Interview

«Auch die Schweiz hat ein Rassismusproblem»

Interview: Marie Hettich; Foto: GettyImages

Black Lives Matter

Nach dem Mord des Afroamerikaners George Floyd ist Rassismus das Thema der Stunde – auch in der Schweiz. Die Sozialpsychologin Dr. Tabea Hässler erklärt, warum die Debatte überfällig ist.  

annabelle: Frau Hässler, immer wieder werden aus den USA brutale Fälle rassistischer Polizeigewalt publik. Doch eine weltweite Protestwelle in diesem Ausmass hat es noch nie gegeben. Warum genau jetzt?  
Tabea Hässler: Das achtminütige Video, in dem der Afroamerikaner George Floyd ermordet wird, ist extrem schockierend. Wenn jemand von einem Polizisten erschossen wird, kann hinterher immer noch die Frage in den Raum gestellt werden, ob der Polizist aufgrund einer akuten Bedrohung schnell reagieren musste. Doch dieser Fall ist für alle so offensichtlich – es bleiben keine Fragen offen.  Das Video löst Empathie und Wut aus, wie der Mann um Luft ringt und nach seiner Mutter ruft – und Wut ist einer der grössten Treiber für  collective  action, also zum Beispiel für Demonstrationen. Zudem  denke ich, dass die Corona-Krise die Protestwelle ebenfalls befeuert hat.   

Inwiefern?  
In den USA hat das Virus die strukturelle Diskriminierung deutlich offengelegt: Sowohl die Sterberate als auch die durch Corona ausgelöste Arbeitslosigkeit ist in der Black Community signifikant höher. Und dann hat die USA mit Donald Trump auch noch einen Präsidenten, den die ganzen aktuellen Vorkommnisse kalt lassen. Nur logisch, kommt da bei schwarzen Menschen das Gefühl hoch, das eigene Leben sei weniger wert. Polizeigewalt ist nur eines von vielen Gesichtern des Rassismus. Und darüber scheinen sich gerade weltweit auch viele Menschen mit weisser Hautfarbe im Klaren zu werden.    

Macht man es sich hierzulande zu leicht, wenn man sagt, Rassismus sei vor allem ein US-Problem?  
Allerdings. Auch die Schweiz hat ein Rassismus-Problem! Rechtsextremismus hat in der Schweiz schon immer einen Nährboden gehabt – auch weil die Gesetzeslage weniger streng ist als beispielsweise in Deutschland. Dort werden zum Beispiel immer wieder Konzerte mit rechtsextremistischen Inhalten verboten und in die Schweiz verlegt. Man muss auch nur mal an die Bilder auf den Plakaten der SVP denken – an das schwarze Schaf, das aus dem Land gekickt wird oder eine Person mit schwarzer Hautfarbe, die in der Hängematte liegt. Da wird ganz klar suggeriert: Schwarz ist gleich Böse. Das sind alles Sozialschmarotzer, die haben in unserem Land nichts verloren.     

Gibt es Zahlen zum Thema Rassismus in der Schweiz?  
Die Datenlage zeigt klar, dass sich Schweizer Personen von andersartigen Menschen zum Teil immer noch bedroht fühlen. Kürzlich hat mir ein Doktorand erzählt, dass er mehrmals pro Monat auf der Strasse kontrolliert wird und seinen Ausweis zeigen muss. Das ist für Menschen mit weisser Hautfarbe unvorstellbar. Man weiss zum Beispiel auch, dass Menschen mit einem türkischen Namen trotz gleicher Qualifikation seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden. Laut eines Berichts der Anti-Diskriminierungsstelle zeigt sich Rassismus in der Schweiz am deutlichsten in der Arbeitswelt – und Anlaufstellen für Betroffene sind oft nicht verfügbar.

Warum ist die Rassismus-Debatte hierzulande noch nicht weiter?  
In der Schweiz wird Diskriminierung oft heruntergespielt – man benennt vieles nicht, will vieles nicht wahrhaben. Da kommen dann Reaktionen wie: «Bist du dir echt sicher, dass das an deiner Hautfarbe lag? Vielleicht hatte die Person einfach einen schlechten Tag», wenn betroffene Personen von Diskriminierungen erzählen. Dabei sollten wir uns alle darüber im Klaren sein, dass auch in uns rassistische Vorurteile schlummern können. Wir Menschen kategorisieren sehr oft und sehr schnell. 

Haben Sie einen Tipp, wie man sich diesbezüglich selbst in seinem Verhalten überprüfen kann?  
Indem man immer wieder innehält und überlegt: Kann es sein, dass ich gerade Vorurteile habe? Die Forschung zeigt immer wieder, dass wir Menschen mit schwarzer Hautfarbe oft vorschnell und teils unbewusst böse Absichten unterstellen, auch wenn sie komplett unschuldig sind.    

Was ist aus Ihrer Sicht eigentlich von all den schwarzen Posts auf Social Media zu halten?  
Natürlich kann man Menschen immer vorwerfen, dass sie jetzt nur handeln, um sich in einem guten Licht zu präsentieren. Doch ich denke, die Aktion ist ein guter erster Schritt, um überhaupt Aufmerksamkeit zu schaffen – auch wenn langfristiges Engagement entscheidend ist. Es ist extrem wichtig, dass Rassismus nicht nur von Menschen thematisiert wird, die davon betroffen sind. 

Warum?  
Einmal gilt natürlich: Die Masse machts. Je mehr Menschen einen Missstand thematisieren, desto besser. Dann kommt hinzu, dass Personen mit weisser Hautfarbe Privilegien haben: Sie haben oftmals mehr Ressourcen, ihre Stimmen finden mehr Gehör. Und schlussendlich ist die Hautfarbe ja oft an Nationalität gekoppelt – und die entscheidet nun mal darüber, ob jemand abstimmen gehen kann oder nicht. Wichtig ist trotz allem, dass in den vordersten Reihen die Personen stehen, die die Sache betrifft. Sonst lenkt man das Rampenlicht auf sich selbst – und nimmt den betroffenen Personen ihre Stimme und Sichtbarkeit wieder weg.

Dr. Tabea Hässler ist Sozialpsychologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Zürich. Ihre Kernbereiche sind ethnische Minderheiten, LGBTIQ+ Personen, Vorurteile, Diskriminierung und Sozialer Wandel. 2012 hat sie an der University of Los Angeles (UCLA) ein Forschungspraktikum zum Thema Polizeigewalt absolviert.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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