Begegnung

Zwei wie Feuer und Eis: Michael Maertens und Mavie Hörbiger

Text: Barbara Achermann; Styling: Kasa Schild mit Outfits von Wood Wood; Fotos: Katarina Šoškic, Suzanne Schwiertz, Cinetext,

Zwei wie Feuer und Eis: Miael Maertens und Mavie Hörbiger
Zwei wie Feuer und Eis: Miael Maertens und Mavie Hörbiger
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Mavie Hörbiger gilt als extrovertiertes Showtalent, Michael Maertens als introvertiertes Genie

Hörbiger und Maertens – zwei Namen, die das Theaterpublikum bereits in der dritten Generation begeistern

Ein Ankerplatz im Leben der zwei Bühnennomaden: Die Altbauwohnung in Wien

2000: Mavie Hörbiger im Film«Liebesluder»

Michael Maertens in «Die Entführung aus dem Serail» am Zürcher Opernhaus

2006: Mavie Hörbiger im Film «Marmorera»

Das aufregendste Schauspielerpaar der deutschsprachigen Theaterwelt heisst: Michael Maertens und Mavie Hörbiger.

Michael Maertens sitzt im Kino. Vor ihm auf der Leinwand steigt eine junge Frau in engen Jeans und auf dünnen Absätzen die Treppe hoch, dreht sich um und blickt in die Kamera: Bambiaugen, Puppenmund und Feenhaar. Mavie Hörbiger verführt als «Liebesluder» im Spielfilm von Detlev Buck das halbe Dorf – und einen Zuschauer, den sie später in Zürich heiraten wird.

Das war vor 13 Jahren. Michael Maertens erinnert sich: «Ich sah sie und dachte, mein Gott, ist die süss.» Er rührt so fest in seinem Schwarztee, dass man fürchtet, das Glas zerspringe, und hält einen schwärmerischen Monolog über seine Frau: wie leicht sie Leute zum Lachen bringe, wie viel sie über Popmusik wisse und was er alles von ihr gelernt habe. Er wedelt mit der Hand, als verscheuche er eine Fliege: «Früher habe ich so was wie das hier verabscheut.» Er meint das schicke Restaurant La Salle aus Glas und Beton im Schiffbau in Zürich. Erst Mavie habe ihm die Augen für moderne Architektur geöffnet.

Michael Maertens ist einer der grössten Bühnenschauspieler unserer Zeit. Mavie Hörbiger kennt man aus Fernsehen und Theater. Zusammen sind sie das aufregendste Schauspielerpaar: glamourös, cool, erfolgreich. Man sieht sie Hand in Hand auf Promiseiten und roten Teppichen. Wenn er auf der Bühne steht, ist die Wiener Burg selbst an einem Mittwoch ausverkauft. Und obwohl sie in einem sperrigen Stück mitspielt, ist das Akademietheater in Wien bis fast auf den letzten Platz besetzt. In Zürich feierte die Kritik sein «übergrosses Talent», in Basel ihre «überirdische Person».

Beide stammen sie aus zwei grossen und geschichtsträchtigen Schauspielerfamilien. Bereits die Grossväter Paul Hörbiger und Willy Maertens waren Koryphäen. Auf der Seite von Maertens sind zudem Grossmutter, Vater, Bruder und Schwester Schauspieler – einzig die Mutter sei «normal». In ihrer Familie sind es gar über ein Dutzend, darunter die Grosstante Christiane Hörbiger.

Ihre Stammbäume mögen noch so ähnlich sein, Mavie Hörbiger und Michael Maertens sind ein ungleiches Paar: Sie ist ein extrovertiertes Showtalent, war beliebtester deutscher Shootingstar 2001 und kam mehrmals auf die Liste der Sexiest Women in the World. Er ist ein introvertiertes Genie, mehrfach ausgezeichnet, so auch als Schauspieler des Jahres. Von ihr sagen Kollegen, sie sei egozentrisch, mache eine Szene, wenn auf dem Set die Sojamilch für ihren Kaffee ausgegangen sei, doch könne man mit ihr wunderbar Pferde stehlen. Er grüsst im Theater den Portier ebenso freundlich wie seine Schauspielkollegen, wirkt aber stets etwas distanziert. Sie ist 33, er 49, sie schlagfertig, er hilfsbereit. In Gesellschaft gibt er ihr verbale Steilpässe, damit sie eine Anekdote nach der anderen erzählen kann.

Zurzeit spielt Michael Maertens am Schauspielhaus Zürich die Hauptrolle in Molières «Der Menschenfeind». Alceste ist einer, der schonungslos sagt, was er denkt, Smalltalk und Höflichkeitskonventionen verachtet und sich mit seinem ausgeprägten Wahrhaftigkeitsanspruch am Hof verhasst macht. Eine schwierige Rolle, findet Michael Maertens, der schon wieder in seinem Schwarztee rührt, als wolle er Rahm schlagen. Sie verleite dazu, ein tobendes Rumpelstilzchen zu spielen. Wo erkennt er sich selbst im Menschenfeind, welche Eigenschaften teilt er mit ihm? Er sagt, solche Fragen interessieren ihn nicht. Sachlich erklärt er, wie er sich der Figur genähert hat: weniger psychologisch als vielmehr formal. Er schaute zum Beispiel Stummfilme mit dem grossen Komiker Buster Keaton, der nie lachte und Berührungen mied. Eine Ähnlichkeit zwischen Maertens und dem Menschenfeind liegt aber auf der Hand: Es ist die Aufrichtigkeit.

Ihm macht es Spass, die unverblümte Wahrheit zu sagen, vor allem, wenn sie mit Klischees aufräumt: «Ich denke nicht immer das, was das Publikum denkt, dass ich denke. Während ich als König Richard die Zuschauer zu Tränen rührte, hoffte ich, dass der FC St. Pauli nicht schon wieder verliert.» Schauspieler seien Trickser, sagt Maertens und erzählt genüsslich, wie ein Kollege dem Publikum schluchzend den Rücken kehrte und gleichzeitig zu seinen Mitspielern Grimassen schnitt. Schliesslich raubt er seinem Beruf noch den letzten Rest Romantik, indem er gesteht: «Ich stelle mich aus egomanischen, exhibitionistischen Gründen auf die Bühne. Nicht um die Welt zu verbessern oder den Menschen Schiller zu vermitteln, sondern weil ich Anerkennung suche. Ich will geliebt werden.»

Er nimmt sich selbst nicht allzu wichtig, und selbstverständlich kokettiert er ein wenig mit seinem genügsamen Image. Er ist sich vermutlich bewusst, dass es sympathischer wirkt, wenn er sich als Handwerker statt als Künstler ausgibt. Michael Maertens ist ein brillanter Techniker, kann die unterschiedlichsten Rollen spielen, naturalistisch oder wunderbar künstlich überhöht – was ihm auch schon als Effekthascherei angelastet wurde. Zu Unrecht. Seine Helden sind dezente Figuren, sie hinken ein wenig, haben keine Spannung in den Händen oder kratzen sich, als plage sie ein Ekzem. Ein Theaterkritiker schrieb, Maertens’ weichgezeichnete Männer seien der moderne Gegenentwurf zu ihren hartgesottenen historischen Vorlagen.

Tatsächlich verkörpert er häufig unsichere Menschen, ohne dabei übertrieben schwächlich zu wirken. Maertens, der von sich selbst sagt, er habe kaum Bartwuchs und keine Brusthaare, spielt in «Der ideale Mann» am Wiener Burgtheater einen vertrottelten, aber gefährlichen Politiker, in «Richard III.» am Schauspielhaus Zürich einen gebrochenen Massenmörder, in «Der Gott des Gemetzels» am Berliner Ensemble einen arroganten Geschäftsmann, der verzweifelt wimmert, weil sein Handy kaputtgeht.


Michael Maertens in «Der ideale Mann» (mit Katharina Lorenz) am Wiener Burgtheater (Foto: Reinhard Werner)

Er hat mit allen grossen Regisseuren zusammengearbeitet, unter anderem mit den Altmeistern Peter Stein, Claus Peymann und Luc Bondy. Er pickt sich die grossen Rollen wie Rosinen aus dem Kuchen und ist gerade dabei, auch noch Oper und Film zu erobern. In der Zürcher «Die Entführung aus dem Serail» spielt er den nicht singenden Bassa Selim, im 3D-Film «Die Vermessung der Welt» einen degenerierten Herzog und im mit Spannung erwarteten Kinodrama «Finsterworld» eine der Hauptrollen.

Er ist ein Routinier. Aber noch immer zu schaffen machen ihm die Textberge, die er büffeln muss und abends am Stubentisch halblaut vor sich hinbrummelt. Er streicht sich die langen Fransen aus der hohen Stirn: «Auswendig lernen nervt und schützt nicht mal vor Alzheimer.» Zurzeit hat er neun Hauptrollen in seinem Gedächtnis gespeichert, die er zum Teil seit Jahren spielt. Die meisten Inszenierungen sind enorm erfolgreich. «Der Gott des Gemetzels» hat er über 300-mal aufgeführt, zunächst in Zürich, jetzt in Berlin. Es gab Zeiten, da spielte er an sieben Tagen nacheinander sieben verschiedene Rollen an sieben Theatern. «Manchmal vergass ich, in welcher Stadt ich gerade war.»

Wie ein Rosenkranz dreht Maertens sein Armband durch die Finger, ein Geschenk seiner dreijährigen Tochter Wilma: «Heute mache ich etwas weniger – auch wegen der Familie.» Im vergangenen Jahr haben seine Frau und er ihr zweites Kind bekommen.

Mavie Hörbiger ist da, bevor man sie sieht. Ihre Schritte poltern durch die Gänge des Wiener Akademietheaters. Kaum zu glauben, dass dieser Lärm eine elfenhafte Person ankündigt, die in Kinderkleidergrösse 164 passt. An ihr faszinieren die Gegensätze: Drei Tage zuvor, an der Nestroy-Gala, strahlte sie aufwendig frisiert, im hochgeschlossenen Puffärmelkleid in die Kameralinsen. Jetzt trägt sie Jeans und T-Shirt und stösst einen alten Kinderwagen. Ihr Sohn ist erst zwölf Wochen alt, doch steht sie abends schon wieder auf der Bühne, stillt ihn vor und nach der Vorstellung und hat mit Til Schweiger in Hamburg einen «Tatort» gedreht. «Ich fand Frauen, die gebären und dann sofort weiterarbeiten, immer unsympathisch. Und jetzt bin ich selbst so eine.» Mit einem Neugeborenen im Nebenzimmer zu filmen, das würde sie nicht noch einmal machen. «Die Crew musste zweimal auf mich warten, weil ich Peter stillte. Das war mir so unangenehm, dass ich vor lauter Aufregung rote Flecken im Gesicht kriegte.» Mavie Hörbiger hat eine auffallend schöne, tiefe Stimme und erzählt schnell und unterhaltsam. Man hört ihr gern zu. Scheinbar auch der kleine Peter, der ab und zu manierlich gluckst.

Ihre Theatergarderobe erinnert an ein heruntergekommenes Krankenzimmer, von den Schränken blättert vergilbte Farbe auf das triste Linoleum. Es riecht nach kaltem Rauch, und der Kaffee schmeckt nach Seife. Mavie Hörbiger gehört zum Ensemble des ehrwürdigen Wiener Burgtheaters und wird dennoch nicht verwöhnt. Selbst hochschwanger stand sie noch auf der Bühne. «Ich verlagerte ständig mein Gewicht von einem Bein aufs andere. Einmal war ich so abgelenkt, weil sich das Baby in mir bewegte, dass ich etwa zehn Seiten Text übersprang.» Neben ihr an einem Bügel hängt eine schwarze Lederjacke. In einer knappen Stunde wird sie sich darin in die aggressive Sian verwandeln, die in illegalen Kinderhandel verwickelt ist. Ihre Bewegungen sind hart, ihre Stimme rau, wenn sie ihrem Schauspielkollegen Tilo Nest die Finger verbiegt. Obwohl Mavie Hörbiger optisch eindeutig den Typ süsse Blondine verkörpert, spielt sie diese brutale Frau im Stück «Wastwater» ebenso überzeugend wie die laszive Lulu in Bochum, die unterwürfige Stella in Basel oder die besorgte Ehefrau im Kinothriller «Marmorera».


Mavie Hörbiger in «Wastwater» am Akademietheater Wien (Foto: Reinhard Werner)

Im Grunde genommen hatten die beiden keine Wahl: Mavie Hörbiger wurde bereits von ihrem Kindermädchen mit «Sie, Frau Burgschauspielerin» angeredet, und Michael Maertens gab im Alter von vier Jahren bekannt, dass er Schauspieler werden wolle. Doch während er seine Karriere stets geradlinig verfolgte, durchlebte sie Anfang zwanzig eine Krise, brach die Schauspielschule in München ab und arbeitete ein knappes Jahr lang in einer Videothek. «Ich zweifelte, ob ich gut genug bin. Ich wollte entweder zu den Besten gehören oder aussteigen.» Während die junge Frau auf der Suche nach sich selbst war, legten die Regisseure sie mit ihren Rollen fest: Eben noch spielte sie das Kind, schon die Geliebte. «Ich wurde ständig auf mein Äusseres reduziert. Das klingt doof, so nach Luxusproblem, aber es nervt wirklich, wenn man Anerkennung für seine Leistung möchte und immer nur hört ‹Ach ist die schön›.»

Wie zum Trotz wurde Mavie Hörbiger ein Szenemädchen, zog mit Zigarette im Mundwinkel durch die Münchner Nachtlokale, das «P1», das «Schumann’s», das «Babalu», lernte in Berlin DJs, Gastronomen und Künstler kennen, war bei Harald Schmidt eingeladen und forderte den routinierten Entertainer mit ihren frechen Antworten. In der Unterhaltungsindustrie war sie schnell erfolgreich, doch suchte sie stets auch den Tiefgang des Bühnenschauspiels. Über das eher unbedeutende Theater in Hannover fand sie den Weg ins Basler Ensemble und schliesslich an die Wiener Burg. Ihre Vielseitigkeit hat Charme: Sie fachsimpelt über den FC Bayern München ebenso redegewandt wie über die Handwerker in Shakespeares «Ein Sommernachtstraum». Als Mutter wirkt sie sanft und liebevoll. Sie stemmt Peter in die Luft, drückt ihn an sich und übergibt ihn dann einer älteren Frau, die während der Vorstellung mit ihm spazieren geht.

Anders als die meisten Theaterschauspieler lebt die Familie Hörbiger-Maertens nicht am Existenzminimum – aber auch nicht in Saus und Braus. «Das Einzige, wofür ich viel Geld ausgebe, ist Mode», sagt Mavie Hörbiger, die in einem schwarzen Kleid von Jil Sander geheiratet hat. Auch ihre Handtaschen dürften teuer aussehen, ihr wurden schon zwölf Stück gestohlen.

Sie haben keine Nanny, sondern organisieren sich mit drei Babysitterinnen auf Abruf. Das sei günstiger. In ihrer Wohnung hängt ein grosser Plan, mehrspaltig und kompliziert, der all ihre Termine in Zürich, Wien, Berlin, Hamburg und München auflistet. Sie sind gut organisiert, doch wenn sich, wie jetzt, der Weisheitszahn der jungen Mutter entzündet, wird es eng. «Ist schon viel.» Sie schaut in den Spiegel und bindet sich die Haare zusammen. «Ich hatte heute nicht mal Zeit, mich zu kämmen. Schrecklich.» Es klopft an der Tür, «Requisite», ein Mann übergibt dem einstigen Liebesluder Handschellen, ein Messer und ein Handy. «Dieses scheussliche alte Ding.» Sie wirft das Telefon von einer Hand in die andere, als komme es direkt aus dem Backofen. Ist sie eine Diva? «Neeein. Ja, vielleicht, ich weiss nicht.» Sie braucht sich nicht zu entschuldigen. Es müssen ja nicht alle Schauspieler so bescheiden sein wie ihr Mann.
 

Zurzeit ist Michael Maertens im Molière-Stück «Der Menschenfeind» im Schauspielhaus Zürich zu sehen; Regie: Barbara Frey; Infos: www.schauspielhaus.ch

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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