Free Raif

Von Liebe getrieben: Die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi

Text: Helene Aecherli; Foto: Fabian Unternährer

Von Liebe getrieben: Die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi
Von Liebe getrieben: Die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi
Von Liebe getrieben: Die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi
e
f

«Ich denke nicht im Traum daran, Raif zu verlassen»: Ensaf Haidar

Weltweite Solidarität: Mit der Kampagne «Free Raif» kämpft Amnesty International für die Freilassung des Bloggers Raif Badawi, Mann von Ensaf Haidar

Sie lernte ihn übers Telefon kennen und heiratete ihn gegen den Willen ihrer Eltern: Ensaf Haidar ist die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi, des derzeit bekanntesten politischen Gefangenen der Welt. Um ihn vor dem Tod zu retten, startete sie eine beispiellose Kampagne.

Der Anruf kommt am Donnerstag, den 8. Januar 2015, einen Tag nachdem zwei islamistische Attentäter die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo» in Paris gestürmt und elf Menschen erschossen hatten. Ensaf Haidar vermutet erst, ihr Mann wolle mit ihr über den Terrorakt reden, erstarrt aber, als sie den betont gelassenen Klang seiner Stimme hört: «Morgen werden sie mit der Strafe beginnen», sagt Raif. «Einer der Wärter hat es mir mitgeteilt. Die ersten fünfzig Hiebe. Ich werde sie vor der grossen Moschee in Jidda erhalten. Ensaf, versprichst du mir, dass du stark bleibst?» Sie zittert.

In jener Nacht schläft sie nicht. Acht Stunden beträgt die Zeitverschiebung zwischen Jidda und ihrem Wohnort Sherbrooke in Kanada, wo sie mit ihren drei Kindern nach der Flucht aus Saudiarabien Asyl erhalten hat. Ensaf Haidar versucht den Augenblick zu berechnen, in dem die Wärter ihren Mann aus der Zelle führen und in einem Kastenwagen zur Moschee bringen, und gleichzeitig den Gedanken daran zu verdrängen, wie die Gläubigen aus der Moschee strömen und sich um Raif versammeln werden, um seiner Bestrafung beizuwohnen. Am nächsten Morgen versteckt sie sämtliche Computer und Telefone, schickt die Kinder aus dem Haus. Denn die Meldung über die Folterung Raif Badawis beherrscht die Schlagzeilen. Zudem kursiert im Internet bereits ein heimlich aufgenommenes Video. Ensaf kann nicht anders, klickt es an, sieht, wie die Stockhiebe auf den Mann niederprasseln, den sie liebt, auf Schultern, Rücken und Waden, bei jedem Hieb spürt sie den Schmerz, als wäre er ihr eigener. Sie kriecht aufs Sofa, schlingt die Arme um ihre Beine und weint.

Diese erschütternden Stunden beschreibt Ensaf Haidar im Buch «Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens», in dem sie so berührende wie beklemmendes Einblicke gibt in ihren Alltag an der Seite des Mannes, der mittlerweile als Ikone der politischen Häftlinge gilt. Jene Stunden markieren auch den Wendepunkt in ihrer beider Leben, an dem die individuellen Schicksale eine politische Dimension erhalten. Denn das Interesse am Fall Badawis gewinnt gerade vor dem Hintergrund des «Charlie Hebdo»-Attentats an Momentum: Dass Vertreter der saudischen Regierung in Paris an der Seite europäischer Staatschefs für die Meinungsfreiheit demonstrieren, während in ihrem Land ein Blogger an zwanzig aufeinanderfolgenden Freitagen mit je fünfzig Hieben bestraft werden soll, wird von Medien und Menschrechtsorganisationen weltweit zu Recht als Heuchelei gebrandmarkt.

Diese Dynamik wiederum verleiht auch der Solidaritätskampagne «Free Raif Badawi» Aufwind, die von Amnesty International lanciert worden war. Und: Sie katapultiert Ensaf Haidar (36) aus ihrer Anonymität in die Rolle des Zugpferds der Kampagne. Ein Kaltstart ins Rampenlicht sozusagen. «Ich hatte keine Wahl, ich musste die Verantwortung übernehmen», sagt sie neun Monate später. «Ich musste mich entscheiden: Soll ich akzeptieren, was mit meinem Mann geschieht, oder etwas dagegen tun? Ich entschied mich, etwas zu tun.»

Ensaf Haidar empfängt zum Interview in Bern, wir treffen uns in der Wohnung einer Bekannten. Sie ist auf Stippvisite in Europa und für drei Tage in die Schweiz gekommen, um ihr Buch vorzustellen und sich für ihren Mann stark zu machen, sogar eine Audienz bei Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga steht auf dem Programm. Ihr Telefon klingelt im Minutentakt. Ensaf ist knapp 1.50 Meter gross, trägt Jeans, schwarze Stiefel und eine weisse Bluse, die Haare zu Zöpfchen geflochten, eine aussergewöhnlich zierliche Erscheinung. Nach und nach offenbart sich aber jene Zähigkeit, die die unermüdliche Aktivistin auszeichnet. Dass sie dabei längst an ihren Grenzen läuft, lässt die Melancholie erahnen, die sie wie ein Schleier umhüllt und die sich auch dann nicht auflöst, wenn sie lacht.

Ob sie damals, vor bald 16 Jahren, als sie Raif Badawi heiratete, anders entschieden hätte, wenn sie gewusst hätte, was auf sie zukommen würde? Ensaf schüttelt den Kopf. «Nein», sagt sie. «Das Leben mit Raif hat mir die Augen geöffnet. Mit ihm fühlte ich mich frei. Und wenn man sich frei fühlt, gibt es keine Gefahr.»

Ihre Liebe begann heimlich. Eines Tages sah Ensaf, dass sie einen Anruf verpasst hat. Sie dachte, es sei die Arbeitsvermittlung, bei der sie sich als Religionslehrerin hatte registrieren lassen, verzog sich auf ihr Zimmer und rief zurück. Ein Mann meldete sich. Der Anrufer hatte sich verwählt, er hatte ihren Bruder sprechen wollen. Ensaf legte auf. Aber sie musste den Mann betört haben, denn er rief gleich wieder an. Machte ihr Komplimente für ihre Stimme, flehte sie an, mit ihm zu reden. Ensaf drückte ihn jedes Mal, wieder weg, doch nach 25 Mal gab sie nach. Dann redeten sie die ganze Nacht. Der Mann war Raif Badawi, 18 Jahre alt und Teilhaber einer Baufirma.

SMS und Telefonate genügten ihnen bald nicht mehr, sie wollten sich sehen, aber das war unmöglich, ein krimineller Akt, da in Saudiarabien alle Bereiche des täglichen Lebens streng nach Geschlechtern getrennt sind und Begegnungen zwischen Unverheirateten als sittenwidrig gelten. Doch das ignorierten sie und heckten einen Plan aus: Sobald die Luft rein war, schlich sich Ensaf ins Zimmer ihres Bruders, das zur Strasse zeigte, und stellte sich ans Fenster. Raif stieg unten aus dem Auto. Sie warf ihm eine rote Nelke zu, als Zeichen, dass er ihr gefiel. Ein paar Monate später hielt Raif bei Ensafs Vater um ihre Hand an, doch der war ausser sich vor Zorn über diese Liaison. Erst nach zwei Jahren Bitten und Drängen erteilte er dem Paar die Erlaubnis zur Heirat, aus Angst, Ensaf könnte mit ihrem Liebsten durchbrennen. Raif strafte er eisern mit Nichtbeachtung.

«Ich habe mich schon aussergewöhnlich verhalten, ich habe ja jede erdenkliche Norm gebrochen», gibt Ensaf zu. Sie lächelt übermütig, zum ersten Mal seit Beginn unseres Gesprächs wirkt sie gelöst. «Aber ich war getrieben von Liebe. Es war, als ob es endlich etwas gibt, das ich mein Eigen nennen konnte. Auf einmal hatte ich ein Leben – und ich hatte Raif.» 

Natürlich, wendet sie ein, habe sie schon immer versucht, eine eigene Meinung zu haben. Als Kind sei sie zwar sehr scheu gewesen, hätte aber gern gegen den Mainstream gehandelt: So sei sie etwa am liebsten mit Buben zusammen gewesen, Velo gefahren, habe Nikab und Abaya, die schwarze Verhüllung, die in Saudiarabien für Frauen Pflicht ist, verabscheut. «Doch erst an der Mittelschule begann ich mich mit anderen Menschen auszutauschen und erkannte, dass es noch ein anderes Leben geben musste. Die jungen Frauen in Ägypten oder im Libanon etwa gehen allein in die Uni, sie haben Freunde, sind selbstbewusst. Diese Bilder standen im krassen Widerspruch zu dem, was ich in meinem Umfeld gesehen hatte. Nur habe ich mich nie offen dazu geäussert.»

Trotz ihrer hart erkämpften Hochzeit führten Raif und Ensaf anfänglich keineswegs eine durch und durch romantische oder gar gleichgestellte Beziehung. Die Schwerkraft des Alltags und der traditionellen Geschlechterrollen erfasste auch sie: Ensaf blieb mit den Kindern zuhause, Raif arbeitete bis spät in die Nacht, tauschte sich kaum mit seiner Frau aus. Sie fühlte sich einsam und frustriert. «Tief in ihm verwurzelt war die Überzeugung einer natürlichen Überlegenheit des Mannes», schreibt sie in ihrem Buch. «So hatte man sie ihm schliesslich von Kindesbeinen an eingetrichtert. Wie sollte er auch anders denken?» Im Interview relativiert sie: «Der Druck der gesellschaftlichen Normen zwingt Männer wie Frauen oft dazu, sich in einer Art und Weise zu verhalten, von der sie selber nicht überzeugt sind.» Die Frage ist nur, inwiefern man dies erkennt und dies verändern kann und will. Bei Raif, erzählt Ensaf, geschah diese Erkenntnis schrittweise. Er lernte neue Freunde kennen, Leute, die das gesellschaftliche System Saudiarabiens hinterfragten, gleichzeitig begann er zu lesen; Bücher progressiver islamischer Denker sowie Werke über die französische Revolution, über Aufklärung und Säkularismus. Das war 2005. Etwas später gründete er das Forum «Netzwerk saudischer Liberaler». Ohne Wissen seiner Frau.

Ensaf entdeckte das Forum zufällig. Eines Nachmittags, sie war allein zuhause, Raif hatte seinen Laptop offen gelassen. Sie loggte sich unter falschem Namen ein, las seine Beiträge, in denen er unter anderem die Trennung von Staat und Religion forderte, Sätze schrieb wie «Staaten, die sich religiös legitimieren, halten ihre Völker im engen Zirkel des Glaubens und der Angst gefangen», und in denen er die Diskriminierung der Frauen im Land anprangerte. Ensaf war verwirrt und besorgt zugleich. Verwirrt, weil sich Raif ihr gegenüber noch immer wie ein «saudischer Macho» verhielt, besorgt, weil sie ahnte, dass er sich mit seinem Forum Probleme einhandeln würde. Denn indem er solche Gedanken offen thematisierte, legte er sich mit der mächtigen Religionspolizei an. «Er nahm keine Rücksicht mehr auf die Denkschranken, die die Kleriker der Bevölkerung diktierten.»

Doch las sie von da an akribisch mit, was ihr Mann schrieb, kommentierte und diskutierte seine Texte unter falschem Namen – und forderte ihn heraus, seine Worte im realen Leben in die Praxis umzusetzen. Irgendwann offenbarte sie ihm, dass sie seit Monaten im Netz miteinander debattierten. Badawi war überrascht, so viel Cleverness hätte er seiner Frau nie zugetraut, ermunterte sie aber begeistert, unter richtigem Namen im Forum aktiv zu sein. «Dadurch bekam unsere Beziehung eine völlig neue Identität», sagt Ensaf. «Denn Raifs Ideen waren ja auch meine. Er hat mich ermutigt, die Stimme zu erheben, das hat mich stärker gemacht. Ich konnte endlich alle Gedanken, die seit langem in mir gärten, in Worte fassen. Ich realisierte, dass wir das Recht haben, so zu leben, wie wir es wollen.» Entgegen allen Vorahnungen habe sie nie gedacht, dass das Forum solche Konsequenzen für sie haben würde. «Raif hat ja nur einen Raum geschaffen, in dem Männer wie Frauen ihre Meinung äussern und miteinander diskutieren können. Dieses Forum war seine Berufung, sie war seine DNA. Er hat es einfach im falschen Land publiziert.»

Das Telefon klingelt, unterbricht uns minutenlang. Der TV-Sender Deutsche Welle will ein Interview. Ensaf wirkt müde, ihr Übermut ist verschwunden. Als sich die Schlinge um ihren Mann zuzog, beschwor Raif seine Frau, mit den Kindern aus Saudiarabien zu verschwinden. Ensaf floh erst nach Ägypten, dann in den Libanon, später nach Kanada. Dem Druck ihrer Familie, sich von Badawi loszusagen, gab sie nicht nach. «Ich denke nicht im Traum daran, Raif zu verlassen», konterte sie. «Schon gar nicht jetzt, da er im Gefängnis sitzt. Er braucht mich. Und ich stehe zu ihm. Ich liebe ihn ja gerade wegen seiner liberalen Gesinnung.» Als Folge davon wurde sie von der Familie verstossen. Ein hoher Preis für eine Liebe. Womöglich aber wurde sie gerade durch diese äusseren Umstände verstärkt, wurde sie zum Bollwerk und dessen Verteidigung zum Lebenssinn.

Ein- bis zweimal pro Woche telefoniert sie heute mit ihrem Mann, manchmal weniger. Es sind kurze Gespräche, fünf, zehn Minuten; Minuten, in denen sie kaum das Nötigste austauschen. «Raif erzählt leider nichts von den Zuständen im Gefängnis», sagt sie. «Selbst wenn ich ihn darauf anspreche, meint er nur: ‹Ich will dich nicht belasten, kümmere dich um die Kinder, es soll euch gut gehen.› Ich erkenne nur an seiner Stimme, ob er traurig oder krank ist.» Immer wieder überlegt sie sich, wie es sein wird, wenn sie ihn wiedersieht. Wie hat er sich nach den Jahren im Gefängnis verändert? Wie wird er auf sie reagieren? Wie sie auf ihn? Wie wird die Reaktion der Kinder sein, die längst wissen, weshalb ihr Vater im Gefängnis sitzt? Würden sie alle an ihr früheres Leben anknüpfen können oder einander fremd geworden sein?

Seit jenem Donnerstag am vergangenen Januar schläft sie in den Nächten auf Freitag nicht mehr. Zwar ist der weitere Vollzug der restlichen 950 Stockhiebe ausgesetzt worden, offiziell aufgrund Badawis fragilen Gesundheitszustands, vielleicht aber auch wegen der internationalen Aufmerksamkeit, die ihm zuteil geworden ist – gerade dank seiner Frau. Doch könnten die Hiebe jeden Freitag wieder weitergehen. Ende November ereilt sie die Kunde, dass Raif begnadigt werden soll. Als sie dies hört, weiss sie nicht, ob sie vor Freude schreien oder weinen soll – aus Furcht davor, dass ihre Hoffnung zerstört wird. Bis sie ihren Mann nicht wieder in den Armen hält, wird die Angst bleiben. «Sie ist immer da», sagt Ensaf Haidar. Aber Donnerstags ist sie am schlimmsten. 

Blogger für die Freiheit

Der regimekritische Blogger Raif Badawi (31) wird im Juni 2012 wegen «Beleidigung des Islam» verhaftet und ein Jahr später zu sieben Jahren Gefängnis und 600 Stockhieben verurteilt. Im Mai 2014 erhöht das Gericht die Strafe auf 1000 Hiebe, zehn Jahre Haft und eine Busse von 270 000 Dollar. Kurz darauf wird Badawis Anwalt Waleed Abu al-Khair wegen Gründung eines Menschenrechtsmonitors zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im März 2015 rollen die Richter seinen Fall neu auf und verschärfen die Anklage auf «Abfall vom Glauben», worauf in Saudiarabien die Todesstrafe steht. Dann die Wende: Der Schweizer Staatssekretär Yves Rossier berichtet Ende November nach einem Besuch in Riad, dass Badawi begnadigt werden soll. Kurz darauf wird Raif Badawi jedoch in ein Isolationsgefängnis verlegt, in dem nur Häftlinge untergebracht sind, deren Verfahren abgeschlossen ist.

Raif Badawi ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem dem Sacharow-Preis des Europaparlaments.

Saudiarabien gilt nach wie vor als enger militärischer Verbündeter und als einer der wichtigsten Handelspartner des Westens. Seit Ende September 2015 hält das Land den Vorsitz einer Beratergruppe des UN-Menschenrechtsrats inne. Diese Gruppe interviewt und empfiehlt Kandidaten, die für den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen als Sonderberichterstatter oder unabhängige Experten fungieren sollen.

– www.raifbadawi.org, www.fondationraifbadawi.org
– Ensaf Haidar, Andrea C. Hoffmann: Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens. Verlag Bastei Lübbe, Köln 2015, 256 Seiten, ca. 29 Franken

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

Alle Beiträge von Helene Aecherli

Empfehlungen der Redaktion

Aqeela Asifi

Uno-Auszeichnung: Das Engagement von Aqeela Asifi

Von Helene Aecherli

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox

Produkte

Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens

Buch

- ca. 29 Fr.

Mehr aus der Rubrik

Das Kompliment

Liebe Stephanie Siegrist

Von Helene Aecherli