Meinung

PMS muss endlich gesellschaftsfähig werden

Text: Céline Geneviève Sallustio; Bild: Getty Images

Der weibliche Zyklus ist mit vielen Höhen und Tiefen verbunden – auch unsere Praktikantin Céline Geneviève Sallustio erlebt jeden Monat eine emotionale Achterbahnfahrt. Ein Plädoyer über mehr Offenheit im Umgang mit dem prämenstruellen Syndrom.  

Ich sass mit Freunden am Gartentisch. Es war Samstagabend. Alle waren gut gelaunt. Nur ich sass abwesend in der Runde. «Bist du müde?», fragte man mich. «Ja, irgendwie schon.» Ich log – ich war nicht müde. Schon den ganzen Tag beschattete mein Gemüt eine schwere und unerklärliche Tristesse. Einige Stunden zuvor, als ich bemerkte, dass mein Velo einen Platten hatte, hätte ich sofort losheulen können. Und als mir dann die Frage gestellt wurde, ob ich müde sei, gleich nochmal. Gern hätte ich die Wahrheit gesagt: «Nee, ich habe grad PMS.» Aber Müdigkeit stösst eher auf Verständnis, dachte ich mir. Und sorgt nicht für Verwirrung, weil man(n) nicht weiss, wie man darauf reagieren oder was man antworten soll. 

PMS, das ist die Abkürzung für prämenstruelles Syndrom. Es tritt in der zweiten Zyklushälfte auf, meist kurz vor dem Eintreten der Menstruationsblutung. In dieser Phase fallen die Hormone Östrogen und Progesteron, die während des Zyklus angestiegen sind, wieder ab. «Es können Brust-, Kopf-, und Rückenschmerzen auftreten», sagt Gabriele Merki, «zudem machen sich psychische Veränderungen bemerkbar wie negative Verstimmungen, Lethargie oder aber auch eine enorme Reizbarkeit und Launenhaftigkeit.» Gabriele Merki ist Gynäkologin und Abteilungsleiterin für Schwangerschaftsverhütung am Universitätsspital Zürich.

Fast alle sind betroffen

«Fast jede Frau ist in irgendeiner Weise von Beschwerden im Zusammenhang mit der Menstruation betroffen», sagt sie, «10 bis 20 Prozent haben zu den körperlichen Symptomen auch ausgeprägtere psychische Beschwerden – gelegentlich so stark, dass eine psychotherapeutische Beratung nötig ist.» Dies nennt man dann PMDD – kurz für: Premenstrual Dysphoric Disorder. Frauen, die hormonell, also beispielsweise mit der Pille verhüten, haben kein PMS, da der weibliche Zyklus in diesem Fall unterdrückt wird. Aber auch unter der Pille kommt es am Packungsende zum Hormonabfall, was zu Entzugssymptomen bei einzelnen Frauen führen kann. Gut zu wissen: Gleich wie die Menstruationsbeschwerden ändert sich auch ein PMS im Laufe des Lebens. «Nach einer Schwangerschaft ist das PMS meist weniger stark», sagt die Gynäkologin.

Wenn eine Frau von PMS betroffen ist, dann gibt es keine objektive Wahrheit – nur das subjektive Empfinden. So beschreibt eine Freundin von mir PMS: «Zwei Wochen von meinem Zyklus bin ich gut drauf und habe grosse Lust, Freunde zu treffen und bin motiviert im Alltag. Die anderen zwei Wochen fühle ich mich unwohl, unsicher und sehr emotional. An diesen Tagen spüre ich meine Emotionen enorm und kann sie nicht wie gewöhnlich differenzieren. Da führt dazu, dass ich bei der Arbeit Dinge viel persönlicher nehme und viel mehr an mich heranlasse.»

Verletzt und eingeschnappt

Mir geht es sehr ähnlich. Hinzu kommt, dass ich, wenn ich PMS habe, völlig irrational denke, obwohl ich ansonsten sehr bedacht bin. Kürzlich trafen sich zum Beispiel meine zwei besten Freundinnen und haben mich nicht explizit gefragt, ob ich auch dazukommen möchte. Sie nahmen an, dass ich bereits andere Pläne hatte. Unter normalen Umständen wäre das für mich kein Problem gewesen. Aber in meiner PMS-Phase habe ich mich dadurch sofort verletzt und ausgeschlossen gefühlt. Und obwohl sie mich im Nachhinein noch einluden und ich die beiden sehen wollte, war ich eingeschnappt und blieb zuhause. Die Sicherung, sie brennt während PMS einfach durch.

Meine Freundin hat für sich einen Weg gefunden mit PMS umzugehen: Sie sagt, ihr helfe in der zweiten Zyklusphase die Kombination von täglicher Meditation und Mönchspfeffer, um im Gleichgewicht zu bleiben. Ausserdem nehme sie sich an diesen Tagen bewusst mehr Zeit für sich, ihre Gedanken und ihre Gefühlswelt. Bevor sie Freunde trifft, wägt sie ab, ob sie sich im Stande dazu fühlt.

Sich an Tagen mit PMS lieber nicht zu viel vornehmen – dazu rät auch Gabriele Merki. Wichtig im Umgang mit PMS sei auch die Kommunikation. «Wenn wir merken, dass wir die Tage vor den Tagen kriegen, dann können wir unser Umfeld darauf sensibilisieren.» Ausserdem könne ein Zyklus-Tagebuch helfen. Es soll unser Befinden festhalten und so ermöglichen, dass wir uns entsprechend auf die Tage vor den Tagen vorbereiten können.

Mit der Mens ist alles wieder gut

Tatsächlich kann ich PMS auch etwas Positives abgewinnen: Wenn mein Körper schmerzt und meine Seele weint, dann ist das nicht nur schlecht und mühsam. Denn an diesen Tagen bin ich sehr sensibel: Erkenntnisse, die vielleicht unangenehm sind, und Gefühle, die ich an anderen, besseren Tagen, gerne ignoriere, machen unweigerlich vor mir Halt. Kurz: Ich spüre meinen Körper und meine Bedürfnisse an diesen Tagen besonders stark. Und ich weiss: Sobald die Monatsblutung einsetzt, ist die Welt wieder in Ordnung. Und ich wieder ein vermeintlich rational denkendes Wesen.

Diese emotionale Achterbahnfahrt klingt anstrengend – und das ist sie auch. Doch sie wäre nur halb so anstrengend, wenn PMS von mir als betroffene Frau und unserer Gesellschaft akzeptiert würde. PMS soll nicht nur in meinem Badezimmerschränkli ankommen (ich habe mir nun ebenfalls Mönchspfeffer zugelegt), sondern in aller Munde. PMS betrifft so gut wie jede Frau, die nicht hormonell verhütet – und trotzdem ist es noch immer ein Tabuthema! Ich wünsche mir, dass ich und alle anderen Frauen die Wahrheit sagen können, weshalb es uns gerade nicht gut geht. Ohne dass die Antwort für Stirnrunzeln sorgt.

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