Besser spät als nie

Kris Hitchen – der Elektriker, der zum Star wurde

Text: Frank Heer; Foto

Der britische Schauspieler hatte seinen Beruf vor 17 Jahren wegen Erfolglosigkeit aufgegeben. Jetzt feiert er ein grandioses Comeback.

Tippt man man seinen Namen in die Suchmaschine der Schweizerischen Mediendatenbank ein, ergibt die Recherche keinen Treffer. Ebensowenig im Archiv der «New York Times» oder des «Guardian». Einen Wikipedia-Eintrag? Hat der Mann nicht. Google Photo spuckt das zerknirschte Gesicht eines mittelalterlichen Rotschopfs mit schiefen Zähnen und geschwollenen Augen aus. Ein Typ, der vieles sein könnte: Lastwagenfahrer, Speditionschef, Mechaniker, Spengler. Aber da sind auch, je länger man sich in den charismatischen Falten dieses Gesichts verliert, verwandtschaftliche Züge mit einem Steve McQueen oder Daniel Craig zu erkennen – vielleicht auch nur im Wissen darum, dass der Mann Schauspieler ist.

Wobei: Schauspieler trifft es nicht ganz. Kris Hitchen, so heisst der Rotschopf, bezeichnet sich selbst lieber als Teilzeit-Spengler aus Bolton bei Manchester. Tatsächlich war er die vergangenen 18 Jahre alles Mögliche, nur nicht Schauspieler. Bevor der britische Filmemacher Ken Loach den heute 45-Jährigen für sein neues Meisterwerk «Sorry we missed you» in der Hauptrolle besetzte, arbeitete Hitchen als Fabrikarbeiter, Friedhofsgärtner, Coiffeur und als Spengler in der Baufirma seines Vaters. Als Kind hatte er Kurse in Theater und Ballett absolviert, war als junger Mann in Nebenrollen am TV, in Werbespots und kleineren Theaterproduktionen zu sehen, doch seine Karriere als Schauspieler hob nicht ab. Er beschloss, sein Geld auf konventionelle Weise zu verdienen, um seine junge Familie zu ernähren. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war eine Absage: 2001 hatte sich Hitchen für die Hauptrolle im Film «The Navigators» beworben – ebenfalls von Ken Loach. Doch dieser entschied sich gegen ihn, was den Schauspieler dazu bewog, seinen Beruf an den Nagel zu hängen.

Natürlich würde man jetzt gern wissen, wie schwer dem damals 27-Jährigen der Abschied von der Bühne fiel. Bekanntlich ist es keine Qualität des Künstlers, eine gefühlte Berufung zugunsten der Familie aufzugeben. Hatte Hitchen seine Entscheidung als Niederlage empfunden? Oder als gesunde Alternative zu einem schwierigen Künstlerleben? Und blieb über all die Jahre, in denen er als Arbeiter schuftete, die leise Hoffnung auf ein Comeback?

So oder so: Der Umstand, dass es ausgerechnet Ken Loach ist, der Kris Hitchen beim Casting vor 18 Jahren einen Korb erteilte und ihn nun aus der Versenkung zurück auf die Leinwand holt, dürfte durchaus mit Berufung zu tun haben – wenn auch mit einer späten. Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass «Sorry we missed you», der diesen Herbst in unsere Kinos kommt, im weitesten Sinn auch Hitchens Geschichte sein könnte: Der Film erzählt von Ricky Turner, der als Fahrer eines Lieferservices gegen die Folgen der Finanzkrise im Jahr 2008 ankämpft, um seine Familie durchzubringen. Träume werden begraben, Visionen zerschmettert. Wie im richtigen Leben.

«Sorry we missed you» konkurrenzierte in Cannes um die Goldene Palme und erntete einhellig Jubel, nicht zuletzt wegen der eindrücklichen Leistung Kris Hitchens. Man darf vom fulminanten Comeback eines Unbekannten sprechen. Aber auch von einer schönen Metapher: Oft besteht die grösste Leistung im Leben nicht darin, seinen Träumen nachzujagen, sondern sich in Geduld zu üben. Nicht die Karriere an erste Stelle zu setzen, sondern seine Nächsten. Mit Glück (und Talent) verwirklichen sich die wichtigsten Träume von selbst.

Kris Hitchen ist zu Gast am Zurich Film Festival. Er tritt am 1. Oktober zu einem Lobby-Gespräch im Hotel Opera auf. Weitere Infos gibt es hier

Der Trailer zum Film:

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Von Claudia Senn