Senn & So – Die Kulturkolumne von Claudia Senn

Blondies Abgründe

Text: Claudia Senn; Bilder: Getty Images

Debbie Harry

Wer in den 80er-Jahren jung und eine Frau war, kam an der Popmusikerin Debbie Harry nicht vorbei. Hat es damals ein aufregenderes Vorbild gegeben? Harry verpasste sich zwar den unschuldigen Namen Blondie, und auf den ersten Blick hätte man sie tatsächlich für eine sexy Blondine halten können. Doch in Wirklichkeit war sie eine Art Punk-Version von Marilyn Monroe. Subversiv bis ins Mark, niemals ganz zu durchschauen und, so schien es, jederzeit Herrin der Lage. Soeben hat Debbie Harry, inzwischen 74, ihre Memoiren veröffentlicht.

Debbie Harry stellt ihr Buch «Face It» bei Waterstones in London vor.

Ihr Leben war, wie es der Rock’n’Roll-Kodex gebietet, wild und gefährlich. So ist das nun mal, wenn die besten Freunde Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat und Iggy Pop heissen. Aber der Grund, warum wir hier darüber berichten, ist ein anderer: Debbie Harry schildert in ihrer Autobiografie zwei verstörende Szenen, in denen sie Opfer sexueller Gewalt wurde – so zumindest würden das #MeToo-Aktivistinnen heute bezeichnen. Der eine Vorfall ereignete sich Ende der Siebzigerjahre, als Harry mit David Bowie und Iggy Pop auf Tour war. Die beiden Popmusiker waren auf der Suche nach Kokain und fanden heraus, dass Debbie Harry noch ein Gramm davon besass. Zu dritt gingen sie in Bowies Garderobe, wo die beiden Männer den Inhalt des gesamten Tütchens auf einmal wegschnupften. Daraufhin öffnete Bowie seine Hose und nahm seinen Penis heraus, damit Harry ihn «begutachten» könne. Harry fühlte sich nicht etwa peinlich berührt, sondern «geschmeichelt», wie sie zur Lancierung ihrer Biografie diversen fassungslosen Reportern in die Mikrofone diktierte. «Ich meine, schauen Sie sich die Karriere dieses Mannes an und den Beitrag, den er musikalisch für unser aller Leben geleistet hat», sagte sie dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Der Shitstorm liess nicht lang auf sich warten. Die andere Episode ist noch krasser: Mitte der Siebzigerjahre gingen Harry und ihr Freund und Band-Partner Chris Stein zu Fuss nachhause, als direkt vor der Haustür ein «Dude» (O-Ton Harry) mit einem Messer auftauchte, der sie überfallen wollte. Weil die beiden kein Geld dabei hatten, kam der Räuber mit in die Wohnung, fesselte Harry und Stein, nahm sich zwei Gitarren und eine Kamera und vergewaltigte Harry, bevor er schliesslich das Weite suchte. «Letztlich waren die gestohlenen Gitarren für mich schlimmer als die Vergewaltigung», schreibt Harry in ihrem Buch. Sie habe nicht einmal besonders grosse Angst gehabt. Die Nonchalance, mit der sie ein so einschneidendes Erlebnis herunterspielt, als wäre es nicht mehr als ein unbedeutendes Abenteuer gewesen, ist schwer nachvollziehbar. Trotzdem möchte ich nicht in die allgemeine Empörung miteinstimmen. Denn auch, wenn ich Harrys Verhalten befremdlich finde, glaube ich zu verstehen, warum sie sich so abgebrüht gibt: Sie möchte auf keinen Fall ein Opfer sein – oder dazu gemacht werden. Das käme ihr noch entsetzlicher vor als die Taten selbst.

Debbie Harry ist ein Kind der Siebzigerjahre. Es gab damals neben Drugs und Rock’n’Roll auch jede Menge schlechten Sex, den Frauen von ihren «Dudes» erduldeten, weil sie es nicht besser wussten. Auch Übergriffe wurden viel eher toleriert. Zum Glück hat sich seither einiges getan. Denn hätten Harvey Weinsteins oder Kevin Spaceys Opfer ihre Vergewaltigungen ebenso bagatellisiert wie Harry, wären diese Taten wohl niemals ans Licht gekommen. Es ist das Verdienst des modernen Feminismus, dass solche Verbrechen heute in ihrer ganzen Monstrosität benannt werden. Nur so kann man die Täter zur Rechenschaft ziehen. Jetzt, wo Debbie Harry im Grossmutteralter ist und auch ich nicht mehr taufrisch, sehe ich sie nicht mehr als das strahlende Vorbild von früher, sondern als Menschen, der ein bisschen lädiert und mitgenommen ist vom Leben wie wir alle. Der Fehler macht und sich manchmal merkwürdig benimmt. Schlimm ist das nicht. Bloss der ganz normale Lauf der Dinge.

Debbie Harry: Face It – Die Autobiografie. Verlag Heyne Hardcore, München 2019, 432 Seiten, ca. 33 Franken

Im Frühjahr 1979 schaffte Blondie den internationalen Druchbruch. Der Song «Heart of Glass» wurde ein Nummer-eins-Hit in den USA, Grossbritannien und Deutschland

Empfehlungen der Redaktion

Senn & So – Die Kulturkolumne von Claudia Senn

Musik für Leben und Tod

Von Claudia Senn

Mehr aus der Rubrik

Senn & So – Die Kulturkolumne

Netflix: Jüdische Serie Shtisel als Kurzurlaub von medialer Dauerüberreizung

Von Claudia Senn