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Halleluja auf Netflix: In der Serie «Messiah» hat Jesus ein Comeback

Text: Claudia Senn; Foto: Netflix 

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Die Päpste Netflix
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Was wäre, wenn:

«Messiah» ist keine dröge Bibel-Schwarte

«Die zwei Päpste»:

Die Kirchenobenhäupter werden von  Jonathan Pryce und Anthony Hopkins so menschenfreundlich dargestellt, dass man glatt vergessen könnte, dass es um Päpste geht, schreibt unsere Kultur-Redaktorin Claudia Senn. 

Und wenn es schon um die Kirche geht, widmen wir uns gleich noch dem oscarnominierten Film «Die zwei Päpste». So macht Religion auch Agnostikern Spass!

Mein Verhältnis zur Religion ist ein bestenfalls lauwarmes. Zwar würde ich nicht so weit gehen wie ein Redaktionskollege, der neulich am Mittagstisch erklärte, es falle ihm leichter, seinen Kindern zu erklären, was Analsex sei als mit ihnen über den Glauben an Gott zu sprechen. Doch es gibt kaum positive Erfahrungen, die ich mit der Kirche verbinde. Die sterbenslangweiligen Pflicht-Gottesdienste während des Konfirmandenunterrichts haben bei mir nur eine Wirkung hinterlassen: abgrundtiefe Erleichterung, als es damit endlich vorbei war und ich sonntags wieder ausschlafen durfte. Manches an der Kirche macht mich auch richtig sauer: der Umgang mit den zahllosen Missbrauchsskandalen, die ewigen Floskeln von Schuld und Sühne, die Misogynie, die Homophobie, die strikte Weigerung, sich auch nur ein bisschen der Moderne anzupassen. Dabei fände ich es eigentlich schön, einen Ort zu haben, an dem man sich damit beschäftigen könnte, ein besserer Mensch zu werden und ein gutes Leben zu führen. Nur ist die Kirche für mich nicht dieser Ort. Vermutlich geht es mir ähnlich wie dem jüdischen Schriftsteller Thomas Meyer («Wolkenbruchs wunderliche Reise ...»), der mir vor ein paar Monaten gestand, er habe in der Religion einfach «nichts gefunden, was ich nicht auch in mir selbst finden könnte».

Das alles ändert jedoch nichts daran, dass Religionen erstklassigen Stoff für Film und Fernsehen hergeben. In letzter Zeit habe ich mich gleich zweimal allerbestens unterhalten – mit Glaubensfragen, wer hätte das gedacht! Geradezu prophetisch wirkt die Netflix-Serie «Messiah», die sich damit befasst, was wohl passieren würde, wenn tatsächlich ein neuer Erlöser käme. Dieser hier sieht aus wie eine Nahost-Variante des Gucci-Chefdesigners Alessandro Michele, also langmähnig und samtäugig, wie es sich für einen ordentlichen Jesus gehört. In seiner Studienzeit wurde er in die Psychiatrie eingewiesen (wegen Jesus-Psychose, logo!). Jetzt steht er im von IS-Panzern umzingelten Damaskus und predigt den verängstigten Einwohnern, sie bräuchten sich nicht zu fürchten, «Gott wird eure Feinde vertreiben». Gerade als der IS beginnen will, die Stadt in Schutt und Asche zu bomben, zieht ein Sandsturm auf, der 43 Tage dauert. Ein Wunder!

«Messiah» ist keine Neuauflage der drögen Bibel-Schwarten, die auf den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern stets zu Ostern laufen. Sondern eine klug gemachte Mystery-Serie. Bis ganz zum Schluss weiss die Zuschauerin nicht, ob dieser Messias nun echt ist oder bloss ein raffinierter Hochstapler. Die CIA und der israelische Inland-Geheimdienst Schin Bet halten ihn sogar für einen besonders ausgefuchsten Terroristen. Auch bricht mit der Rückkehr des Erlösers keineswegs der Weltfrieden aus, wie uns früher so mancher Dorfpfarrer weismachen wollte, sondern viel eher das Gegenteil. Nachdem der Messias beim Lincoln Memorial in Washington mal kurz übers Wasser gewandelt ist, herrschen in der Stadt bald bürgerkriegsähnliche Zustände. Die eine Hälfte der Bevölkerung gerät in religiöse Verzückung und ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Die andere zieht plündernd und marodierend durch die Strassen.

Auch «Die zwei Päpste» beruht auf einer Was-wäre-wenn-Konstruktion. Der Film von Fernando Meirelles («City of God») stellt sich vor, was sich wohl zwischen den beiden Päpsten Joseph Ratzinger und Jorge Mario Bergoglio abgespielt haben könnte, bevor der eine das Zepter an den anderen übergab. Erst wollte ich mir den für drei Oscars nominierten Film gar nicht anschauen. Päpste, ich bitte Sie! Aber ich bin froh, dass ich es schliesslich doch getan habe, denn die beiden Kirchen-Oberhäupter werden hier so menschenfreundlich-liebenswürdig dargestellt, dass man das mit den Päpsten glatt vergessen könnte. Wenn ich vatikanische PR-Beraterin wäre, würde ich sagen: Meine Herren, zeigen Sie sich Ihren Gläubigen doch ein bisschen mehr so wie in diesem Film. Ich bin sicher, das eine oder andere verlorene Schäfchen würde zurückkommen.

– «Messiah» und «Die zwei Päpste» sind auf Netflix zu sehen

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