Herbert Grönemeyer

Interview mit Pop-Rocker Herbert Grönemeyer

Interview: Sven Broder; Fotos: Ellen von Unwerth

Begegnung mit Pop-Rocker Herbert Grönemeyer
Begegnung mit Pop-Rocker Herbert Grönemeyer
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Herbert Grönemeyer auf einem Pressebild zu seiner jüngsten Promo-Tour, fotografiert von der deutschen Starfotografin Ellen von Unwerth

Aussen hart und innen ganz weich! Da haben sich zwei gefunden: Unser Autor und sein Idol aus der Jugendzeit, der deutsche Pop-Rocker Herbert Grönemeyer.

Ich verstand mit 14 Jahren kein Englisch. Deshalb hörte ich gern wildes Zeug aus Deutschland – wenn mich jemand danach fragte. Abstürzende Brieftauben. Einstürzende Neubauten: «Ich sitze in meinem Loch und warte auf die Träume, die mich retten» – diese Songzeile schrieb ich mit Tipp-Ex auf meine erste Lederjacke. Fand ich krass. War aber Quatsch. Denn in Wahrheit hörte ich Ende der Achtzigerjahre vor allem Herbert Grönemeyer. «Ich will nur leben. Jetzt oder nie. Wascht ihr nur eure Autos.»

Sie verstehen: «Aussen hart und innen ganz weich.»

Eines Morgens, das war vor etwa fünf Jahren, in Zürich-Wipkingen, ich wollte mit meinem Sohn nur eben in einem Café ein Gipfeli kaufen – und da sass er, ganz allein, an einem Zweiertisch und ass den Letten-Zmorge mit Thunfisch-Mousse, dazu trank er Grüntee. «Sohn!», flüsterte ich nervös, denn er sollte spüren, dass da grad was Grosses passierte, «da sitzt Herbert Grönemeyer.» – «Wer?» – «Grönemeyer.» – «…?» – «Mein Cristiano Ronaldo. Oder so ähnlich.» – «Wow! Hol dir die Unterschrift.» – «Nein!» – «Warum nicht?» – «Das fände er doof. Und ich auch.» Und so ging ich wieder. Ohne Autogramm. Mein Sohn hat das nie verstanden.

Und nun sitzt Herbert Grönemeyer wieder vor mir, diesmal ohne Frühstück, aber wieder mit Grüntee. In einem Nebenzimmer im Parterre des «Dolder Grand». Er ist auf Promotionstour für seine neue Platte «Dauernd jetzt» und die Konzerttournee, die Mitte Mai losgehen wird.

Treffen mit Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer empfängt mich zum Interview, so als hätte ihn das edle Ledersofa auf Hüfthöhe festgesaugt, dunkler Anzug, schwere Schuhe, schweres Armband, beide Hände lässig über die Rückenlehne gelegt. Freundlich. Fast schon kumpelhaft. Flugzeuge im Bauch. Ich erzähle ihm also von unserer ersten Begegnung, damals in jenem Café. Und dass ich mich genierte, ihn nach einem Autogramm zu fragen.

Herbert Grönemeyer: Warum denn?

Nicht getraut. Und ich wollte Sie nicht stören. Verstehen Sie das?
Nein. Na ja, ein wenig schon. Eigentlich finde ich das ja nett. Ich mag die Zurückhaltung von euch Schweizern.

Bei wem kriegen Sie weiche Knie?
Randy Newman. Ihm wollte ich unbedingt mal die Hand schütteln. Und als ich in L. A. endlich die Gelegenheit dazu hatte, habe ich sie gepackt. Wenn einem so etwas am Herzen liegt und man das auch ehrlich transportiert, freut sich der eine wie der andere.

Bald startet Ihre «Dauernd jetzt»-Tour – 28 Konzerte, 28-mal Tausende Leute, die Ihnen zu Füssen liegen. Wann kriegt das Ego zu viel Anerkennung?
Komisch wirds, wenn das Publikum zur Masse wird, zu einem Block, der einen nur noch zelebriert.

Wie verdaut man die körpereigenen Säfte, die auf der Bühne den Geist fluten?
Nicht so einfach. Das ist ja nicht nur ein mentales Problem, sondern auch ein hormonelles. Während einer Tour bin ich ständig auf Adrenalin, immer angekickt, auch unter der Dusche. Die ganze Zeit. Wie ein Rennpferd.

Und dann, nach ein paar Monaten, sitzt man plötzlich zuhause.
Genau. In den Achtzigern, wo die Leute ja komplett ausgetickt sind an den Konzerten, als ich da jeweils nachhause kam und meine Frau trocken meinte: «Herbert, könntest du mal bitte den Müll raustragen.» Da denkst du schon: Hä, weiss die eigentlich, wer da gerade zur Tür hereinspaziert ist. Ich dachte sie hätte vielleicht einen Lorbeerkranz an die Tür genagelt, Kerzen aufgestellt, Rosenblätter gestreut … Sorry, Liebes, ich muss hier jetzt grad gar nichts!

Sie leben seit vielen Jahren in London. Können Sie sich dort unbeobachtet bewegen?
Ich pendle zwischen London und Berlin. Berlin ist ja auch relativ ignorant, im positiven Sinn. Aber wenn ich dort allein in einem Café sitze, denken die Leute: Ach, der Grönemeyer ist traurig, den liebt auch keiner mehr. In London kann ich mein Leben leben.

Auch als Popstar?
Unbedingt! In England ist Musiker wie Neurochirurg: Davon träumt jeder – das wünscht man sich dort sogar für seine Kinder. In London habe ich als Musiker den grössten Selbstbewusstseins-Boost erlebt.

Brauchen Sie den noch?
Den braucht man immer als Künstler. Ängste haben wir schon genug.

Ich war auch mal Sänger, als Teenager. Und weil ich kein Englisch konnte, sang ich irgendwas, das nach Englisch tönte. Irgendwann wurde mir das zu peinlich – und ich hörte auf. Jahre später erfuhr ich, dass Ihre Lieder quasi auf ebensolchen Bananentexten, wie Sie es nennen, basieren: Texte, die keinen Sinn ergeben, sich aber toll auf die Musik legen. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vielleicht drangeblieben?
Tja, schade (lacht). Ich tat meine ersten Gehversuche als Sänger nämlich wie Sie; ich sang in New York Lieder von Cohen und Dylan – und die Leute meinten: Hey, Spitze! Dabei sang ich irgendwas, aber sicher kein Englisch. Das haben die gar nicht gemerkt. Die Nummer, die ich momentan so mag, weil sie am Klavier so schön zu spielen ist, «Neuer Tag», die singe ich privat ausschliesslich mit dem Bananentext.

Singen Sie mal, bitte!
Eidontliff-uo-ww … home!

Habe nur «home» verstanden.
Das «home» ist auch wichtig. Das hört sich tierisch an am Klavier!

Finden Sie in Ihren Texte auch Botschaften, die Sie dort so gar nicht bewusst versteckt hatten?
Oh ja. Es gibt da ein Lied – so verblendet ist man dann: «Die letzte Version vom Paradies». Jahre nachdem das Album herausgekommen war, meinte eine Journalistin, es gebe da drauf dieses traurige Lied. Ja, ja, sagte ich: «Schmetterlinge im Eis». Nene, meinte sie: «Die letzte Version vom Paradies». Und ich so: Wie, das ist traurig? – Dann hörte ich mir den Song noch mal an und stellte fest: Der ist so traurig, so herzzerreissend traurig – mit Sicherheit das traurigste Lied, das ich je geschrieben habe. Das war mir gar nicht aufgefallen.

Vielleicht hat eine Universität Sie deswegen mal als Gastprofessor für ein Poesieseminar eingeladen?
Ja, das war in Leipzig, und ich war schön stolz drauf. Muss gut gewesen sein – hat man mir gesagt (lacht).

Als Sie «Männer» herausbrachten, steckte meine eigene Mannwerdung noch in den Kinderschuhen. Aber Sie machten mir den Weg mit Ihrem Lied schmackhaft, damals. Auch deshalb machte ich mir meine Gedanken, als ich hörte, dass Sie Ihre Frau, die Mutter Ihrer beiden Kinder, verloren haben. Heute habe ich selber Kinder, 11 und 7 Jahre alt, also etwa so alt wie Ihre Kinder damals – und ich frage mich: Wie hält man das aus, plötzlich allein zu sein mit den Kindern?
Nun, es war natürlich ein Geschenk des Himmels, dass die Kinder da waren. Denn das hiess, dass ich funktionieren musste. Und das tat ich: funktionieren. Und im Schmerz rückten wir drei auch zusammen.

Aber es gab diese Momente der totalen Überforderung?
Natürlich. Einmal war ich so am Ende mit den Nerven, dass ich eine Tomate an die Wand geknallt habe. Meine Tochter meinte daraufhin nur trocken: Musste es unbedingt eine Tomate sein.

Die Schwierigkeit, Liebe zuzulassen

Warum lohnt sich Liebe?
Liebe geben tun wir ja alle gern, ist ja auch ein schöner egoistischer Vorgang. Womit wir aber die grösste Mühe haben, ist, Liebe zuzulassen. Weil wir immer hinterfragen: Will ich das überhaupt, macht mich das abhängig, ist das echt, zwingt mich das zu was, wird das langweilig? Jemanden an der Seite zu haben, wo man seine Liebe nicht bloss los wird, sondern wo man auch bereit ist, Liebe zuzulassen: Das hat einfach eine unglaubliche Schönheit.

Haben Sie sich mal überlegt, ein Lied «Frauen» zu schreiben?
Überlegt schon, aber … mit fünfzig habe ich festgestellt – und das hat mir auch sehr geholfen: Ich verstehe Frauen nicht. Man kann sich Mühe geben – und das sollte man als Mann auch gefälligst tun. Aber verstehen? Nein! Deshalb käme wohl nur etwas total Satirisches dabei heraus – und das wäre natürlich Quatsch.

Sie haben der «Bild»-Zeitung nie ein Interview gewährt, dafür schon Dutzende Publikationssperren durchgesetzt. Wissen Sie wie viele?
Nein.

Ich habe über 24 Eintragungen gezählt – unter anderem haben Sie untersagt, «Herbert Grönemeyer ist frisch verliebt» zu schreiben; eine simple Statusänderung – tut heute fast jeder auf Facebook.
Ja. Dabei ist es noch nicht lange her, da gab es in der Schweiz diesen riesigen Fichenskandal. Weil klar war, mit gesammelten Daten wird man kontrollierbar, erpressbar. Heute muss man annehmen, die Leute würden sich sogar freiwillig melden: Was haben Sie für Daten über mich? Also wenn Sie noch was bräuchten, sexuelle Vorlieben oder so, ich hätte da noch was. Die Eitelkeit der Leute, ihre Sucht nach öffentlicher Anerkennung sind heute so gross, dass ihr Gehirn sämtliche Stoppschilder überfährt.

«Bleib geheim», «jeder Mensch braucht zum Überleben sein intimes Sperrgebiet» – das ist ein grosses Thema auf Ihrer neuen Platte.
Die Intimsphäre ist unser Sauerstoffring. Den sollte man nicht sorglos aufgeben. Wenn ich nur noch Selbstpromotion betreibe, ständig nach etwas suche, das mich noch interessanter machen könnte, dann gebe ich mich auf. Dann bin ich kein Individuum mehr, sondern nur noch eine Ware in einem Spiel, in dem alle alles auf den Markt schmeissen. Zudem habe ich grosse Angst davor, dass sich irgendwann das Denken ändert. Dass der, der nicht mitmacht bei dieser digitalen Selbstentblössung, plötzlich als suspekt gilt, weil er ja offensichtlich was zu verbergen hat. Doch wir, wir füttern weiter lässig die Maschinen. Und ohne es zu merken, kommt irgendwann das Netz von hinten und jubelt uns das Drehbuch unter. Bei dem Thema kann ich ganz schön plusterig werden.

Notizen, Randbemerkungen und Fragen

Die Zeit ist abgelaufen. Ich bedanke mich für das Gespräch und räume meine Unterlagen weg – unter anderem auch einen Ausdruck des Textes von «Morgen», dem ersten Song auf der neuen Platte. Darauf: ein wildes Durcheinander aus Notizen («Schicksal»), Randbemerkungen («Heul doch!») und Fragen wie: «Na, Herbie, die Nase voll vom Leben?» Meine Frau hatte den Song am Vorabend seziert. Sie meinte, es wäre spannend, das ganze Interview nur über dieses eine Liedzu machen. Denn, so befand sie: Da steckt alles drin! Ich fand: doofe Idee. Denn ich erinnerte mich an ein Grönemeyer-Interview im «Spiegel» aus dem Jahr 2007 – und folgende Aussage eines offensichtlich arg enervierten Herbert Grönemeyer:

«Immer diese Seziererei, die Analysen. Ich kanns nicht mehr hören. ‹Männer nehmen in den Arm … Männer sind schon als Baby blau› – welchen Sinn hat das denn? Ich habe Sätze geschrieben, die sind einfach stulle. Aber im Zusammenhang mit der Musik funktionieren sie (…) Wenn man eingeladen ist und jemand hat gekocht, dann heisst es: Wie hast du das denn gemacht? Kannst du mir das Rezept mal aufschreiben? Kein Deutscher kann am Tisch sitzen bleiben, einfach essen und geniessen. Nee, er muss mit einem kleinen Handbuch mit der Weltformel nachhause gehen. Das nervt.»

Mit Herbert Grönemeyer dieses Blatt der innerfamiliären Textanalyse durchzugehen, war also keine Option gewesen. Aber nun hatte er das Blatt bereits gesehen: «Was ist das?»

Ein Song von Ihnen – seziert und analysiert von meiner Frau. Gestern Abend.
Wahnsinn! Das hat sie alles in diesem einen Song entdeckt? Darf ich das haben – das muss ich mir unbedingt aufhängen in unserem Bandraum. «Einverstanden», sage ich, «aber nur, wenn ich ein Selfie mit Ihnen machen darf.» Das hätte ich mich sonst nämlich nicht getraut zu fragen. Und ich wäre wieder mit leeren Händen nachhause gekommen. Das hätte mein Sohn – vermutlich – dann wieder überhaupt nicht verstanden.

— Herbert Grönemeyer: Dauernd jetzt (Universal); Konzert: 19. Mai, Hallenstadion Zürich (ausverkauft)
 

Der Star und ich

Herbert Grönemeyer ist auf Promotionstour, er redet also gerade mit vielen Journalisten. Nun ist er ja kein unbeschriebenes Blatt mehr. Muss man zugeben. Und so offensiv mitteilungsbedürftige Menschen wie er bieten ja immer auch gute Gründe, nicht gemocht zu werden. Auch das muss man zugeben. Reportagen-Chef Sven Broder (l.) wollte ihn trotzdem treffen. Und unbedingt ein Selfie. Für sich selber. Aber auch ein bisschen für seinen Sohn.

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