Der Fotograf F.C. Gundlach

Das perfekte Bild

Text: Leandra Nef; Fotos: F. C. Gundlach

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Betörend komponierte Sinnlichkeit: Model Françoise Rubartelli 1971 an der Nordsee

Ikonenhafte Ästhetik: Model Brigitte Bauer 1966 am Strand von Vouliagmeni, Griechenland

Links: Gundlachs berühmtestes Bild: Model Karin Mossberg mit Badekappe vor der Cheops- Pyramide (1966)

Rechts: Sie sind voller Lob für den Menschen Gundlach: Ex-Topmodel Gitta Schilling (1958 in Lübeck)

Links: «Er ist noch genauso charmant und jugendlich wie früher»: Christa Vogel, eines der ersten internationalen Schweizer Models (1958 auf Sylt)

Rechts: Mode- shooting 1966 mitten auf den Champs-Élysées

Gundlach für annabelle: Juni-Cover 1967

Jahrzehntelang prägte er die Modefotografie mit Inszenierungen auf der ganzen Welt und fotografierte auch für annabelle. Doch wer ist dieser Franz Christian Gundlach (93)?

Zehn Jahre alt war Franz Christian Gundlach, geboren im osthessischen Heinebach, als er 1936 eine Agfa-Box mit Selbstaus- löser geschenkt bekam. Heute ist er 93 und gilt als Grandseigneur der Modefotografie. Es gehe ihm gut soweit, lässt seine Stiftung ausrichten. Trotzdem sei aufgrund seines Gesundheitszustandes im Moment leider kein persönliches Interview möglich.

Das ist der Grund, weshalb wir für dieses Porträt nicht mit ihm, sondern mit Weggefährten sprechen: mit ehemaligen Assistenten, Moderedaktorinnen, Models. Auch sie meist über achtzig, auch ihre Erinnerungen manchmal schon etwas verblasst. Ihren Geschichten aber lauscht man gern. Sie erzählen von einer Zeit, in der Models noch Mannequins hiessen und sich für Fotoaufnahmen selber schminkten, von einer Zeit auch, in der eine Reise von Europa nach New York noch dreissig Stunden dauerte.

F. C. Gundlach – kurz FC, wie er von allen genannt wird – landete 1955 den wohl entscheidenden Coup seiner Karriere: Nach einer Ausbildung zum Fotografen unterschrieb er einen Exklusivvertrag mit Lufthansa und liess sich Werbeaufnahmen für die Fluggesellschaft in Flügen bezahlen. Fortan reiste Gundlach für seine Modestrecken um den Globus, besuchte die Tempel-anlagen von Angkor Wat, Oscar Niemeyers futuristische Hauptstadt BrasÍlia, den Vorderen Orient, Iran, Hongkong, New York. Letzteres zunächst mit dem Linienschiff, um Pelzmäntel zu fotografieren, später mit der Super Constellation.

500 000 Meilen müssen es gewesen sein, so seine Stiftung, die F. C. Gundlach im Lauf seines Lebens zurückgelegt hat; zwanzig Mal dem Äquator entlang um die Welt. Für seine Kunden aus der Mode- und Medienbranche ein Glücksfall: Kaum ein anderer Fotograf reiste in dieser Zeit so weit, kaum einer konnte Bilder liefern, die dieses Mass an Weltläufigkeit ins Wohnzimmer brachten. Gundlach zeigte den Menschen auf seinen Fotos nicht nur die neuste Mode, sondern nach dem Ende der Nachkriegszeit auch endlich wieder die schönen Seiten des Lebens – und die schönen Flecken der Erde, lang bevor sie vom Massentourismus überrannt wurden. Gundlach, der sich nie nur als reiner Modefotograf verstand, porträtierte immer auch Land und Leute, interessierte sich für die Kulturen, in denen er sich bewegte.

Antje von der Heyde, die zusammengerechnet mehr als drei Jahrzehnte als Moderedaktorin und stellvertretende Chefredaktorin bei «Brigitte» arbeitete, reiste mit Gundlach nach Marokko, Phoenix, Kapstadt. Am Telefon erinnert sich die 82-Jährige: «FC war immer elegant gekleidet. So kam unsere Fotogruppe auf Reisen stets ohne Probleme durch den Zoll, wir bekamen die besten Hotelzimmer und Eintritt in jedes Restaurant.» Sowieso sei es «eine Offenbarung» gewesen, mit ihm zu arbeiten. «Er hob sich ab von den anderen Fotografen. Er war nicht exzentrisch, hat sich nie inszeniert.» Und das, obwohl er durchaus Grund dazu gehabt hätte, denn er war ein Starfotograf seiner Zeit, porträtierte die Schauspielerinnen Hildegard Knef und Romy Schneider ebenso wie Cary Grant, den George Clooney der 1940er- und 1950er-Jahre. Zuhause in Hamburg empfing er illustre Gäste, darunter Eileen Ford, Mitbegründerin der New Yorker Modelagentur Ford Models, und Irving Penn, einen der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Mondäne Zeiten waren das – und freie: «Damals in den 1950ern und 1960ern konnten wir machen, was wir wollten. Wir unternahmen zwei-, dreiwöchige Rundreisen, um Bilder für verschiedene Kunden zu schiessen. Die vertrauten uns, schickten uns ihre Kollektionen, ohne uns zu begleiten. Wenn überhaupt, dann kommunizierten wir per Telegramm oder schickten ihnen die Negative per Post», erzählt Gundlachs langjähriger Assistent Dirk-M. Kugelmeier (75), der seinen Lehrmeister noch heute regelmässig besucht. Zu Gundlachs Kunden zählten Magazine wie «Brigitte», für die er zwischen 1963 und 1986 mehr als 180 Titelblätter und 5500 Modeseiten fotografierte, «Film und Frau», 100 Titelblätter und 2500 Seiten, «Stern» und nicht zuletzt annabelle. Ausserdem Bekleidungsfirmen wie Falke – der Strumpfwarenhersteller produzierte damals noch Damenmode – und Versandhändler Otto.

F. C. Gundlach hat sie geliebt, diese Freiheit. Vielleicht auch, weil er weiss, wie es sich anfühlt, wenn sie einem genommen wird. 1943 beendete der Zweite Weltkrieg abrupt seine Jugend. Mit gerade einmal 17 Jahren wurde er als Luftwaffenhelfer eingesetzt. Die Hälfte seiner Kameraden fiel, er erkrankte an Lungentuberkulose, geriet zunächst in amerikanische, später in französische Kriegsgefangenschaft, wusste nicht, ob er je wieder freikommen – schlimmer noch: ob er überleben würde.

Eine Zeit, über die er kaum spricht, zumindest nicht mit Arbeitskollegen. Das erzählt uns Gitta Schilling, eines der bekanntesten europäischen Fotomodelle der frühen 1960er-Jahre, am Telefon. Die 83-Jährige lebt heute in der Nähe von Venedig. Ansonsten aber habe man sich ganz hervorragend mit FC unterhalten können: über die Arbeit, das Reisen. In Schillings Stimme mischen sich Verve und Stolz, wenn sie von damals erzählt, von den Restaurantbesuchen im «Ritz» in Paris und im «21» in New York, «wo zu jener Zeit alle Fotografen mit ihren Modellen einkehrten». Gundlach sei ein grosszügiger Mensch, schwärmt sie.

Das sagt auch Christa Vogel, eines der ersten Schweizer Topmodels mit internationalem Erfolg – und beinah ein Hollywood-Star: Ende der 1950er-Jahre wurde ihr die weibliche Hauptrolle in einem Film mit Elvis Presley angeboten, sie lehnte der Familie zuliebe ab. Die 85-Jährige hat zu einem Stück Berliner Zuckerkuchen an den heimischen Holztisch im Appenzell geladen. Sie erinnert sich mit Freude an die Begegnungen mit F. C. Gundlach: «Nach einer seiner Ausstellungen, es muss vor zehn Jahren gewesen sein, lud er mich zum Essen ein. Er nahm sich extra Zeit für mich, obwohl er sehr beschäftigt war mit all den Zeitungsleuten. Er war noch genauso charmant und jugendlich wie früher.» Wenn man seine Weggefährten so sprechen hört, fragt man sich unweigerlich, wo sich F. C. Gundlachs Spleen versteckt. Irgendeine Marotte muss er doch haben? Nein, versichern die Weggefährten dann unisono und betonen, nie etwas Negatives über FC gehört zu haben. Er sei ein fröhlicher Mensch. Keiner, der Sprüche klopft und Witze reisst, aber einer mit Humor. Bei der Arbeit so unkompliziert wie konzentriert. Und ehrgeizig: «Leute ohne Ziel und Eigeninitiative waren nicht sein Ding», sagt Erma Stärz. Die 80-Jährige arbeitete lange als Gundlachs Galerieleiterin, wohnte mehr als zehn Jahre in einer Wohnung in seinem Haus in Hamburg. Sie besucht ihn noch heute regelmässig. Gundlach selbst überliess in seinen Jahrzehnten als Fotograf nichts dem Zufall. «Kein Bild ging raus, ohne gesichtet zu werden. Die, die er nicht mochte, landeten im Papierkorb. Nach einer umfangreichen Produktion sassen wir nächtelang über dem Leuchttisch», sagt Stärz. Und: «Seine Arbeit kam als Erstes in seinem Leben. Mit einer Familie wären all die Reisen schwierig zu vereinbaren gewesen.» Tatsächlich soll Gundlach in einem Interview einst gesagt haben, er habe nicht heiraten können, weil er mit seinem Beruf verheiratet sei. Zu seinem Bruder aber, der gleichzeitig kaufmännischer Chef in seinem Unternehmen war, und zu dessen Frau, Gundlachs Buchhalterin, mittlerweile beide verstorben, pflegte er ein enges Verhältnis.

Gundlachs wohl berühmteste Bilder zeigen Models mit Badekappen vor den Pyramiden Ägyptens. Sie entstanden 1966 während einer Afrika-Rundreise und erschienen als Teil der Bildserie «Den ganzen Tag am Strand» in «Brigitte» – obwohl der nächste Strand meilenweit entfernt liegt. Eine Provokation. Eines dieser Bilder wird F. C. Gundlach dereinst über den Tod hinaus begleiten: Es schmückt das Mausoleum, das der Fotograf sich aus Beton giessen liess, ein offener Kubus von drei mal drei mal drei Metern.

Seit Beginn der 1980er-Jahre konzentriert sich F. C. Gundlach mehr und mehr auf das Sammeln fotografischer Werke. Bereits 1975 gründete er in Hamburg die «PPS. Galerie F. C. Gundlach», eine der ersten reinen Fotogalerien des Landes, hier kuratierte er mehr als hundert Ausstellungen. Und auch wenn er die Kamera Ende der 1980er-Jahre aus der Hand gelegt hat: Die Fotografie bleibt das grosse Thema seines Lebens. Er gründete seine eigene Stiftung, in die er sein Lebenswerk und seine umfangreiche Fotosammlung überführte. War Gründungsdirektor des «Haus der Photo- graphie» in den Hamburger Deichtorhallen. Erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande und den renommierten Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Und dann, bei einem grossen Fest zu seinem 90. Geburtstag, kamen alle noch einmal zusammen. Familie und Freunde, Assistenten, Moderedaktorinnen und Models. Herr Falke senior ebenso wie Michael Otto. Um ihn zu feiern: FC, den Mann, der Berlin die Schönheit zurückbrachte, wie eine Zeitung einst titelte. Den Kosmopoliten der ersten Stunde.

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