Filmbiografie «Judy»

Renée Zellweger gilt plötzlich wieder als Oscarfavoritin

Text: Jonathan Dean; Bilder: Getty Images

Renée Zellweger
  • Film «Judy»

    In der Rolle der Judy Garland hat Renée Zellweger alle Gesangsparts selber übernommen — und zwar brillant. 

Renée Zellweger spielt Hollywood-Legende Judy Garland – und wird plötzlich wieder als Oscarfavoritin gehandelt. Was hat die Schauspielerin von der grossen Sängerin über Abstürze und Comebacks gelernt?

Wenn Renée Zellweger über Judy Garland spricht, leuchten ihre Augen. «Sie war so geistreich, so smart und sexy», sagt die Schauspielerin, die in ihrem neuen Film «Judy» die Rolle der tragischen Hollywood-Diva übernimmt. Schon nach dem ersten Treffen mit den Produzenten von «Judy» war sie überzeugt vom Projekt, «weil sie nicht bloss die Frau zeigen wollten, die ohnehin schon jeder kennt». Nach einer Art Spontan-Casting, bei dem die Schauspielerin einige Garland-Klassiker zum Besten gegeben hatte, war sie an Bord. «Der Film kümmert sich um die Leerstellen in Judys Biografie», sagt Zellweger. «Es geht um den Preis, den sie für ihre Karriere zahlen musste.»

«Judy» erzählt von den letzten Lebensjahren der Sängerin: Garland verbrachte 1968 und 1969 in London und gab dort manchmal grossartige, oft aber auch grauenhafte Konzerte. Alkohol, Tabletten und ihr unsteter Gemütszustand hatten die Künstlerin fest im Griff – mehrfach zeigt der von Rupert Goold inszenierte Film, wie Zellweger auf eine Bühne torkelt, dort perfekte Gesangsperformances hinlegt und später im Hotel zusammenbricht. Es gab damals Menschen, die Garland helfen wollten, aber auch ebenso viele, die ihren traurigen Zustand ausnutzten. Nicht zuletzt deshalb erinnert «Judy» an ein filmisches Gegenstück zu Asif Kapadias Amy-Winehouse-Doku «Amy».

«Der Film kümmert sich
um die Leerstellen in Judys Biografie.
Es geht um den Preis, den sie
für ihre Karriere zahlen musste»

 

Eine Oscarnominierung für Zellweger ist so gut wie sicher. Gut möglich, dass man sie danach nicht mehr auf ihre Auftritte als Bridget Jones reduzieren wird. Aufregende Zeiten also für Zellweger, zum ersten Mal seit langer Zeit bestimmt sie wieder die Schlagzeilen. Anmerken lässt sich die Schauspielerin aber nichts. Hoch über den Strassen Londons sitzt sie in einem Hotelzimmer und gibt Interviews. Eine gespenstische Stille liegt über dem Raum, und doch muss man sich immer wieder nach vorn beugen, um Zellwegers geflüsterte Antworten zu verstehen. Ihr entwaffnendes Lächeln und ihr texanischer Akzent sind noch immer unverkennbar, ihre Sätze aber versanden bisweilen in Gemurmel. Zellweger sitzt in einem riesigen Sessel, der sie beinahe zu verschlucken droht. Vermutlich begegnet sie der Presse inzwischen mit einer gewissen Vorsicht. Unzählige Artikel haben sich in den letzten Jahren über ihr verändertes Äusseres und die lange Karrierepause ausgelassen, die sie von 2010 bis 2016 eingelegt hat.

Filmszene aus «Judy»: Die einst gefeierte Filmschauspielerin und Sängerin Judy Garland, die als 16-Jährige für den Film «Der Zauberer von Oz» vor der Kamera stand, ist mittlerweile 46 Jahre alt, pleite und praktisch arbeitslos. 

Eine lange Pause hätte sicherlich auch Garland in den letzten Jahren ihres Lebens und ihrer Karriere helfen können. Die Sängerin, die wenige Monate nach den in «Judy» gezeigten Ereignissen starb, war jedoch in Geldnöte geraten und auf die Gagen ihrer Londoner Konzerte angewiesen. «Ich kann das zumindest ein Stück weit nachvollziehen», sagt Zellweger zögerlich. «An manchen Tagen möchte man einfach niemandem Hallo sagen, geschweige denn vor ein Publikum treten, gerade wenn man gesundheitlich oder emotional angeschlagen ist. Aber als Entertainerin hat man meist keine Wahl. Wer Verträge unterschreibt, geht damit Verpflichtungen ein.» Warum also Zellwegers Karrierepause? «Ich war gelangweilt, vor allem von mir selbst.»

Den Rollen, die ihr in jenen Jahren angeboten wurden, möchte die Schauspielerin dafür nicht die Schuld geben. «Das Problem war eher, dass ich am Ende meiner Möglichkeiten angekommen war. Ich wusste nicht mehr, woher ich die Emotionen nehmen sollte, die nötig sind, um eine Rolle mit Leben zu füllen. Alles, was ich tat, kam mir wiedergekäut vor, als hätte ich es schon tausendmal gemacht. Was bringt es dann noch?» Zellweger sammelt sich und fährt etwas lauter fort. «Ich war zu einer Hochstaplerin geworden, zu einer Lügnerin. Wenn ich heute auf meine Arbeit von damals zurückblicke, erkenne ich schon am Klang meiner Stimme, dass ich nicht mehr mit ganzem Herzen dabei war.» Es brauchte schon einen neuen Bridget-Jones-Film, um die Schauspielerin aus ihrem Loch herauszuholen. «Bridget bedeutet mir unheimlich viel», sagt sie mit Blick auf «Bridget Jones’s Baby», den dritten und bisher letzten Teil der Helen-Fielding-Verfilmungen, mit dem Zellweger 2016 ins Rampenlicht zurückkehrte. «Ich wollte selbst wissen, wie es mit ihr weitergehen würde. Die Chance, eine Figur durch mehrere Phasen seines Lebens zu begleiten, bekommt man nur selten. Das wollte ich mir nicht nehmen lassen.»

Ab 2. Januar 2020 im Kino: «Judy» von Rupert Goold. Mit Renée Zellweger, Darci Shaw, Finn Wittrock, Rufus Sewell u. a. 

Als Judy Garland glänzt sie zunächst einmal aus einem ganz offensichtlichen Grund: Zellweger kann singen. Das ist schon seit ihrem Part im Musicalfilm «Chicago» aus dem Jahr 2002 bekannt, wird einem durch «Judy» aber noch einmal eindringlich ins Gedächtnis gerufen. Wieder hat Zellweger alle Gesangsparts selbst übernommen und ihrer Performance damit grosse emotionale Wucht verliehen. Auch ihre schauspielerische Bandbreite kommt zum Einsatz: Als Garland ist Zellweger ebenso witzig wie tragisch. Die verletzliche Seite der Sängerin zeigt sie ebenso souverän wie ihre Schlagfertigkeit. «Es ist ein persönlicher Film», findet Zellweger. «Mal ist Judy ein Superstar, dann einfach eine Frau, die versucht, sich mit ihren schwierigen Lebensbedingungen zu arrangieren. Viele Aspekte ihres Charakters, die von Kritikern gern unter den Teppich gekehrt werden, kommen zum Vorschein. Das war mir wichtig, denn meistens sind es die vergessenen Momente, die mehr über eine Person sagen als die altbekannten.» Fragt man Zellweger, welche vergessenen Momente ihr eigenes Leben definieren, versinkt sie wieder in ihrem Sessel. «Oh Gott», seufzt sie. «Es gibt so viele Dinge, zu denen ich mich prinzipiell nicht äussern möchte. Und gerade in der Vergangenheit ist mir das manchmal zum Verhängnis geworden. Wenn man Gerüchte einfach im Raum stehen lässt, verselbstständigen sie sich. Sie entwickeln ein Eigenleben und können die Person überstrahlen, die man wirklich ist. Zugleich ist es zwecklos, immer wieder alles zu kommentieren und Dinge klarzustellen. Sobald man ein Gerücht dementiert, gerät man in Verdacht, eine Story vertuschen zu wollen. Es bringt einfach nichts.»

«Ich wusste nicht mehr,
woher ich die
Emotionen nehmen sollte.
Ich war zu einer
Hochstaplerin geworden,
zu einer Lügnerin»

 

Zellwegers schwieriges Verhältnis zu Journalisten ist natürlich auch dem «Judy»-Regisseur Rupert Goold nicht verborgen geblieben. Gerade die Parallelen zwischen Hauptfigur und -darstellerin, so der Filmemacher, hätten ihn an seinem jüngsten Projekt gereizt: Beide seien immer wieder gefeiert und dann von der Regenbogenpresse durch den Dreck gezogen worden. Darauf angesprochen verfällt Zellweger in raues Gelächter. «Ach Gottchen», sagt sie schliesslich und verkneift sich weitere Kommentare. Trotzdem zeichnet sich im Verlauf des Interviews ein merkwürdiges Muster ab. Immer wieder beginnt Zellweger mit ihren Antworten bei Judy Garland und endet bei sich selbst. Spricht man sie etwa auf jene Szenen an, in denen Garland als junge Sängerin (gespielt von der grossartigen Darci Shaw) von ihren Produzenten mit Diätpillen vollgestopft wird, weicht Zellweger zunächst aus und sagt, sie wisse nicht, wie die Industrie heute mit Kinderstars umgehe. Dann aber sagt sie doch etwas, das tief blicken lässt: «Verletzliche Menschen werden in der Unterhaltungsbranche noch immer ausgebeutet. Und ich weiss, dass niemand mit den Fähigkeiten geboren wird, die nötig sind, um sich als junge, plötzlich berühmte Person in dieser Branche zu behaupten. Man verliert seine Autonomie, man braucht Hilfe, nicht nur, um erfolgreich, sondern auch um gesund zu bleiben. Wenn jedoch andere Menschen Entscheidungen für einen treffen, kann das unvorhergesehene Konsequenzen haben.»

Es gibt eine Szene in «Judy», die auf schmerzliche Weise zeitgemäss erscheint. Louis B. Mayer, der als Chef der MGM-Studios praktisch frei über Garland verfügen konnte, betatscht die junge Sängerin und entlarvt sich damit als Vorläufer von Harvey Weinstein. Zellweger hat oft mit Letzterem zusammengearbeitet: Der Einfluss des in Ungnade gefallenen Filmproduzenten auf ihre Karriere war ebenso gross wie Mayers Einfluss auf Garland. «Beide haben ihre Machtpositionen schamlos ausgenutzt», sagt Zellweger. «Die Parallelen liegen auf der Hand, aber darüber habe ich während der Dreharbeiten nicht nachgedacht. Ich hatte eher das grosse Ganze im Sinn.» Trotz #MeToo glaubt Zellweger nicht, dass die Zeiten von derlei Machtmissbrauch vorbei sind. «Es wäre naiv, so zu denken», sagt sie. «Im Moment stecken wir da noch zu tief drin, und viele frühere Übeltäter sind eingeschüchtert. Ob das auch so bleiben wird? Wer weiss das schon.» Was die Bewegung wirklich erreicht hat, werde man erst in einigen Jahren sagen können.

Filmszene aus «Judy»: Der fünfte und letzte Ehemann von Judy Garland war der Nachtclub-Besitzer Mickey Deans, gespielt von Finn Wittrock.

Zellweger wurde 1969 in Texas geboren. Sie ist die Tochter eines Schweizer Vaters und einer norwegischen Mutter. An Kinobesuche aus ihrer Kindheit kann sie sich kaum erinnern. Lediglich Steven Spielbergs «Unheimliche Begegnung der dritten Art» und eine Dokumentation über Pele (oder «Pay-lay», wie Zellweger den brasilianischen Fussballer nennt) fallen ihr ein. Zuhause lief ständig der Fernseher, der Zellwegers spätere Karriere prägte. Weil die Schauspielerei Zellweger nicht nur Freude machte, sondern sie auch gut darin war, zog sie in den 1990er-Jahren nach Hollywood. Der Rest ist bekannt: Erfolge und ein Oscar, dann die Phase der Langeweile und nun die Renéessance mit «Bridget Jones’s Baby» und der hochamüsanten Netflix-Soap «What/If». Mit grosser Freude spielt Zellweger darin eine «rich bitch». In ihrer Rolle als Anne Montgomery ist Zellweger halb Mrs. Robinson (aus «Die Reifeprüfung»), halb Miss Havisham (aus Charles Dickens’ «Grosse Erwartungen»): eine manipulative Frau, die mit Pfeil und Bogen in der eigenen Küche hantiert und eine schwer metaphorische Hecke in ihrer Wohnung anpflanzt. Für einen Hollywoodstar, der gerade fünfzig geworden ist, ist die Rolle ungewöhnlich sexy – meistens steckt die Branche ihre Schauspielerinnen in diesem Alter schon in die Oma-Schublade.

Das Interview endet mit Smalltalk – einem Gebiet, auf dem sich Zellweger umso wohler fühlt, je weiter wir von den ursprünglichen Themen abkommen. Erst im Beiläufigen zeigt sich, was für eine faszinierende Person sie ist: eine, die endlich wieder vollkommen aufgeht in ihrer Arbeit, nachdem sie sich jahrelang davon abgewendet hatte. Ein paar Wochen nach unserem Treffen erzählt Zellweger in einem Radiointerview, dass sie unlängst ein Gespräch in der U-Bahn mitgehört habe. Zwei Fahrgäste unterhielten sich über die Schauspielerin und warfen ihr vor, wegen ihrer angeblichen Faceliftings nicht mehr wie sie selbst auszusehen (Zellweger sagt, sie habe sich nie operieren lassen, und richtet des Weiteren aus, dass ihr Gesicht niemanden etwas angehe). Es sei schmerzhaft für sie gewesen, dieser Unterhaltung zuzuhören, sagte Zellweger. Dann aber fiel ihr Judy Garlands «Over the Rainbow» ein, ein Song aus dem «Zauberer von Oz», in dem es heisst: «Someday I’ll wish upon a star, where troubles melt like lemon drops.»  

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