Mehr Frauen in die Politik

Warum es die Initiative «Helvetia Ruft!» auch 2020 noch braucht

Text: Helene Aecherli; Foto: Simon Iannelli

Die Kampagne Helvetia ruft! hat Frauen bei den Eidgenössischen Wahlen zu einem Erdrutschsieg verholfen. Nun wird Helvetia auf Tournee in die Kantone geschickt. «Die Pipeline an Kandidatinnen muss wieder gefüllt werden», sagt Co-Initiantin Flavia Kleiner. «Gerade jetzt, nach der Pandemie, dürfen die Interessen von Frauen nicht ausgeblendet werden.»

Helvetias Erfolge können sich sehen lassen. 2019 ist als Frauenwahljahr in die Schweizer Geschichte eingegangen, denn erstmals wurden an Eidgenössischen Wahlen mehr neue Frauen als neue Männer ins Parlament gewählt. Heute beträgt der Frauenanteil im Nationalrat satte 42 Prozent – diese Zahl wurden zu Recht als Rekord gefeiert. Und doch - der Erdrutschsieg der Frauen ist eher eine Zielvorgabe, als ein Grund, sich entspannt zurückzulehnen, denn nichts ist so flüchtig wie Erfolg, kaum etwas so schwierig aufrechtzuerhalten, wie politisches Momentum. Das mussten die Schwyzer Frauen bei den Kantonsratswahlen im März erfahren. Die Gleichstellungskommission hatte davon geträumt, den Frauenanteil auf mindestens einen Drittel zu erhöhen, liebäugelte gar mit 50:50, aber das blieb ein Wunschtraum. Zu einem weiteren Erdrutschsieg der Frauen kam es nicht. Im Gegenteil: Der Frauenanteil schrumpfte auf zehn Prozent. Oder anders ausgedrückt: Heute politisieren im Schwyzer Parlament zehn Frauen – neben neunzig Männern.

Ein Weckruf für Helvetia. Im nächsten Jahr feiert die Schweiz das 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts. Antrieb genug also, die Zahl 50 künftig auch in den Frauenanteilen der Schweizer Parlamente widerspiegelt zu sehen. Tatsache ist aber: Es wird ein Kraftakt. Frauen sind gerade in Kantonsparlamenten noch deutlich untervertreten. Sie besetzen durchschnittlich nur 29,9 Prozent der Sitze, in der Exekutive der Städte sieht es sogar noch düsterer aus. Hier kommen Frauen bloss auf 27,4 Prozent. «Damit können wir uns nicht zufriedengeben», sagt Flavia Kleiner, Co-Präsidentin der Operation Libero, die gemeinsam mit Kathrin Bertschy, Co-Präsidentin von alliance F, dem überparteilichen Dachverband der Frauenorganisationen und Träger von «Helvetia ruft!», die Kampagne initiiert hat. «Es ist das Anliegen einer Demokratie, dass Männer und Frauen in politischen Gremien zu gleichen Teilen vertreten sind. Wir dürfen das Momentum der Bewegung jetzt nicht absacken lassen.» Aus diesem Grund wird die Kampagne neu lanciert und auf Tournee in die Kantone geschickt. «Helvetia ruft!» zielt dabei nicht nur darauf ab, mehr Politikerinnen in die Kantonsparlamente zu bringen, sondern verfolgt auch einen langfristigen Plan: Bis zu den eidgenössischen Wahlen 2023 gilt es, den Pool der Kandidatinnen neu zu füllen, sie aufzubauen und Erfahrungen sammeln zu lassen, damit sie letztlich auch prominent auf den Wahllisten erscheinen. «Wenn diese Frauen keine aussichtsreichen Listenplätze haben, nicht aus der ersten Reihe in die Wahlen starten können»,  erklärt Flavia Kleiner, «nützt jeglicher Wählergoodwill nichts.»

«Wir können uns nicht zufrieden geben» – Flavia Kleiner 

Die Strategie der Kampagne ist wie gehabt: Frauen werden für ein politisches Mandat ermuntert und mit einem Mentoring-Programm unterstützt, die Parteiverantwortlichen aufgefordert, den Kandidatinnen chancenreiche Listenplätze zu geben. Später wird mittels eines Rankings öffentlich Bilanz gezogen, welche Partei es mit der Chancengleichheit tatsächlich ernst meint – und welche nicht. Zum Start der Kampagne macht Helvetia im Aargau und im Kanton Basel-Stadt Halt. Ihr Fokus liegt auf den Grossratswahlen Ende Oktober. Denn demokratische Prozesse stehen nicht still, auch wenn derzeit die Corona-Pandemie alle Aufmerksamkeit für sich verbucht. Und es ist zwingender denn je, den Blick darüber hinaus nicht zu verlieren. «Wie dringlich die repräsentative Vertretung der Frauen in der Politik ist, zeigt die Corona-Krise ganz deutlich», doppelt Flavia Kleiner nach. «Gerade Frauen leisten einen übermenschlichen Einsatz in systemrelevanten Berufen, die oftmals finanziell schlecht gestellt sind. Es darf nicht sein, dass bei der drohenden Wirtschaftskrise, die auf diese Pandemie folgen dürfte, die Perspektiven und Interessen der Frauen ausgeblendet werden, weil die Frauen nicht an den Tischen sitzen, wo die Entscheidungen gefällt werden, wer und welche Branchen wie viele Milliarden Unterstützung erhält. Oder: Dass es wieder die Frauen sind, die teilweise oder ganz aus der bezahlten Arbeit verschwinden, wie wir dies aus früheren Wirtschaftskrisen kennen.»
Wir haben heute die Chance, aus der Geschichte zu lernen. Das Rad nicht zurückdrehen zu lassen, um dann wieder von vorn zu beginnen. Sondern den Faden aufzunehmen und weiterzumachen.

Am Montag, den 11. Mai um 20 Uhr 15, steigt die Online-Lancierungsveranstaltung für Basel-Stadt, alliancef.ch/helvetia-ruft

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