Begegnung

Im Interview mit Schauspieler John Hawkes

Text: Frank Heer; Fotos: Maurice Haas

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John who? Im Film «The Sessions» spielt der 53-Jährige einen Tetraplegiker, der endlich Sex haben will. Merken Sie sich seinen Namen.

Der dünne Mann mit dem hageren Gesicht, der auf dem Balkon einer Suite des Zürcher «Baur au Lac» in zehn Sekunden eine Zigarette abfackelt, ist John Hawkes.

«John wer?», fragte der australische Regisseur Ben Lewin seine Castingagentin, als sie ihm den Namen vorschlug. Ben Lewin war auf der Suche nach einem Hauptdarsteller für «The Sessions», seinen Film über die wahre Geschichte des vom Hals an abwärts gelähmten Dichters Mark O’Brien, der sich seine Sehnsucht nach körperlicher Liebe mithilfe einer professionellen Berührerin erfüllte. Eine schwierige Rolle, die viel abverlangen würde: Abmagerungskur, Nacktszenen, physische Strapazen, auf Mimik und Stimme reduzierte Schauspielerei.

Mit 51 die erste Oscar Nomination

Man muss kein fleissiger Kinogänger sein, um John Hawkes in den letzten zwanzig Jahren schon einmal begegnet zu sein. Wikipedia listet fast sechzig Film- und TV-Produktionen auf, in denen der 53-jährige Schauspieler mitgewirkt hat, darunter Tarantinos Vampirgemetzel «From Dusk Till Dawn», «American Gangster» von Ridley Scott, Wolfgang Petersens Katastrophenknüller «The Perfect Storm», die TV-Serie «Deadwood» und Miranda Julys Leinwandkunststück «Me and You and Everybody We Know». Dazu Gastauftritte in «24» und «Lost».

Das klingt bemerkenswert, doch meistens tauchte John Hawkes’ Name erst dann im Abspann auf, wenn der Kinosaal bereits leer war. Für ihn, der nie eine Schauspielschule besucht hatte, war bis vor kurzem jede Rolle gut genug, um keiner gewöhnlichen Arbeit nachzugehen. Lieber verdiente er sein Geld als Pizzaboy oder Schuhverkäufer auf der Leinwand als im richtigen Leben.

Und noch lieber spielte er durchtriebene Psychopathen. Zum Beispiel in «Winter’s Bone», einem grimmigen Neowestern von 2010, wo sein Name im Abspann plötzlich ganz weit nach oben rückte: Er gab einen unheimlichen, von Amphetaminen zerfressenen Gesellen namens Teardrop und wurde dafür für einen Oscar für die beste Nebenrolle nominiert. Seither fragt man sich, warum dieser Mann 51 Jahre alt werden musste, um zu dieser Ehre zu kommen.


John Hawkes in «Winter’s Bone»

Hawkes wollte die Rolle zuerst nicht

«John Hawkes», insistierte Ben Lewins Castingagentin. «Er ist der Mann, den du suchst.» Also sah sich Lewin einige seiner Filme an. Je mehr er sah, umso mehr verstand er die Agentin. «John schafft es, in jeden erdenklichen Charakter zu schlüpfen. Und man glaubt ihm dabei jedes Wort.»

Als er ihn anrief, um ihm die Hauptrolle in «The Sessions» anzubieten, soll Hawkes geantwortet haben: «Glauben Sie nicht, dass Sie einen Besseren finden?» «Nein», insistierte nun auch Ben Lewin. Hawkes war der Mann, mit dem er arbeiten wollte. Doch der zögerte, weil er der Meinung war, dass ein behinderter Schauspieler die Rolle bekommen sollte. Hawkes: «Es gibt so viele talentierte Schauspieler, die im Rollstuhl sitzen und deswegen keine Jobs bekommen.»

Mit Verlaub, aber diesen Satz lohnt es sich zweimal zu lesen, denn er katapultiert einen mitten ins Herz eines Mannes, der von sich sagt, zuerst ein guter Mensch und dann ein guter Schauspieler sein zu wollen. Rewind. Play: «Es gibt so viele talentierte Schauspieler, die im Rollstuhl sitzen und deswegen keine Jobs bekommen.»

An der Seite von Helene Hunt und William H. Macy

Ben Lewin, der durch die Folgen einer Kinderlähmung selbst nur mühsam an Krücken geht, konnte ihm versichern, bereits erfolglos nach Kandidaten gesucht zu haben. Nach einer Woche Bedenkzeit sagte Hawkes zu. Und mit ihm, gleichermassen brillant, Helen Hunt in der Rolle der abgeklärten Sextherapeutin und William H. Macy als langhaariger Hippie-Pfarrer.

Was dann geschah, hatten sich Lewin und seine Castingagentin nicht in den kühnsten Träumen ausgemalt: Einen Tag nach der umjubelten Premiere am Sundance Film Festival 2012 wurde «The Sessions» für die Rekordsumme von 6 Millionen Franken an einen Verleiher in Hollywood verkauft. Gekostet hatte der Low-Budget-Film gerade einmal 900 000 Franken.

Heter. Sensibel. Gefährlich.

John Hawkes sitzt im braunen Cordjackett mit übereinandergeschlagenen Beinen beim Interview in Zürich. Schmale Statur, fein frisiertes Schnäuzchen, markante Nase, den beneidenswerten Haarschopf nach hinten gebürstet. Es sind diese grossen, seltsamen und von Krähenfüssen belagerten Augen, denkt man, die diesen Mann auf der Leinwand so wandelbar machen.

Mit jedem Augenschlag erfindet er sein Gesicht neu. Heiter. Sensibel. Gefährlich. Heute blickt John Hawkes ausgesprochen nett und sehr höflich, was überhaupt nicht gespielt sei, wie er versichert, sondern seinem Naturell entspreche.

ANNABELLE: John Hawkes, als Zuschauer wird man bei den Sexszenen in «The Sessions» ziemlich aus der Comfort Zone gezerrt. Sie entsprechen nicht der klassischen Bettszene, wie man sie aus Hollywood kennt.
JOHN HAWKES: Gleichzeitig sind sie überhaupt nicht abgeschmackt oder peinlich, finde ich. Es geht dabei ja auch nicht nur um Sex, sondern um die Erfüllung ganz normaler erotischer Bedürfnisse, die meinem Protagonisten so lange vergönnt waren.

Bewältigt man solche Szenen mit reiner Schauspielerroutine?
Sagen wir es so: Ich hatte mich nicht davor gefürchtet. Und wenn man eine solch fantastische Partnerin wie Helen Hunt zur Seite hat, die einem das Gefühl gibt, dass diese Sexszenen ganz natürlich sind, obschon Sexszenen vor laufender Kamera nie natürlich und immer grotesk sind, dann hilft das schon sehr.

Wie bereitet man sich auf eine Rolle vor, für die nur der Einsatz der Stimme und der Gesichtsmuskeln erlaubt ist?
Ich würde Ihnen gern erzählen, ich hätte mich wie Robert De Niro oder Christian Bale über Jahre auf meine Rolle vorbereitet. Doch dazu fehlte uns die Zeit. Ich hörte mit dem Krafttraining auf, las sehr viel von und über Mark O’Brien, übte, mit einem Mundstab die Schreibmaschine zu bedienen, und sah mir mehrmals den tollen Dokumentarfilm «Breathing Lessons. The Life and Work of Mark O’Brien» an.

Ein paar Monate nach dem Dreh wunderte sich John Hawkes’ Hausarzt, dass sich die Wirbelsäule seines Patienten wie auch die Position der inneren Organe in einem besorgniserregenden Mass verschoben hatten. Der Grund war schnell gefunden: Damit er die verkrümmte Haltung hinbekam, unter der der Protagonist sein Leben lang gelitten hatte, liess sich Hawkes einen Ball unter den Rücken schieben. Der zwang ihn, in einer völlig verdrehten und schmerzhaften Position zu liegen. Es sei für ihn wichtig gewesen, sagt Hawkes, seinen Körper in diese schmerzhafte Lage zu manövrieren, um dem Gefühl einer Behinderung so nahe wie möglich zu kommen.


«The Sessions» mit Annika Marks als Pflegerin

Sie hatten die Rolle erst angenommen, nachdem Ihnen der Regisseur versichert hatte, erfolglos einen behinderten Schauspieler gesucht zu haben. Das hat Ihre anfänglichen Bedenken dann zerstreut?
Nicht ganz.

Warum nicht?
Weil ich beruflich viel riskierte. Es war meine erste Hauptrolle, und der Regisseur Ben Lewin hatte seit zwanzig Jahren keinen Film mehr gedreht. Das Thema war spannend, doch es hatte das Potenzial, ins Sentimentale zu kippen.

Und was hat Sie letztlich umgestimmt?
Das Drehbuch. Ich las es während einer Woche jeden Tag. Ich spürte, dass Ben wusste, wie man diese Geschichte erzählen musste. Und als ich erfuhr, dass William H. Macy und Helen Hunt dabei waren, war ich überzeugt, dass das Projekt klappen könnte.

Es klappte. Auch, weil daraus kein deprimierender Film geworden ist, finden Sie nicht?
Als ich mir die Doku über Marks Leben ansah, dachte ich nach ein paar Minuten: was für ein armer Mann. Und am Ende des Films dachte ich: was für ein grossartiger Mann. Wir wollten, dass die Zuschauer das Kino mit diesem Gefühl verlassen.

Seine Biografie ist schnell erzählt

John Hawkes spricht mit Begeisterung über seinen Beruf. Über die Leidenschaft, die ihn treibt, und die Rollen, die ihn fliegen lassen. Seine Privatsphäre hütet er wie einen Schatz, und die Rolle, die das Leben für ihn geschrieben hat, ist die des Asphaltcowboys. Frei, in sich versunken, ständig unterwegs.

Was nach aussen durchsickert, reicht kaum für Schlagzeilen: Dass Hawkes kein Smartphone besitzt. Gitarre in einer Countryband namens King Stragglers spielt. Seiner Mutter kürzlich ein Haus gekauft hat. Das Rampenlicht scheut, ausser er dreht einen Film. Bücher über den amerikanischen Bürgerkrieg verschlingt.

Auch seine Biografie ist schnell nacherzählt: John Hawkes wuchs in einem Provinznest in der Nähe von Minneapolis auf. Als Kind fürchtete er sich vor den Filmen von Alfred Hitchcock, als Jugendlicher zog ihn Malcolm McDowell mit seiner verstörenden Bösartigkeit in «A Clockwork Orange» in seinen Bann. Doch seine erste Leidenschaft galt nicht der Schauspielerei, sondern dem Wrestling, das er bis zur Highschool wettkampfmässig betrieb.

Wie er das Schauspielern entdeckte

Erst ein Bühnenstück von Arthur Miller, das Hawkes als Gymnasiast in Minneapolis sah, weckte seine Begeisterung fürs Theater («Das hatte in mir etwas Fundamentales ausgelöst»). Er belegte Schauspielklassen an der Schule, empfand den Unterricht aber schnell als zu konventionell.

Nach der Highschool zog er ins texanische Austin, wo er Anschluss an eine blühende Subkultur fand und auf Gleichgesinnte stiess, die er in seinem Heimatstädtchen vergeblich gesucht hatte. Er begann zu malen, spielte in Bands, schrieb Gedichte und gründete mit Freunden eine experimentelle Theatergruppe, die bis heute existiert.

Er trampte per Autostopp durch Amerika und übte sich jedes Mal in einer improvisierten Rolle, wenn er seine Reisetasche in einen Wagen warf, der anhielt. 1988 debütierte er in einem abgefahrenen Kurzfilmchen der dadaistischen Punkband The Butthole Surfers. Als argloser Vater, der auf einem Campingplatz mit seiner Familie in die Falle von Kannibalen gerät («Ein Kunstwerk!»). Sein Interesse am Film wuchs, und weil Austin dafür der falsche Ort war, zog John Hawkes Ende der Achtzigerjahre in die Höhle des brüllenden Löwen: nach Hollywood.

War das kein Kulturschock?
Natürlich, doch ich war darauf vorbereitet. Ich wusste, dass ich auf den Knien kriechen musste, um fliegen zu können. Die ersten Jahre verliefen völlig willkürlich. Ich arbeitete als Kellner, um meine Miete bezahlen zu können, und nahm jede Rolle, die ich kriegen konnte.

Es dauerte zwanzig Jahre, bis Sie nicht mehr auf jedes Angebot angewiesen waren. War das bitter?
Nein, ich mochte mein Leben. Ich brauchte ja nicht viel, auch jetzt nicht, wo sich so etwas wie Erfolg einstellt. Ich besitze keinen Neuwagen, kein Haus und keine E-Mail-Adresse. Nach «Winter’s Bone» fuhr ich zum ersten Mal in die Ferien. Ich war immer von Künstlern und Musikern umgeben, für die der Ausdruck wichtiger war als der Wunsch, damit reich zu werden. Natürlich möchte ich mit meiner Schauspielerei Geld verdienen. Doch Berühmtsein, das war immer das Letzte, was ich wollte, und meine Privatsphäre ist mir heilig. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt viele grossartige Filmstars in Hollywood. Doch ich mag sie lieber auf der Leinwand als bei David Letterman.

Der dünne Mann mit dem hageren Gesicht, der nach dem Interview auf dem Balkon in zehn Sekunden eine Zigarette abfackelt, ist mittlerweile ein Oscar-Favorit für seine Hauptrolle in «The Sessions». Ein Anruf von David Letterman dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Der Film

Nach «Hasta la Vista» und «Intouchables» kommt mit «The Sessions» ein weiterer Behindertenfilm in die Kinos, der berührt, ohne mutwillig auf die Tränendrüse zu drücken. Er erzählt aus dem Leben des kalifornischen Dichters und Journalisten Mark O’Brien (1950–99), der mit 36 Jahren beschloss, seine Jungfräulichkeit zu verlieren.

Als Bub erkrankte er an Polio und war für den Rest seines Lebens vom Nacken an abwärts gelähmt. Zusätzlich war er an eine eiserne Lunge gefesselt, eine Beatmungskapsel, aus der nur der Kopf ragt. Trotzdem studierte O’Brien in Berkeley Literatur und Journalismus. Er verfasste Reportagen, Essays und zahllose Gedichte, die er mit einem Mundstock in seine IBM-Schreibmaschine tippte.

1983 interviewte er für einen Artikel behinderte Menschen zu ihrem Sexleben. Nach vielen Gesprächen mit seinem Seelsorger (O’Brien war überzeugter Katholik) beschloss er, seine eigenen sexuellen Bedürfnisse auszuleben, und arrangierte mehrere Treffen («Sessions») mit einer professionellen Berührerin. Die Erfahrung beschrieb er in der Zeitschrift «The Sun Magazine», worauf sich auch der Film von Ben Lewin stützt. Mark O’Brien starb 1999 im Alter von 49 Jahren an den Folgen seiner Krankheit.

«The Sessions», ab 3. Januar im Kino

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