Lana del Rey

Hollywoods letzte Hoffnung

Text: Daniel Gerhardt

Auf dem neuen Album von Lana Del Rey liegt das ehrenwerte Amerika in Trümmern. Dann steigt die Sängerin als Heilsbringerin aus den Ruinen empor.

Fast wäre das neue Album von Lana Del Rey mit einer Lüge losgegangen. Wir treffen die Künstlerin im Schlafzimmer an, gebettet neben ein «Man Child», einen jener unvernünftig hübschen und jungen Typen also, an die sie immer wieder zu geraten scheint. Und was soll man sagen? So gut war der Sex diesmal, dass Del Rey beinahe ein «I love you» herausgerutscht wäre, die grösste unter den vielen grossen Lügen der Popmusik. Klavier und filmreife Streicher lassen die Höhepunkte der letzten Stunden noch einmal Revue passieren, Harfe und Waldhorn besorgen die i-Tüpfelchen. Niemand besingt ihn schöner als Del Rey: den Glamour der eigenen schlechten Entscheidungen.

Und trotzdem ist etwas anders auf ihrem fünften Album, das den eigenartigen Fluch- und Ausrufezeichentitel Norman Fucking Rockwell! trägt. Denn diesmal kommt es eben nur fast zur Lüge. Gerade noch beisst sich Del Rey auf die Zunge, im letzten Moment fällt es ihr wieder ein: Nicht die Formvollendung ihrer früheren und heutigen Fehltritte soll im Fokus der Songs stehen – sondern die Heilung des Landes, in dem diese Fehltritte passieren. Frisch vernascht landet das «Man Child» vor der Hotelzimmertür. Lana Del Rey hat einen Kontinent zu retten.

Schon mit dem ersten Stück ihres neuen Albums demonstriert die Wahl- und Überzeugungskalifornierin mehr Eigeninitiative als in den ersten zehn Jahren ihrer Karriere. Lana Del Rey war zunächst Lizzie Grant aus New York. So heisst sie wirklich und dort kommt sie wirklich her, aber das wollte niemand hören. Also erfand sie eine Kunstfigur, die immer aussah und oft auch sang, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Mit der ironischen Ballade Video Games über den Traumprinzen aller Traumprinzen gelang Del Rey im Herbst 2011 der weltweite Durchbruch.

Vier Alben lang sang die 34-Jährige danach zuverlässig ihre Hilflosigkeitshymnen. Del Reys Protagonistinnen schlitterten von einer fatalen Affäre in die nächste, immer blieben sie verlassen und verzweifelt zurück – und verklärten diesen Umstand auch noch zur selbstbestimmten Selbstzerstörung. Der Sound ihrer Lieder beschwor das schöne Leben an den US-amerikanischen Küsten, Fleetwood Mac und Barbra Streisand, eine Vorstellung von kalifornischer Sorglosigkeit und endlosen Cocktailpartys in den Hamptons, die es vielleicht vor 60 Jahren einmal gab. Je glücklicher dieses Amerika der Reichen und Einflussreichen erschien, desto stürmischer stürzten sich Del Rey und ihre Heldinnen ins Unglück.

Mit diesem Programm ist die Sängerin berühmt geworden und immer wieder in die Kritik geraten. Mancher Beobachter merkte an, dass ihre Lieder nicht nur den Glanz einer längst verblassten Traumfabrik aufleben liessen, sondern auch das zugehörige Frauenbild. Eine Vorstellung weiblicher Liebe, für die es Erfüllung nur auf dem Beifahrersitz eines Cadillacs geben kann. Solche Einwände übersehen zwar den Witz und die ironischen Überhöhungen in Del Reys Songs. Eindruck müssen sie aber doch hinterlassen haben – denn auf Norman Fucking Rockwell! verkehren sich plötzlich die Vorzeichen. Jetzt ist es das ehemals gelobte Land, das in Trümmern liegt. Und Lana Del Rey steigt aus den Ruinen empor. Hollywoods letzte Hoffnung.

Mit den besten Liedern ihrer Karriere haucht sie den alten Mythen neues Leben ein: Roadtrips Richtung Westen, Flanierfahrten durch den Laurel Canyon, Liebe und Cherry-Cola am Venice Beach, die Jagd nach dem perfekten Popsong. Kaum noch verschleppen jene Hip-Hop-Beats das Tempo, mit denen Del Rey einst das Ticket für die Charts löste. Jetzt benennt sie Neil Young, Elton John, die Beach Boys und Joni Mitchell als grosse Vorbilder. Künstler aus aller Welt, die ihre Eselsohren aber doch vor allem im Geschichtsbuch des amerikanischen Pop hinterlassen haben.

Schon die Erwähnung dieser Namen und das Vertrauen in ihre Heilkräfte verleihen Norman Fucking Rockwell! etwas von dem Glanz und der Anmassung, die Lana Del Rey am Hollywood der Fünfzigerjahre schätzt und in der heutigen Musiklandschaft vermisst. In traumwandlerischen Liedern rechnet sie mit alten Weggefährten ab, die ihre Idee von Popmusik als Bindeglied zwischen den verlorenen Seelen von Amerika verraten haben. Nichts scheint zu grandios für dieses Album, keine Idee zu pompös. Kanye West taucht plötzlich als blondierter Trottel auf, ein Hip-Hop-Trump, für den die Künstlerin keine Zeit mehr hat. Spätestens dann wird klar: Der Beifahrersitz ist zu eng für diese Version von Del Rey. Sie will jetzt der ganze verdammte Cadillac sein.

Und so steht sie nun da, einzigartig und ehrenwert, ein Klassiker von morgen, der Amerika schon heute wieder aufpäppelt, zumindest für 68 unbezahlbare Minuten. Nichts sei so gefährlich wie die Hoffnung, singt Del Rey am Ende von Norman Fucking Rockwell!, vor allem für eine Frau wie sie, die gar nicht mehr zählen könne, wie oft sie das Land und seine Menschen schon enttäuscht haben. Doch dann schraubt sich ihre Stimme noch einmal nach oben, so klar und zerbrechlich wie Kristall, und die letzten Worte versichern: Die Hoffnung lebt trotzdem weiter.

Fast wäre das neue Album von Lana Del Rey mit einer Lüge losgegangen. Wer an das Ende dieser Platte glaubt, kann selig mit ihr werden.

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