Männerkolumne

Fahrstuhl zum Ruhm

Text: Frank Heer

Fahrstuhl zum Ruhm

Reporter Frank Heer über Fantasien im Lift, Jimmy Fallon und Neil Young.

Ich fahre öfter Lift. Gern allein, wie die meisten Menschen, die öfter Lift fahren. Aufzüge sind gut ausgeleuchtet und haben schöne grosse Spiegel, in denen man sich in Ruhe betrachten und – falls nötig – kleinere Korrekturen anbringen kann. Je länger die Fahrt, umso besser. Ich war einmal beim Zahnarzt im 53. Stock des Empire State Building in New York. Dummerweise gab es im Lift keinen Spiegel, und ab der 20. Etage hielten sich alle Passagiere die Nase zu, um den Druck auszugleichen.

Zur Redaktion von annabelle sind es nur vier Etagen. Die Fahrt dauert 15 Sekunden, vorausgesetzt, es gibt keinen Zwischenstopp im dritten Stock, wo sich die Raucherterrasse und die «Schweizer Familie» befinden. Die Chancen, den Lift für sich allein zu haben, sind morgens besonders schlecht. Manchmal steht man im Aufzug und freut sich, dass niemand da ist, doch im letzten Moment schwingt sich ein verflixtes Bein oder ein Arm zwischen die Schiebetür.

Kürzlich war ich später unterwegs als üblich. Ich betrat den Fahrstuhl, allein, die Tür schloss sich, und der Lift setzte sich in Bewegung. Was für ein Glück, dachte ich und betrachtete mich aufmerksam im Spiegel. Dabei bemerkte ich, dass meine Hornbrille bis zur Nasenspitze heruntergerutscht war. Aus Lust am Experiment versuchte ich, sie mit blossem Einsatz bestimmter Gesichtsmuskeln (also ohne Hilfe des Zeigfingers) in die richtige Position zu rücken. Ich rümpfte die Nase, zog die Oberlippe nach unten und wiederholte den Vorgang mehrmals. Siehe da: Die Brille sass wieder dort, wo sie sitzen muss (direkt unter der Nasenwurzel).

Weil es so gut funktionierte, überlegte ich mir, mit dem Handy einen Clip zu drehen. Videos von tolpatschigen Kleinkindern oder Katzen am Klavier erfreuen sich auf Youtube enormer Beliebtheit. Warum nicht zwanzig Millionen Klicks für einen Film, der das fingerlose Brillenrücken demonstriert? Es sieht lustig aus und hat einen praktischen Nutzen. Ich hätte Nachahmer auf der ganzen Welt, vor allem in Asien. Ich würde zu Talkshows eingeladen, wo ich meinen Trick zum Besten gäbe, erst bei «Giacobbo/Müller» und «Inas Nacht», schliesslich in der «Tonight Show» in New York. Jimmy Fallon würde sich kugeln vor Lachen und mich seinem Freund und Lieblingsgast Neil Young vorstellen, den ich verehre und der sich als Fan meines Brillenclips outete. Jimmy, Neil und ich trügen den Song «Heart of Gold» in einer nasezwinkernden A-cappella-Version vor, nach der Show kippte ich mit meinen neuen Freunden bei «Bill’s Food & Drink» an der 54. Strasse Tequila. Ich erzählte allen, die es hören wollen, noch einmal, wie ich im Aufzug mein inzwischen legendäres Brillenvideo drehte. Ich kletterte auf die Theke und verkündete laut, dass alles möglich ist im Leben und keine Idee zu verrückt, um ausprobiert zu werden. Danach stürzte ich mich von der Bar in ein Meer von Armen, und Jimmy bestellte eine neue Runde Tequila.

Als ich in der vierten Etage den Lift verliess und die Redaktionsräume betrat, spürte ich, dass es ein guter Tag werden würde. Ich grüsste allerseits, rückte mit dem Zeigfinger die Brille zurecht und startete meinen Computer.

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