Head of PR Kaja Eggenschwiler im Interview

So wirkt sich Corona auf das Zurich Film Festival aus

Interview: Vanja Kadic; Bilder: Zurich Film Festival, Simon Schwyzer Courtesy Filmcoopi Zürich

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«Film war schon früh eine Leidenschaft von mir»: Kaja Eggenschwiler ist Head of PR und Programmer beim Zurich Film Festival.

Das Zurich Film Festival findet vom 24. September bis 4. Oktober statt – trotz Corona.

Das Zurich Film Festival (ZFF) findet trotz Corona-Krise statt. Aber wie? Head of PR Kaja Eggenschwiler sprach mit uns über das diesjährige Programm des Festivals, ihren (Traum-)Job und ihre Liebe zum Film.

annabelle: Kaja Eggenschwiler, es ist ein besonderes Jahr für Gross-Veranstaltungen wie das Zurich Film Festival. Wegen der Krise wurden viele Events abgesagt – das ZFF findet trotzdem statt. Wie wirkt sich Corona auf die Umsetzung aus?
Kaja Eggenschwiler: Das wird oft verwechselt, aber das ZFF ist keine Gross-Veranstaltung. Weil keiner der bespielten Kinosäle tausend oder mehr Personen fassen kann und wir die Säle zudem lediglich zu sechzig Porzent auslasten, besteht das ZFF aus vielen Kleinveranstaltungen. Aber ja, Corona spüren auch wir. Unser Programm wird dieses Jahr europäischer ausfallen. Mit unserer Programmreihe «Neue Welt Sicht» rücken wir immer das Filmschaffen eines Landes in den Fokus – dieses Jahr ist das Frankreich. Wir haben Glück gehabt, dass wir uns im vergangenen November für ein Nachbarland entschieden haben. Aufgrund der Reisebeschränkungen und aus Sicherheitsgründen können wir kaum Gäste aus den USA empfangen. Wir zeigen auch weniger Hollywood-Produktionen, da viele Titel auf 2021 verschoben wurden. Das ist sicher eine Änderung, die Corona mit sich bringt. Weil Gäste teilweise nicht einreisen können, organisieren wir auch einige Online-Q&As. Gerade bei den Amerikanern bietet sich das aufgrund der Zeitverschiebung an – sie können uns begrüssen, wenn bei uns Abend ist und sie vor ihrer Cornflakes-Schachtel sitzen (lacht).

Einige internationale Stars reisen trotz Corona an: Dieses Jahr werden Juliette Binoche, Johnny Depp und Til Schweiger erwartet.
Genau, Juliette Binoche und Til Schweiger werden beide von uns ausgezeichnet, sie werden ihre neuen Filme vorstellen und je eine öffentlich zugängliche ZFF Masters halten. Johnny Depp hat den Dokumentarfilm «Crock of Gold» über die irische Folk-Punk-Band The Pogues produziert und kommt selber drin vor. Auch die französische Autorenfilmemacherin Maïwenn reist an, um ihren neuen Film «ADN» vorzustellen. Sie wird zudem mit dem Award «A Tribute to ...» ausgezeichnet und hält ebenfalls eine ZFF Masters. Diverse Stars und Filmemacher reisen zudem an, um ihre Filme vorzustellen – wie Moritz Bleibtreu, der mit «Cortex» sein Regiedebut gibt. 

Sie sind seit Mai Head of PR und Programmer beim Zurich Film Festival. Was gehört zu Ihren Aufgaben?
Als Head of PR bin ich für sämtliche Kommunikationskanäle verantwortlich. Intern heisst das, dass wir uns eng mit einzelnen Abteilungen absprechen und entscheiden, was nach aussen kommuniziert wird. Nach aussen kommunizieren wir etwa über Social Media mit Besucherinnen und treten mit Filminteressierten in Kontakt. Wir sind im Austausch mit Medienpartnern und Medienhäusern und schauen, welche Beiträge wo platziert werden können. Steht das Programm, vermitteln wir Interviews mit Filmschaffenden. Vor allem während des Festivals sind oft internationale Gäste zu Besuch. Diese mit den Journalisten zu verbinden, ist eine grosse logistische Arbeit.

Sie leiten nicht nur das Kommunikationsteam, sondern arbeiten beim Programm mit. Welche Herausforderungen bringt diese Doppelrolle mit sich?
Eigentlich ist es ein genialer Schachzug von Artistic Director Christian Jungen, diese beiden Bereiche in einer Person zu vereinen. Wir wollen ja das Programm nach aussen tragen – jemand, der am Programm mitarbeitet, hat dafür die ideale Voraussetzung. Bis das Programm steht, ist die Auslastung in beiden Bereichen hoch. Das ist sicher eine Herausforderung. Im Programmteam visionieren wir Filme, stehen im Kontakt mit Sales- und Produktionsfirmen und den Filmemachern. Wir verfolgen, welche Filme entstehen – denn wir wollen die spannendsten Titel ans Festival einladen und zeigen. Dieser Bereich ist sehr aufwendig, weil viele Kontakte gepflegt werden, und läuft auf Hochtouren, bis das Programm fixiert ist. Sobald es steht, geht der grosse Aufwand in der Medienarbeit los.

Wie lang dauert es eigentlich, das ZFF-Programm zusammenzustellen?
Wir sind das ganze Jahr über immer dran und verfolgen Projekte. Die heisse Phase fürs Programm-Team startet etwa im Mai, wenn in Cannes der Filmmarkt, der Marché du Film, parallel zum Filmfestival stattfindet. Das ist der Kick-off.

Am diesjährigen ZFF werden 165 Filme gezeigt, davon 23 Weltpremieren. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welcher Titel ins Programm aufgenommen wird?
Wir wollen am ZFF einfach die besten Filme zeigen (schmunzelt). Wir überlegen uns, welcher Film zu welchem Publikum passt. Wir wollen natürlich ein breites Publikum ansprechen, weshalb wir eine Auswahl über die Genres hinweg zeigen – von Arthouse- und Autorenfilmen über Dokumentarfilme bis zu Mainstreamtiteln. Kriterien wie Diversity oder dass nationale und internationale Filmschaffende vertreten sind, sind uns zwar wichtig, stehen während der Auswahl aber nicht an erster Stelle. Dieses Jahr haben wir festgestellt, dass wir in unseren drei Wettbewerben mit 57 Prozent einen unglaublich hohen Frauenanteil haben. Am Wichtigsten ist aber, dass es spannende Titel sind. 

Welche Beziehung haben Sie persönlich zum ZFF?
Ich arbeitete vorher sechs Jahre lang beim Filmverleiher Filmcoopi. Wir vertraten im Herbst immer Titel, die am ZFF gezeigt wurden, deshalb arbeitete ich in dieser Zeit immer eng mit dem ZFF zusammen. Davor war ich gern als Besucherin am Festival. Film war schon früh eine Leidenschaft von mir.

Wie äusserte sich diese?
Film hat mich schon immer fasziniert. Als Kind habe ich mir eine Super-8-Kamera auf dem Flohmi gekauft und damit Skater-Filme gedreht. Ich musste nachforschen, woher ich die Filme bekomme und wie ich sie entwickeln lassen kann. Die Liebe zum Film habe ich auch von meinen Eltern mitbekommen, die im Kino Odeon in Brugg Filmnächte organisierten. Ein Apotheker hat das Odeon vor einer Umfunktionierung gerettet und mein Vater hat mitgeholfen, dort ein Kulturhaus aufzubauen.

Wie fassten Sie in der Filmwelt Fuss?
Ich habe im Kino Odeon manchmal das Operating gemacht, ich war total angefixt von diesen alten Maschinen. Später übernahm ich Jobs wie die Assistenz in der Aufnahmeleitung oder arbeitete in Produktionen. Während des Studiums engagierte ich mich immer wieder bei Projekten und sprang etwa beim «Missen-Massaker» von Michael Steiner ein, um die Premieren in Zürich und Locarno zu organisieren. So lernte ich schliesslich die Filmcoopi kennen. Studiert habe ich aber nicht Film, sondern Journalismus und Kommunikation. Was ideal ist, denn Kommunikation lässt sich gut mit der eigenen Leidenschaft verbinden. Das konnte ich mit meiner Stelle optimal verknüpfen – es ist wirklich ein Traumjob.

Worauf freuen Sie sich am diesjährigen ZFF besonders?
Ich freue mich vor allem, das Festival einmal von dieser Perspektive zu erleben. Ich habe schon seit Jahren mit dem Team zusammengearbeitet, aber das Festival von innen zu erleben, ist etwas ganz anderes. Die Energie im Team und der Zusammenhalt sind grossartig. Übers Jahr sind wir 23 Festangestellte, während des Festivals wächst unser Team inklusive Volontären auf über 400 Personen. Das merkt man richtig. Obwohl aktuell alle, die können, im Homeoffice arbeiten, spürt man diese Energie.

Corona bleibt trotzdem Thema. Worauf müssen sich ZFF-Besucher einstellen?
Bei uns gelten die gängigen Sicherheitsmassnahmen. In den Sälen gilt Maskenpflicht, zwischen den Buchungsgruppen lassen wir jeweils Sitze aus und Desinfektionsmittel steht zur Verfügung. Wir haben auf unserer Website ein Schutzkonzept, welches wir ständig aktualisieren. Das ist eine grosse Herausforderung und um diese zu bewältigen, ist das zuständige Team auch im engen Austausch mit den Behörden.

Die Zukunft des Kinos scheint durch die Krise noch unsicherer geworden zu sein. Wie sehen Sie das persönlich? 
Mit all den Streaming-Diensten zeichnet sich ein Umbruch schon länger ab. Ich glaube, das Kino muss sich neu erfinden beziehungsweise sich neu positionieren. Ich bin aber überzeugt, dass das Kino nicht verschwinden wird. Es wurde schon so oft totgesagt. Es ist ein ganz spezielles Erlebnis, gemeinsam in einem Kinosaal vor einer grossen Leinwand zu sitzen und einen Film zu schauen. Ich glaube, das wollen die Leute auch. Wir wollen als ZFF unseren Teil beitragen – und die Leute dazu animieren, wieder ins Kino zu kommen. ‘Cause life is better with movies!

Das Zurich Film Festival findet vom 24. September bis 4. Oktober statt

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