Netflix-Drama zu Kindsverlust

Stark und berührend: «Pieces of a Woman» ist eine Wucht

Text: Vanja Kadic; Bilder: Benjamin Loeb/Netflix

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Vanessa Kirby und Shia LaBeouf im Netflix-Drama «Pieces of a Woman».

Das Film ist eine Wucht – nicht zuletzt wegen Vanessa Kirbys grossartiger Schauspielleistung.

Wie lebt man weiter, wenn man sein Kind verloren hat? Darin geht es im Netflix-Drama «Pieces of a Woman». Eine Kritik.

24 Minuten lang dauert die aufwühlende Geburtsszene in «Pieces of a Woman». Die Hausgeburt von Martha (Vanessa Kirby) wird in einer langen Einstellung ohne Schnitte gezeigt. Als Zuschauerin ist man extrem nah dran – so nah, dass man die fast halbstündige Sequenz kaum aushält. Das Ende der Szene, mit der der Film beginnt, ist fast nicht zu ertragen: Im Netflix-Drama geht es um eine Hausgeburt, bei der das Baby stirbt – und die Folgen, die dieser Verlust mit sich bringt.

Das Leben und die Beziehung von Martha und Sean (Shia LaBeouf) aus Boston, vor dem Kindstod ein glückliches Paar, ändern sich danach drastisch. Martha und Sean müssen ihr Leben ohne ihre Tochter weiterleben. Den Grabstein für ihr Kind aussuchen. Den Familien-Van wieder loswerden, den sie kurz vor der Geburt gekauft hatten. Was das Zerbrechen eines solchen Lebensplans für ein Paar und vor allem für eine Mutter bedeuten kann, zeigt «Pieces of a Woman» eindrücklich.

Der Film von Regisseur Kornél Mundruczó und Drehbuchautorin Kata Wéber ist eine Wucht. Das Paar verlor selbst ein Kind und schrieb den Film basierend auf seiner persönlichen Erfahrung. Die Hauptfiguren sind erfrischend nuancenreich und lebendig geschrieben: Vanessa Kirbys Darstellung von Martha ist verletzlich und stark zugleich – und stets kraftvoll. Auch Shia LaBeouf spielt Sean, der seine Trauer und Hilflosigkeit in cholerischen Episoden ausdrückt, fantastisch – nur hinterliess seine aggressive Performance bei mir einen bitteren Nachgeschmack. Wenige Wochen vor Erscheinen von «Pieces of a Woman» wurde der Schauspieler von seiner Ex-Partnerin, der Sängerin FKA twigs, wegen emotionalen und körperlichen Missbrauchs verklagt. Kurz darauf erhoben weitere Ex-Freundinnen ebenfalls schwere Vorwürfe gegen LaBeouf.

«Wir brauchen das Zimmer nicht. Denn wir haben kein Kind»

Was mir an «Pieces of a Woman» besonders gefiel, war der Raum, den Mundruczó und Wéber für Stille liessen. Und für Wut. In diesen Momenten kommt man dem Schmerz und dem Gefühl der Ohnmacht, die die Hauptfiguren fühlen, besonders nah. Um zu verstehen, wie furchtbar sich der Verlust ihrer Tochter für Martha anfühlen muss, brauche ich als Zuschauerin keine hochdramatischen Wortgefechte. Es ist kraftvoll genug, wenn Martha stoisch beginnt, die Windeln und Babyklamotten aus dem Kinderzimmer zu räumen und mit ruhiger Stimme zu Sean sagt: «Wir brauchen das Zimmer nicht. Denn wir haben kein Kind.» Oder wenn sich das Paar frustriert über die Schreibweise des Namens seiner Tochter, der auf dem Grabsteins stehen soll, streitet.

Die Dialoge sind erfrischend authentisch. So fallen Martha und Sean einander im Gespräch mal ins Wort oder verstehen einander akustisch nicht. «Pieces of a Woman» hat durchaus auch seine Makel. So fand ich es etwas unnötig, Marthas chaotische Beziehung zu ihrer eigenen Mutter in die Storyline einzubauen. Dennoch ist das Netflix-Drama ein Film, der sich lohnt – allein wegen Vannesa Kirbys grossartiger Schauspielleistung.

«Pieces of a Woman» ist seit dem 7. Januar 2021 auf Netflix verfügbar.

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