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Babylon Berlin: Von goldenen 20er Jahren und roten Teppich-Erfahrungen

Text: Claudia Senn; Bilder: Getty Images

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Das Personal von «Babylon Berlin», inklusive Ronald «Ich geh-mal-schnell-Zigaretten-holen» Zehrfeld (2.v.l.) und Fritzi «Die Wolke» Haberlandt (2.v.r.).

Claudia Senn mit den «Babylon Berlin»-Hauptdarstellern Liv Lisa Fries und Volker Bruch.

Ein bisschen sehr leicht für den Berliner Winter: Caro Cult und ihr «Nackt»-Kleid.

Von E.T. geklaut? Lars Eidinger hat tolle neue Schuhe.

Nächste Woche startet die dritte Staffel von «Babylon Berlin». Claudia Senn war an der exklusiven Weltpremiere – und hat wieder viel gelernt.

Vor Weihnachten war ich auf meinem ersten roten Teppich. Es ging um ein weltbewegendes Spektakel, nämlich die Premiere der dritten Staffel von «Babylon Berlin» im Berliner Kino «Zoo Palast». Grosse Sache. Allerdings ist mein Verhältnis zu Glamour ein eher verhaltenes. Ich gucke mir beim Coiffeur gern die «Gala» an. Ich lege bei Gelegenheiten, die einen etwas höheren Stylingaufwand erfordern, den knalligen roten Lippenstift auf statt des zurückhaltenderen brombeerfarbenen. That’s it. Wenn ich Bundesrätin wäre oder Nobelpreisträgerin, also in einer Position, in der man öffentlich etwas hermachen muss, dann bräuchte ich unbedingt eine Stylistin, die mich ordentlich anzieht. In Berlin würde ich Aschenputtel sein, so viel war schon mal klar. Doch all die Psychotherapeutinnen und Achtsamkeitsgurus haben schon recht, wenn sie sagen, man solle ab und zu seine Komfortzone verlassen. Nur so kann man seinen Horizont erweitern.

Meine Erkenntnisse aus der Premiere: 1. Über den roten Teppich schreiten nur die wirklich Berühmten. Für den Pöbel gibt es einen bescheidenen Eingang im Schatten des Rampenlichts, euphemistisch «fast lane» genannt. Bullige Zerberusse sorgen dafür, dass auch jeder weiss, in welche Kategorie er gehört. Es lebe die Klassengesellschaft! 2. Klamottensorgen kann man sich schenken. Atemberaubend glamourös ist nur die A-Liga der Hauptdarsteller. Die allerdings: wow! Fritzi Haberlandt, die mir am besten gefiel, trug eine Art Wolke aus weissem Tüll, Liv Lisa Fries ein moccafarbenes Art-Déco-Kleid. Ronald Zehrfeld hingegen, von dem ich Fan bin, sah aus, als ginge er nur kurz Zigaretten holen und sei auf keinen Fall freiwillig hier, er gehört wohl eher in meine Glamour-Kategorie. Ganz danebengegriffen hatte die Schauspielerin Caro Cult (nie zuvor von ihr gehört), deren Kleid aus einer Handvoll Strasssteinen zu bestehen schien, die notdürftig Scham- und Brustregion bedeckten. Der beste Hingucker von allen war Lars Eidinger in seinem flauschigen, roten Angora-Strickjäckchen. Um den Hals trug er ein putziges Herrentäschchen, an den Füssen zwei himmelblaue, klobige Plastikmonster von Schuhen, die aussahen, als habe er sie einem Ausserirdischen geklaut. Mit der richtigen Attitüde geht eben alles!

Fast tausend Gäste nahmen an der Premiere und der anschliessenden Party teil, ein Grossteil davon Schauspieler. Was mich zur Erkenntnis Nummer drei führt: Männliche Schauspieler scheinen fast immer klein zu sein. Es ist wirklich auffallend, von Nahem sind manche geradezu winzig. Auch auf Volker Bruch alias Kommissar Gereon Rath, den ich am folgenden Tag interviewte, kann ich gut runtergucken. Warum ist das so? Werden kleine Männer vielleicht Schauspieler, weil sie gerne etwas Grösseres sein möchten? Das müsste die Wissenschaft mal untersuchen! Ich brenne auf Antworten. Das Interview mit Volker Bruch und Liv Lisa Fries alias Charlotte Ritter war dann leider nicht sehr ergiebig. Mir wurde bloss eine frugale Viertelstunde mit den beiden Schauspielern zugestanden, die ich noch dazu mit zwei österreichischen Journalisten teilen musste. Liv Lisa Fries sagte, sie möge, dass ihre Figur so subversiv sei und sich auch mal die Hände schmutzig mache. Volker Bruch sagte, die Zigaretten, die sie vor der Kamera dauernd qualmen müssten, seien bloss aus Kräutern, «echt eklig, kann ich jedem empfehlen, der aufhören will zu rauchen.»

Beide schwärmten von den heiligen Hallen in Babelsberg, in denen schon Marlene Dietrich gesungen hatte und «Metropolis» gedreht worden war, bevor diese goldenen Zeiten in «Babylon Berlin» jetzt wiederauferstehen. Denn hier spielt die dritte Staffel, im Filmstudio Babelsberg, wo die Schauspielerin Betty Winter von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen wird. Natürlich ist es kein profaner Unfall, sondern ein teuflisches Komplott, das Kommissar Gereon Rath und seine Assistentin Charlotte Ritter aufzuklären haben, während am Horizont schon der Börsencrash von 1929 dräut. Mehr als vier der zwölf Folgen durfte auch ich bisher nicht sehen, doch soviel lässt sich jetzt schon sagen: Auch die neue Staffel, die ab der nächsten Woche gestreamt werden kann, ist wieder unfassbar opulent ausgestattet. Wahnsinn, mit welcher Liebe zum Detail die «Babylon»-Macher eine ganze Epoche zum Leben erwecken!

Die dritte Staffel von «Babylon Berlin» gibt es ab dem 24. Januar auf Sky Show zu sehen. Im Herbst 2020 dann auch bei der ARD.

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