigene Biografie, von Herausgeber Eckhard Gruber im Nachwort skizziert, Stoff für zehn weitere Bücher böte.  
Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber. Aviva-Verlag, Berlin 2020, 224 Seiten, ca. 25 Fr.

Sachbuch: In memoriam

Jack the Ripper ist weltberühmt. Dabei kennt niemand seine Identität. Die Identitäten der fünf Frauen, denen er im Londoner Herbst 1888 die Kehle durchschnitt, sind bekannt, doch bisher reichte die Schublade «Opfer» für sie. Hallie Rubenfold gibt diesen Frauen ihr Gesicht und ihre Geschichte zurück. Sorgfältig rekonstruiert sie das Leben von Elizabeth, die als Bauerntochter in der Nähe von Göteborg aufwuchs. Von Annie, die stolz auf ihre eigene Waschküche war. Von Polly, die bei ihrem Tod blaue Strümpfe trug. Sie hatten Kinder, Ehemänner und das Pech, in einer zutiefst frauenfeindlichen Gesellschaft auch noch arm zu sein. Rubenfolds Schilderung macht die klammfeuchte Luft der Notunterkünfte spürbar, die die Protagonistinnen manchmal aufsuchten, man riecht die Kartoffel, die zur letzten Mahlzeit wurde. Was entsteht, sind Porträts von Individuen und zugleich das Bild ihrer Zeit. Anteilnahme statt Sensationslust – endlich eine würdige Erinnerung.  
Hallie Rubenhold: The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Nagel-&-Kimche-Verlag, München 2020, 425 Seiten, ca. 34 Fr.

Roman: Total vernetzt

Während die Medien live übertragen, wie die Welt aus dem Ruder läuft, trauert Toni Manfredi im 18. Stock eines Hochhauses in Bern-Bethlehem einer alten Liebe nach und probt vergeblich den Rückzug von der Wirklichkeit. Martin Boll fühlt sich zunehmend fremd in der eigenen Familie. Und der zehnjährige Raffi legt sich mit den Phantomrittern der Leisen Stiefel an, was ihm das gefährlichste Abenteuer seines jungen Daseins beschert. Jens Steiner beobachtet seine Protagonisten mal aus der Vogelperspektive, mal durchs Schlüsselloch und spinnt Fäden, die sie alle miteinander verbinden. Die Gegenwart ist total vernetzt, so die Botschaft, da verschwinden auch die Grenzen zwischen privaten Dramen und öffentlichem Durcheinander. Tönt wenig originell, ist aber das Gegenteil davon: ein präzises Porträt unserer Zeit mit einem prächtig unaufgeregten Showdown.
Jens Steiner: Ameisen unterm Brennglas. Arche-Verlag, Zürich 2020, 236 Seiten, ca. 30 Fr.

Roman: Wohltuend weit weg

Der reichste Mann eines Dorfs ertrinkt im Fluss. Unfall, Selbstmord, Mord? Es ist 1491, kurz vor der Fastenzeit. Oakhams Pfarrer nimmt seiner Gemeinde die Beichte ab, dabei häufen sich die unglaubwürdigen Schuldbekenntnisse. Doch während der Westwind alle zum Wahnsinn treibt und die Oakhamer zwischen Karneval und Selbstanklage schwanken, bleiben die wirklichen Geschehnisse ein Rätsel – bis man merkt, wie raffiniert Samantha Harvey diesen Roman konstruiert hat. Ein bisschen weniger Gott und ein wenig mehr Spätmittelalteratmosphäre hätten dem Buch gutgetan. Aber auch so ist der Stoff speziell, spannend und wohltuend weit weg vom Hier und Jetzt.
Samantha Harvey: Westwind. Aus dem Englischen von Steffen Jacobs, Atrium-Verlag, Zürich 2020, 382 Seiten, ca. 25 Fr.

Tagebuch: Stop – and Go?

Im März erschien Ariela Sarbachers erster Roman. Dann kam das Coronavirus und die Welt zum Stillstand. In Tagebuchform erzählt die Schauspielerin, wie es sich anfühlt, wenn das, was hätte werden sollen, nicht oder ganz anders wird: Abstandhalten statt Feiern mit Freunden, kollektive Angst statt öffentlicher Lesungen. Dazu der Alltag, der keiner mehr ist, einschliesslich Schlangestehen vor der Migros und Endlostelefonaten mit dem Arbeitslosenamt. Der letzte Eintrag stammt vom 31. Juli 2020, der Ausnahmezustand ist prekärer Normalität gewichen. Notizen aus dem Neuland namens Gegenwart, individuell erlebt, universell nachvollziehbar.
Ariela Sarbacher: Der gebremste, der bewegte Frühling, und jetzt ist es Sommer. Telegramme-Verlag, Zürich 2020, 180 Seiten, ca. 25 Fr.

In der kalten Jahreszeit machen wir es uns drinnen besonders gerne mit einem guten Buch gemütlich. Sie brauchen Empfehlungen? Wir stellen Ihnen neun Buch-Tipps vor.

 

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