Heft 07/13

Ballerina der Herzen: Solistin Katja Wünsche

Text: Helene Aecherli; Fotos: Monika Ritterhaus, Stefan Deuber

Ballerina der Herzen: Solistin Katja Wünsche
Ballerina der Herzen: Solistin Katja Wünsche
Ballerina der Herzen: Solistin Katja Wünsche
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Hat ihre Bodenhaftung nicht verloren: Solo-Ballerina Katja Wünsche (hier mit William Moore in «Romeo und Julia»).

«Wir Tänzer sind wie Sprinter: Ein Solo von fünf Minuten powern wir voll raus.»

Ballerina der Herzen: Katja Wünsche, die neue Solistin beim Ballett Zürich.

Katja Wünsche ist die neue Solistin beim Ballett Zürich. Und so gut, dass sie das Publikum zu Tränen rührt.

Auf der Bühne, knapp zwanzig Meter vor mir, stirbt eine Ballerina. Und wie ich so in den dunklen Rängen des Opernhaus Zürich sitze und inständigst hoffe, dass die Geschichte von Romeo und Julia wenigstens dieses eine Mal nicht so furchtbar enden würde, dass die Liebenden ihren Irrtum bemerken und zu einander finden, statt gebrochenen Herzens Selbstmord zu begehen, stelle ich fest, dass ich weine. Vielleicht, weil Romeos und Julias Tod eben doch unabwendbar ist. Vielleicht, weil Sergej Prokofjews Musik wie feine Nadelspitzen unter die Haut dringt. Ganz sicher aber, weil diese Julia ihr Ende nicht einfach tanzt, es mit Schritten versieht, sondern es tatsächlich zu durchleiden scheint und dann so aufwühlend leise stirbt, dass man in jeder ihrer Bewegungen eigene Qualen wiedererkennt.

Die Kunst des Schauspiels

Das ist die Kunst von Katja Wünsche (31), gebürtige Dresdnerin, langjährige Solistin am Stuttgarter Ballett, seit Beginn dieser Saison Mitglied des Balletts Zürich. Solistin auch hier. Und zurzeit eine der auffallendsten Tänzerinnen Europas. «Unwahrscheinlich talentiert», «technisch so versiert, dass sie alles tanzen kann», «als Mensch natürlich geblieben» – das Lob ist so vielseitig wie die Auszeichnungen, die Katja Wünsche bis anhin erhalten hat: Den Publikumspreis des Prix de Lausanne, den ersten Preis beim Grand Prix d’Eurovison für junge Tänzer oder den Deutschen Theaterpreis «Der Faust» in der Kategorie «Beste darstellerische Leistung Tanz» für ihre Interpretation der Nadia in Mauro Bigonzettis «I fratelli» – eine Rolle, die eigens für sie kreiert wurde. Katja Wünsche hört es gern, wenn man ihr sagt, dass ihre Bewegungen zu Tränen rühren, dass in ihrem Tanz viel Theater steckt. Während ihrer Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule Berlin habe sie sich vor lauter Schüchternheit nämlich stets schrecklich geniert, wenn sie etwas mimen sollte, erzählt sie. Und sei es auch nur darum gegangen, so zu tun, als würde sie eine imaginäre Wand vor sich herschieben.

Katja Wünsche hat einen überraschend festen Händedruck, eine warme, ruhige Stimme. Sie ist grösser, vor allem aber hungriger als erwartet. Als wir uns zum Mittagessen treffen, in ihrer einzig freien Zeit zwischen Training und Proben, bestellt sie Kokosnusssuppe, danach Penne mit Speck und Cherrytomaten. Sie isst lustvoll, fast ein wenig so, als wolle sie mit ihrem Appetit ein Zeichen gegen die Magersucht setzen, zu der viele junge Tänzerinnen und Tänzer neigen, um dem Ideal des dünnen, ätherischen Ballettkörpers zu entsprechen. Ein Ideal, das auch bei ihr ein Thema war. «Als ich in Stuttgart anfing, erkannte ich, dass ich eher der sportlich-bodenständige Typ, nicht die klassische Ballerina bin», sagt sie. Vor allem aber hatte sie ein paar Gramm Speck zu viel auf den Rippen, auf die sie irgendwann von ihrem Chef angesprochen wurde. Sie reagierte pragmatisch: Weil sie nicht hungern und mögliche Folgeschäden erleiden wollte, suchte sie eine Ernährungsberaterin auf. Achtete von da an eisern auf viel Vollkornkost und wenig leere Kohlehydrate, begann mit gezieltem Fettverbrennungs- und Ausdauertraining. Heute nimmt sie sich beim Essen nicht mehr so sehr an die Kandare, arbeitet dafür konsequent an ihrer Kondition. Das kommt ihr auch auf der Bühne zugute. «Wir Tänzer», sagt Katja Wünsche, «sind wie Sprinter: Wir haben ein Solo von fünf Minuten und powern das voll raus. Doch durch das Sprinten allein bekommen wir nicht die Ausdauer, die wir für unseren Beruf benötigen.» Also geht sie nebst dem Training an der Ballettstange joggen oder Velo fahren und gelegentlich auch in die Berge.

Für alle Fälle

Nicht von ungefähr gilt die blonde Deutsche als besonders athletische Tänzerin, als eine Ballerina, der fast schon maskuline Herbheit anhaftet, weswegen sie von manchen Choreografen als modern bezeichnet wird. Dieses Strenge orte ich bei unserer Begegnung nicht. Katja Wünsche wirkt vielmehr angenehm geerdet. Dann etwa, wenn sie auf die Frage, ob sie Kinder haben möchte, lächelnd antwortet: «Eines Tages sehr gern.» Ihr Partner, ein Bühnenmaler, werde bald nach Zürich ziehen. Oder wenn sie sagt, dass sie die Matura nachgeholt und Medizin studiert hätte, falls sie damals, vor fünf Jahren, nie mehr hätte tanzen können.

Sie hatte die Entzündung am rechten Fussgelenk so lange ignoriert, bis es nicht mehr ging. Acht Monate musste sie aussetzen, für eine Tänzerin eine Ewigkeit. Nach dem ersten Schock beschloss sie, die Zwangspause kreativ zu nutzen und allenfalls brachliegende Interessen auszuloten – etwas, wozu sich kaum je Gelegenheit bot, seit sie ihr Leben dem Ballett verschrieben hatte. Sie absolvierte verschiedene Praktika, legte im Staatstheater Stuttgart in der Schneiderei, der Hutmacherei und bei den Rüstmeistern Hand an und schaute in einem Spital bei Physiotherapeuten rein. Für all diese Handwerke entwickelte sie grossen Respekt, erkannte aber, dass ihr keines eine Alternative zum Ballett bieten würde. «Gott sei Dank», sagt sie, sei die lästige Entzündung verheilt und ihr die weitere Suche nach einem neuen Lebensentwurf erspart geblieben. Die Medizin bleibt im Hinterkopf. Als Plan B. Für alle Fälle.

Die Zäsur von damals schwingt bis heute nach – positiv, wie Katja Wünsche betont. «Ich habe gemerkt: Das Leben entwickelt sich schon. Man braucht einfach Geduld und Vertrauen darauf, dass alles seine Bestimmung hat.» Sie habe dadurch auch Abstand gewonnen, könne heute entspannter an ihre Aufgaben herangehen, Rollen freier und bewusster gestalten. «Wenn man nur ein Ziel oder nur einen Weg sieht», so ihr Fazit, «verkrampft man sich und wird regelrecht betriebsblind.» Vermutlich ist es diese Lockerheit, die Katja Wünsches Tanz so instinktiv, so unmittelbar macht. Es ist, als würde er die Schranken zwischen Bühne und Publikum auflösen. Er lässt einen vergessen, dass man im Theater sitzt.

Katja Wünsche ist nächstens in der Rolle der Lena in «Leonce und Lena» zu sehen, ein Ballett von Christian Spuck nach dem Lustspiel von Georg Büchner, Musik von Johann Strauss, Bernd Alois Zimmermann, Amilcare Ponchielli, Alfred Schnittke u. a. Premiere ist am 27. April. www.ballett-zuerich.ch

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