Senn & So – Die Kulturkolumne von Claudia Senn

Jetzt im Kunsthaus: Eliassons Zaubersee

Text: Claudia Senn; Fotos: Kunsthaus 

Statt Spaghetti und Pelatibüchsen sollten wir lieber Kultur hamstern – solang es noch geht. Zum Beispiel in der magischen Olafur-Eliasson-Ausstellung im Zürcher Kunsthaus.

In letzter Zeit war viel von Hamsterkäufen die Rede. So leergeräumt sind manche Pasta- oder Pelatibüchsen-Regale in den Läden, dass man glauben könnte, eine Hungersnot stehe unmittelbar bevor. Doch was in der Corona-Krise wirklich knapp wird, sind kulturelle Veranstaltungen. Ich brauche nur in meinen Mail-Account zu schauen, um zu wissen: Der März wird ein trauriger Monat. Opernball, Leipziger Buchmesse, Popkonzerte, Poetry-Festivals, Lesungen – alles abgesagt. Nun sollen auch noch die Clubs dichtmachen. Wir müssen also dringend Kultur hamstern, bevor uns als letzte Zuflucht bloss noch die Glotze bleibt. Wir brauchen etwas Nährendes, Stärkendes, das lang nachhallt und uns beseelen kann, wenn die Zeiten härter werden.

Ich gehe gern ins Museum, bin aber eine schwierige Kunstkonsumentin. Im Grunde genommen ist es mit der Gegenwartskunst wie mit Social Media: Man muss sich eine Menge verquasten Mist anschauen, um zu den raren Perlen vorzudringen. Die Ausstellung von Olafur Eliasson jedoch, die gerade im Zürcher Kunsthaus zu sehen ist, hat mich derart umgehauen, dass ich seither jeden damit vollschwärme.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

‘In Symbiotic seeing I project lasers onto oil-based fog. The combination of lasers and fog makes the micro-turbulent activity in the air visible; these miniature vortices and currents are created by, for instance, the body heat of a visitor standing right beneath the fog. I see the coming together of the different materials, the sounds, heat, and bodies in the artwork as a way of making explicit the construction of that shared space.’ Olafur Eliasson ‘Olafur Eliasson : Symbiotic seeing’ @kunsthauszuerich (‪17.1.–22.3.2020‬) #symbioticseeing #kunsthauszurich #kunsthauszuerich #studioolafureliasson #olafureliasson #museenzuerich #visitzurich #museumlovers #artmuseumsofswitzerland #inlovewithswitzerland #kulturzüri

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Eliassons Werke bestehen aus Licht, Wasser und ein wenig Drumherum und richten sich nach den Gesetzen der Physik und der Natur. Man braucht kein Kunststudium, um sie zu verstehen. Besser noch, verstehen ist total freiwillig, denn Eliassons Kunst ist in erster Linie zum Erleben da. In der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern hat der dänisch-isländische Tüftler einmal eine riesige, mild leuchtende Sonne gebaut. Manche Zuschauer legten sich stundenlang darunter, weil sie so schön war. In Zürich lädt uns Eliasson jetzt ein, Teil einer grünlich schimmernden, tropisch-feuchten Wolke zu sein. Auf einer Projektionsfläche über den Köpfen der Zuschauer bilden sich Strömungen und Wirbel, die auf die Körperwärme und die Bewegungen der Menschen reagieren. Es ist, als tauche man durch einen metallisch schimmernden Zaubersee und betrachte von unten die Wasseroberfläche. Darüber ist ab und zu das leise Zischen der Nebelmaschinen zu hören. Und von irgendwoher wehen sphärische Celloklänge durch den Raum. Magisch! Erst ganz am Ende der Ausstellung begreift man, dass das Instrument von einem Roboterarm gespielt wird. Die Partitur stammt von der oscarprämierten Filmmusik-Komponistin Hildur Gudnadóttir («Joker»).

Auch wenn Museen sonst nicht zu Ihrem natürlichen Habitat gehören: Gehen Sie hin, solang Sie es noch können! Bringen Sie Ihre Freunde mit, Kinder, Eltern, Nachbarn, den Yogalehrer, Grosstante Birgit. Ich garantiere, Sie werden mindestens eine Stunde lang nicht an Corona denken. Und wenn wir dann alle in Quarantäne sind, können wir uns gemeinsam erinnern: Weisst du noch, damals in Olafur Eliassons Zaubersee?

Olafur Eliasson: Symbiotic Seeing, Kunsthaus Zürich, noch bis 22. März

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