Interview

Nikolaj Coster-Waldau: «Ich bin sehr froh, dass Game of Thrones vorbei ist»

Interview: Kerstin Hasse; Foto: Robert Marquardt/Getty Images

Nikolaj Coster-Waldau hat mit seiner Rolle als Jaime Lannister in der Serie «Game of Thrones» weltweiten Ruhm erlangt. Den nutzt er, um kleine Filme zu finanzieren – etwa seinen neuesten: «Suicide Tourist».

Nikolaj Coster-Waldau (49) sieht gut aus. Das tönt oberflächlich, natürlich. Aber bei einem Typ wie Coster-Waldau lässt sich das ganz objektiv sagen. Er hat freundliche Augen, ein gewinnendes Lächeln mit gewinnenden Grübchen, volle, dunkelblonde Haare und eine geradezu perfekt unperfekte, leicht gekrümmte Nase. In «Game of Thrones» besetzte er über acht Staffeln hinweg die Rolle des Schönlings Jaime Lannister, der als «Kingslayer», Königsmörder, berüchtigt wurde und eine inzestuöse Beziehung zu seiner ebenfalls wunderschönen Schwester pflegt. In deren Armen stirbt Lannister dann auch im Finale von «Game of Thrones», ein Finale, das die Fanwelt spaltete. Coster-Waldau ist das ziemlich wurscht, das machte er in verschiedenen Interviews klar. Er findet das Ende gut und dass die Hitserie letztes Jahr zum letzten Mal ausgestrahlt wurde, ist für ihn mehr als in Ordnung.

Nun sitzt Nikolaj Coster-Waldau im leeren «Mascotte» in Zürich. Er ist ans Zurich Film Festival gereist, um seinen neusten Film «Suicide Tourist» vorzustellen. Ein düsterer Mystery-Film, in dem Coster-Waldau Max spielt, einen Versicherungsberater Ende vierzig, der erfährt, dass er an einem unheilbaren Hirntumor leidet. Aus Angst, seinen Verstand zu verlieren, flüchtet er in ein mysteriöses Hotel, das begleitete Sterbehilfe anbietet. Der Haken: Wer einmal eincheckt, darf das Hotel lebend nicht mehr verlassen.

Draussen auf dem grünen Teppich posiert die Schweizer C-Prominenz im Blitzlichtgewitter. Nikolaj Coster-Waldau sitzt in dunkelroten Chinos und einem Pulli auf einer Couch und isst eine Bratwurst vom «Sternen-Grill». Der Senf, sagt er, verbrenne seinen Mund fast. Er tunkt die Wurst dennoch grosszügig hinein und beisst ab. «Bitte entschuldigen Sie, ich bin gleich fertig», sagt er höflich.

annabelle: Nikolaj Coster-Waldau, vor ein paar Monaten waren Sie in der Show des amerikanischen Talkmasters Jimmy Kimmel zu Gast. Kimmel meinte, dass Sie wohl noch mit 93 Jahren der «Kingslayer» aus «Game of Thrones» sein werden. Liest man Berichte und Interviews über Sie, erhält man den Eindruck, als würden Sie das eigentlich ganz gern vermeiden?
Nikolaj Coster-Waldau: Nun, das ist ausserhalb meiner Kontrolle, oder? Sehen Sie, ich hatte wirklich Glück! Ich liebe die Serie – und wenn ich auch noch 93 Jahre alt werde, dann bin ich mehr als glücklich. (lacht) Wird es je weitere Folgen von «Game of Thrones» geben, eine Fortsetzung, auf die so viele Leute in der Welt hoffen? Vielleicht. Werde ich ein Teil davon sein? Nein, ich bin ziemlich sicher, dass das nicht passieren wird. Es war eine grossartige Erfahrung, aber ich bin auch sehr froh, dass sie vorbei ist. Schon während «Game of Thrones» drehte ich viele kleine Independent-Filme und das werde ich auch in Zukunft machen.

Sie sagen, Sie nutzen Ihre Aufmerksamkeit gern als Scheinwerfer für solche Projekte.
Ich kann Aufmerksamkeit generieren durch diese Serie und durch dieses ganze Celebrity-Ding. Leute tauchen auf, Journalisten interessieren sich. Meine Bekanntheit hilft, kleine Filme zu finanzieren. Deshalb würde ich mich nie darüber beschweren.

Was ist für Sie der grösste Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Storytelling?
Wir Europäer denken gern, dass die Amerikaner oberflächlich und seicht sind. Wenn man aber die grossen amerikanischen Filme anschaut und die TV-Produktionen, die sich in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt haben, dann ist das Gegenteil der Fall. Das Storytelling ist komplex und vielschichtig. Auf der anderen Seite haben wir das europäische Kino, das geprägt ist von der Vielfalt der Länder und deren Mehrsprachigkeit. Die europäischen Filme, die es nach Amerika schaffen, sind die erfolgreichsten aus Europa – und das sind selten Komödien. Die Amerikaner denken deshalb, dass zum Beispiel das dänische Kino nur aus dunklen Filmen besteht. Dabei haben wir auch lustige Filme! Ich schätze beide Seiten, denn am Schluss ist eine gute Geschichte eine gute Geschichte. Und solang es eben auch solche kleinen, seltsamen Filme gibt wie «Suicide Tourist», bin ich glücklich.

Was meinen Sie mit seltsam?
Filme, die einen Twist in der Handlung haben, die einen überraschen. Solche Filme brauchen wir.

Ich habe «Suicide Tourist» allein im Kino gesehen. Als ich den Saal verliess, hatte ich das Gefühl, ich bräuchte einen Schnaps. Oder eine sehr lange Umarmung. Dieser Film macht etwas mit einem, er hinterlässt ein beklemmendes Gefühl.
Wir alle versuchen, die Kontrolle über unser Leben zu bekommen, aber das klappt nicht immer. Deshalb können wir uns alle mit dem Gefühl identifizieren, Angst vor dem Unbekannten zu haben. Und dieser Mann im Film, Max, denkt sich: Wäre es nicht schön, wenn wir uns in den Bergen an einen Ort zurückziehen könnten, an dem alles so ist, wie es sein muss? Aber so funktio- niert das Leben nicht, oder? Das macht es ja auch so interessant: Es steckt voller Überraschungen, es schenkt dir die schönsten Momente und sorgt für den grössten Herzschmerz. Und das ist etwas, was Max akzeptieren muss.

Max, den Sie im Film verkörpern, ist an einem Hirntumor erkrankt und beschliesst, sich das Leben zu nehmen.
Max will leben, er will lieben – aber er hat Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Was natürlich damit zu tun hat, dass man ihm sagt, er werde seinen Verstand verlieren – etwas vom Furchtbarsten, was man sich vorstellen kann. Aus dieser Panik heraus entscheidet er, die Kontrolle auf eine ganz krasse Art und Weise zu behalten: Indem er sich das Leben nehmen will. Den ganzen Film hindurch sehen wir, wie er versucht herauszufinden, was Wirklichkeit ist und was nicht. Er versucht eine Lösung für sein Problem zu finden, aber das Problem holt ihn immer wieder ein. Er muss lernen, der Liebe zu vertrauen. Er muss seiner Frau vertrauen und ihr die Wahrheit sagen – doch er fürchtet, dass sie ihn anders anschaut oder ihn sogar verlässt. Er gibt ihr nicht mal die Chance, für ihn da zu sein.

Max checkt im Hotel Aurora ein. Er weiss, dass er dieses Hotel lebend nicht mehr verlassen darf. Denn in diesem Hotel wird er in den Tod begleitet.
Ja, es ist ein mysteriöser Ort in den Bergen, der im Verlauf des Films immer unheimlicher und dunkler wird.

Sie und der Regisseur Jonas Alexander Arnby betonen, dass für Sie dieser Film kein Film über Suizid sei, sondern ein Film über das Leben. Können Sie das ausführen?
Der Suizid ist nicht der Fokus des Films. Der Fokus liegt auf diesem Mann, der leben will, aber so grosse Angst hat, dass er an diesem bizarren Ort landet. Es geht darum, den eigenen Lebenszweck zu entdecken. Wir fanden deshalb auch den Widerspruch im Titel spannend: Suizid steht für das Ende. Tourismus wiederum steht für Ferien, dafür, eine schöne Zeit zu erleben. Das sind zwei Worte, die nicht unbedingt zusammenpassen.

Diese Widersprüchlichkeit ist in der Schweiz nicht ganz so ausgeprägt. Wir reden auch von einem Sterbetourismus, den es in der Schweiz gibt.
Ja, das habe ich heute auch herausgefunden. Aber das heisst wirklich so? That’s dark.

Ja, Menschen aus der ganzen Welt reisen in die Schweiz, weil sie ihr Leben beenden möchten. Das geht nicht einfach so, es gibt natürlich Regeln – und kein Hotel Aurora.
Das ist wirklich unglaublich. Mir ist bewusst, das Schweizerinnen und Schweizer anders auf diesen Titel reagieren. Mir ist deshalb wichtig zu sagen, dass es in diesem Film nicht um assistierten Selbstmord geht, es ist kein Sozialdrama, sondern ein Mystery-Film. Assistierter Selbstmord ist ein ernstes Thema und sieht in der Realität natürlich komplett anders aus als im Film.

Die Szenerie in diesem Hotel Aurora ist bizarr. Eigentlich ist es ein gruseliger Ort, aber dennoch gibt es überall diese schicken, dänischen Designmöbel, eine Saftbar und es herrscht so eine allgemeine oberflächliche Retreat-Atmosphäre.
Ja, das war die Idee. Zuerst denkt man: Wow! Wie schön das alles ist. Und die Leute sind so nett! Ich musste auch ein paar Mal wirklich lachen. Das ist gut! Wir haben versucht, diese Momente, in der die Absurdität dieses Hotels klar wird, hervorzuheben. Alle laufen zum Beispiel in diesen seltsamen Pyjamas rum.

(Die Wurst ist schon lang gegessen, der PR-Mann nähert sich und tippt auf seine Uhr. Noch eine Frage, heisst das übersetzt.)

Herr Coster-Waldau, bevor wir aufhören, muss ich doch noch eine letzte Frage zu «Game of Thrones» stellen. In der eben erwähnten Talkshow mit Jimmy Kimmel erwähnen Sie, dass Sie einen Whatsapp-Chat mit allen Darstellern von «Game of Thrones » haben. Gibt es den wirklich?
Oh ja, natürlich. (Er kramt sein Smartphone aus der Hosentasche, öffnet einen Chat, zeigt das Display.)

Fans würden viel Geld zahlen für einen Blick in diesen Chat.
(Er lächelt und scrollt durch den Verlauf: Bilder und Videos poppen auf.) Da sind sie: Alle meine Freunde.

Ab Juli im Kino: «Suicide Tourist» von Jonas Alexander Arnby. Aufgrund von Corona ist der genaue Filmstart bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Weitere Infos hier.

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