Kultur

Die Popmusik kehrt zurück zu ihren afroamerikanischen Wurzeln

Text: Daniel Gerhardt; Fotos: Getty Images

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Eine starke Stimme der neuen schwarzen Popmusik: Solange.

Seit Jackson Five (Michael vorne links) traten in Michael Jacksons Musik die schwarzen Elemente immer mehr in den Hintergrund...

... während sich Musikerinnen wie Loredana aus Luzern heute ungehemmt bei der afroamerika­nischen Kultur bedienen...

... – unter anderem dank ihr: Beyoncé.

Afroamerikanische Musik war über Jahre nur «aufgehellt» massentauglich. Doch das Blatt hat sich gewendet.

Manche Dinge muss man mit der Gewalt einer hundertköpfigen Marschkapelle sagen. Als Beyoncé Knowles- Carter im April 2018 in die kalifornische Wüste reiste, um zwei Konzerte im Rahmen des Coachella-Festivals zu spielen, war das eindeutig so ein Moment. Zum ersten Mal in der 20-jährigen Geschichte des Festivals war eine schwarze Künstlerin als Hauptattraktion für das grösste, längste und teuerste Popwochenende der Welt verpflichtet worden. 250 000 Zuschauer vor der Bühne, bis zu 450 000 im Livestream. Beyoncé hatte eine Geschichtsstunde für sie vorbereitet.

In einem Kostüm, das an die ägyptische Königin Nofretete erinnerte, stolzierte sie Richtung Bühne. Dort hatte die Marschkapelle bereits Stellung auf einer zwölfstufigen Revuetreppe bezogen. Als Beyoncé kurz darauf ihre ersten Töne sang, trug sie bereits ihr zweites Outfit: einen gelben Kapuzenpullover, bedruckt mit dem Logo einer fiktiven University of Beyoncé.

Die Nationalhymne des schwarzen Amerikas

Die Richtung war damit vorgegeben. Beyoncé inszenierte ihre Shows als Hommage an die afroamerikanische Hochschulkultur. Jede Sekunde ihrer grosszügig umgedichteten Songs erschien vollgestopft mit Verweisen auf bedeutende Momente der Jazz-, Soul- und Rapmusik. Auf dem Höhepunkt der Konzerte sang Beyoncé «Lift Every Voice And Sing» – ein Stück aus dem frühen 20. Jahrhundert, das gemeinhin als Nationalhymne des schwarzen Amerikas gilt.

Was als afroamerikanische Geschichtsstunde gedacht war, hat inzwischen selbst Geschichte geschrieben. Beyoncés Coachella-Auftritte galten als ultimativer Popmoment der Zehnerjahre: Kein anderes Konzert lieferte mehr Gesprächsstoff, keine Show wurde in der Presse und auf Social Media minutiöser auf geheime, aufrüttelnde oder gar gefährliche Botschaften untersucht. Nicht nur Bühnendesign, Choreografie, Kostüme und musikalischer Aufwand setzten jedoch Massstäbe. Auch der Fokus auf schwarze Kultur und Kunstschaffende erschien in seiner Konsequenz geradezu unerhört. Zumal das Coachella-Festival mit seinen 450-Dollar- Tickets und exklusiven Oasensettings eigentlich berüchtigt ist als Klassentreffen der weissen kalifornischen Oberschicht.

Popmusik kommt nachhause

Die abendfüllende Netflix-Doku und das schier endlose Livealbum, mit denen Beyoncés Coachella-Auftritte natürlich längst für die Nachwelt festgehalten wurden, tragen den Titel «Homecoming». Darin steckt nicht nur ein Verweis auf die Paraden, mit denen US-amerikanische Colleges traditionell das Ende der Sommerferien einläuten, sondern auch eine Kampfansage. Seit Jahren bestimmen Rapmusik und R ’n’ B fast überall auf der Welt die Charts. Hiphop hat sich hochgearbeitet zur letzten bedeutsamen Jugendkultur, musste dabei jedoch oft Rücksicht wahren auf weisse Erwartungen und Hörgewohnheiten. Damit ist es nun vorbei. Der Titel «Homecoming» bedeutet bei Beyoncé auch: Popmusik kommt nachhause.

Blickt man zurück auf ihre Anfänge in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren, könnte man glauben, dass die Popmusik eine Erfindung gelangweilter weisser Teenager war, wie sie heute auch zum Coachella-Festival strömen. Die offizielle Geschichtsschreibung sieht es noch immer so vor, doch was Elvis Presley und wenig später auch die Beatles und Rolling Stones taten, war weniger Pionier- als Übersetzungsarbeit. Auf den ersten Alben dieser Bands und Künstler wimmelte es vor Songs, die wenige Jahre zuvor von Rock-’n’-Roll- und R-’n’-B-Musikern wie Chuck Berry, Little Richard oder Ray Charles geschrieben worden waren.

Botschafter einer neuartigen Teufelsmusik

Vor allem Presley eignete sich neben der Musik auch die Gesten und tänzelnden Bewegungen seiner Vorbilder an. In den spiessbürgerlichen US-Wohnzimmern der Nachkriegsjahre galt er deshalb als Bürgerschreck und Botschafter einer neuartigen Teufelsmusik – obwohl er Pop und Rock ’n’ Roll ihr erstes weisses und damit massentaugliches Gesicht verlieh. Presley machte mit geschniegelter Erscheinung und seinem manierlichen Auftreten zumindest erträglich, was zuvor völlig inakzeptabel war. Ähnliche Geschichten über die Aufhellung afroamerikanischer Popinnovationen liessen sich auch am Beispiel von Blues, Disco, Techno, Hiphop oder Jazz erzählen.

Für schwarze Künstlerinnen und Künstler waren die breitenwirksamen Karrieren von Elvis, Beatles und Stones nur unter strengen Auflagen möglich. Um einem weissen Publikum zu gefallen, sangen Diana Ross und ihre Supremes Mitte der Sechzigerjahre Western- und Countrysongs. Der spätere Soulgott Marvin Gaye begann seine Karriere als Schnulzensänger im Stil Frank Sinatras. Selbst die Plattenfirma Motown, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs als lukrativste US-Firma unter schwarzer Führung galt, probierte ihre Neuentdeckungen zunächst an afroamerikanischen Zielgruppen aus, um sie später mit angepasstem Sound und Auftreten für mögliche Mainstreamerfolge fit zu machen.

Das berühmteste Besipiel: Michael Jackson

Das berühmteste Beispiel solcher Aufhellungsgeschichten ist Michael Jackson. Als der ehemalige Motown- und Kinderstar Anfang der Achtzigerjahre zum weltgrössten Popphänomen aufstieg, traten die schwarzen Elemente seiner Musik hinter einen allgemeinverträglichen Universalsound zurück. Um die zeitgleich einsetzenden Veränderungen seines Körpers ranken sich noch immer Verschwörungstheorien. Die digitale oder gar chemische Aufhellung von schwarzer Haut für Werbezwecke und Musikvideos, die auch Jackson unterstellt wurde, ist bis heute gängige Kultur-praxis. Im Berliner Ableger von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett wurde kürzlich eine Statue der Rapperin Nicki Minaj enthüllt. Man hätte sie auch für eine Büste der deutschen TV-Moderatorin Katja Burkhard halten können.

Auch Beyoncé kann auf Erfahrungen mit dem sogenannten Whitewashing zurückblicken: In einer Werbekampagne für einen Kosmetikhersteller war sie 2008 mit glatter, blonder Frisur und aufgehellter Haut zu sehen – fast wie jene «Becky mit den schönen Haaren», die Jahre später in einem Song von Beyoncé als Sinnbild weisser Privilegien und Arglosigkeit auftauchte. Einfluss und Selbstbestimmtheit der Künstlerin haben seitdem neue Levels erreicht. Mit jedem ihrer Projekte hat sich Beyoncé entschlossener von den Erwartungen eines mehrheitlich weissen Publikums befreit. Ihre Coachella-Shows markierten den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung.

Betrug, Wut, Rachegelüste

Zwei Jahre vor diesen Konzerten hat Beyoncé ihr letztes Album «Lemonade» veröffentlicht: eine öffentlichkeitswirksame Abrechnung mit den ausserehelichen Eskapaden ihres Partners, dem Rapper und Musikmogul Jay-Z. Ultraminutiös, aber auch mit perverser Freude berichten die Lieder und ein zugehöriger Film von Betrug, Wut, Erniedrigung und Rachegelüsten. Dass eine schwarze Frau solche Gefühle auf grösstmöglicher Bühne auslebte, ohne sich dafür zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, galt in der Popmusik als geradezu unerhört.

Beyoncé erkannte die Bedeutung des Moments und suchte den Schulterschluss mit anderen schwarzen Frauen, die Verletzung und Verlust erlitten hatten. Auf einer höheren Ebene handelte ihr Album nicht mehr vom eigenen turbulenten Ehealltag, sondern von afroamerikanischer Weiblichkeit und den besonderen Herausforderungen, mit denen sich diese seit jeher konfrontiert sieht. Im «Lemonade»-Film traten schwarze Frauen auf, deren Söhne rassistischer Polizeiwillkür und -gewalt zum Opfer gefallen sind. Beyoncé und ihre Tänzerinnen trugen Outfits, die an die Uniformen der Black-Panther-Partei aus den Sechzigerjahren erinnerten. Mit ungewohnter Deutlichkeit rief sie zur Unterstützung der Black-Lives-Matter-Bewegung auf.

Appelle an ein afroamerikanisches Durchhaltevermögen

Beyoncé ist die populärste Vertreterin solcher Botschaften, aber keineswegs die einzige. Auch ihre jüngere Schwester, die Soulmusikerin Solange, und der Rapper Kendrick Lamar schöpfen aus Betrachtungen ihres Alltags Appelle an ein afroamerikanisches Durchhaltevermögen, das sich pausenlos gegen weisse Übergriffe und Feindseligkeiten verteidigen muss. Die Erwartungen und Hörgewohnheiten des amerikanischen Mehrheitspublikums spielen in ihrer Musik und den zugehörigen Inszenierungen keine Rolle mehr. Trotzdem haben Beyoncé, Solange und Lamar das Wohlwollen des weissen Mainstreams und seiner Kulturinstitutionen gewonnen. Ihre Alben verkaufen sich millionenfach und gewinnen Grammy-Awards. Lamar erhielt als erster Rapper überhaupt einen Pulitzerpreis.

Nichtschwarzen Rapperinnen und R-’n’-B-Künstlern sind diese Erfolgsgeschichten natürlich nicht entgangen. Ihre traditionell unverblümten Aneignungen und Aufweichungen afroamerikanischer Musik entwickeln deshalb neue, zunehmend kuriose Ausprägungen, die auch im deutschsprachigen Raum zu beobachten sind. Die Luzerner Rapperin Loredana und ihr Hamburger Pendant Shirin David etwa jonglieren nicht mehr nur mit afroamerikanischen Slangs, Gesten und Mode-trends. Ihnen wird auch nachgesagt, mit dem ausgiebigen Einsatz von Selbstbräuner, Solarium und digitaler Nachbearbeitung den dunkelstmöglichen Teint aus ihrer Haut herauszuholen.

Grenze zwischen Aneignung und Assimilierung überschritten

Sechzig Jahre Popgeschichte erscheinen durch das Phänomen des sogenannten Blackfishing zugleich bestätigt und auf den Kopf gestellt. Loredana und David, aber auch US-Künstlerinnen und -Influencerinnen wie Ariana Grande und Kim Kardashian eigenen sich durch dunkel geschminkte Haut, Afrofrisuren und Modifikationen des eigenen Körpers einen Look an, der derzeit mehr denn je mit Trendsetting und kultureller Relevanz verbunden wird. Wo Elvis Presley einst die Tanzschritte seiner Vorbilder übernahm, übernehmen diese gleich das gesamte Erscheinungsbild.

Viele Beobachter von popkulturellen Prozessen finden diese Entwicklung problematisch. Sie sehen eine Grenze zwischen argloser Aneignung und bewusster Assimilierung überschritten. Künstlerinnen und Künstler, die ihre Haut dunkel schminken oder mit anderen oberflächlichen Merkmalen einer nichtweissen Herkunft kokettieren, übernehmen «Everything But the Burden», wie es der Autor Greg Tate im Titel eines seiner Bücher bereits 2003 ausdrückte: alles ausser der Bürde, die mit schwarzer Hautfarbe einhergeht. Solang es Erfolg verspricht, praktizieren David, Loredana und andere das Blackfishing wie ein modisches Accessoire. Bei sinkendem Bedarf oder in potenziell gefährlichen Situationen lässt es sich problemlos wieder ablegen.

Auch deshalb beschreiben Kulturjournalisten wie Malcolm Ohanwe das Phänomen nicht als Eins-zu-eins-Entsprechung von afroamerikanischen Frauen, die sich beispielsweise die Haare glätten. Ein Austausch auf Augenhöhe finde nicht statt: Schwarze, sagte Ohanwe Mitte Mai in einer Radiosendung des Deutschlandfunks, täten dies, um rassistischen Angriffen und Anfeindungen zu entgehen – kurzum: «um zu überleben». Weisse hingegen eigneten sich klischeehafte Merkmale von afroamerikanischen Körpern und Kulturen an, «um trendy zu sein». Ein schwacher Trost für Beyoncé und ihre Mitstreiterinnen: Inspiration für ihr künstlerisches Schaffen dürfte ihnen so schnell nicht ausgehen.

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