Glosse

Skandaletten!

Text: Kerstin Hasse; Foto: Getty Images

Ist weniger wirklich mehr? Und ist teuer auch besser, nachhaltiger? Und wie viel dürfen sie denn kosten, die perfekten sexy Sommersandaletten? Unsere Autorin sinniert über ihr Konsumverhalten.

Während ich diese Zeilen schreibe, trage ich meine neuen Sommersandaletten. Es sind schwarze Strappy Sandals aus Wildleder mit einem kleinen, vier Zentimeter hohen Blockabsatz. Sie sind wirklich ganz zauberhaft, glauben Sie mir. Der perfekte Schuh für diesen Sommer: ein bisschen Neunziger, ein bisschen sexy. Seit Monaten hatte ich ein Auge auf die Sandaletten des australischen Schuhlabels By Far geworfen. Immer mal wieder sind sie in den Warenkorb des Onlineshops gewandert, aber bestellt habe ich sie nicht. Bis vor ein paar Wochen. Es stand eine Hochzeit bevor, ich suchte einen passenden Schuh und plötzlich machte alles Sinn: Es musste diese eine Sandalette sein – klick, gekauft. Der Grund, warum ich zuvor so lang gezögert hatte, ist der Preis. 350 Franken habe ich für die Sandaletten hingeblättert. Nun, meine Erfahrung zeigt: Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Sie auf diese Information reagieren: Sie verwerfen die Hände, denken sich: Was, all das Geld für einen Schuh?! Davon könnte ich mir Mini-Ferien gönnen! Oder sie finden eher: Oh! By Far, redet sie vielleicht vom Tanya-Modell? Das hätte ich auch gern. Gute Investition, Frau Hasse.

Tatsache ist: Das ist verdammt viel Geld für so wenig Schuh. Ich bin nicht Carrie Bradshaw. Ich schreibe zwar auch, aber im Gegensatz zu Carrie lebe ich in der echten Welt und nicht in «Sex and the City». Da kann ich mir nicht mal eben mit einer Kolumne zwei Paar Manolos pro Monat finanzieren. Und die Lektüre der «Vogue» allein macht mich auch nicht satt. Noch vor ein paar Jahren wäre so eine teure Sandale für mich gar nicht infrage gekommen. Nicht, weil sie mir nicht gefallen hätte. Ich hatte schon immer Freude an Mode und nie Probleme damit, nachzuvollziehen, dass Leute viel Geld für Kleider oder Schuhe ausgeben. Meine Lebenseinstellung war einfach eine andere. Warum viel ausgeben, wenn es auch günstiger geht? Warum sich für ein Paar Schuhe entscheiden, wenn man für den gleichen Preis drei haben kann? Ich liebte Sales und ich habe im Ausland auch den einen oder anderen Sack bei Primark gefüllt, mit Shirts für 1.99 Euro. Ich war jung und ich brauchte das Geld. Könnte ich heute behaupten, aber eigentlich war der Grund ein anderer: Ich lebte eine Je-mehr-desto-besser-Mentalität. Ich shoppte unbekümmert. In meinem Schrank stapelten sich Kleider, die ich zwar günstig erstanden hatte, die mir aber einen Monat später schon keine Freude mehr machten. Ich hatte schlichtweg viel zu viel Kram. Ich würde jetzt gern behaupten, dass das heute nicht mehr so ist. Dass ich meine innere Marie Kondo gefunden habe und seither nur noch aus einem kleinen Kleiderschrank lebe, in dem fein säuberlich aneinandergerollt die paar wenigen Kleider liegen, die ich besitze. Aber das ist nicht so. Ich habe noch immer viel Kram. Und ich shoppe noch immer gern. Aber mein Einkaufsverhalten hat sich dennoch verändert in den letzten Jahren. Ich kaufe weniger, ich kaufe gezielter und ich kaufe nachhaltiger. Wie es dazu kam? Ich wurde älter und wie es scheint auch weiser und ausserdem – vergeben Sie mir die «Der Teufel trägt Prada»- Romantik – begann ich, bei annabelle zu arbeiten. Dieser Job hat mich in Sachen Mode geschult. Ich lernte mehr über Labels, ich lernte meinen Stil besser kennen und Mode bewusster zu konsumieren. Ja, der Job hat auch dazu geführt, dass ich mehr Geld für Mode ausgebe, denn wenn man erstmal in die hübschen Prada-Mules schlüpft, die gerade bei der Moderedaktion stehen, kommt man schon auf den Geschmack. Aber wahrscheinlich gebe ich gar nicht so viel mehr Geld aus. Ich kauf mir für das Geld einfach weniger Teile.

Teure Kleidung ist nicht unbedingt wertiger als günstige. Und es ist ein Trugschluss zu denken, dass teure Labels per se nachhaltiger und sorgfältiger produzieren. Mir geht es aber auch nicht um den Brand – wobei, ganz ehrlich, eine schöne Clutch von Bottega Veneta hat schon ein gewisses Flair. Aber für mich hat Mode mit einer Einstellungssache gegenüber Konsum zu tun. Ich möchte weniger besitzen und dafür an jedem Teil länger Freude haben. Fastfashion funktioniert, wie ich finde, eben schon wie Fastfood: Es stillt den Hunger, aber es macht nicht satt. Das ist eine Einstellung, die man sich leisten können muss. Denn es ist ein Privileg, auf Qualität achten zu können. Und es ist eine Einstellung, die voraussetzt, dass man für Mode überhaupt Geld ausgeben will. Während ich diesen bewussten Konsum als persönlichen Fortschritt verbuche, empfinden ihn andere Menschen als komplett unverständlich. Manchmal schummle ich deshalb ein wenig, wenn es um Preisangaben geht. Etwa gegenüber meiner Schwester, die in Sachen Shopping viel pragmatischer denkt als ich und wahrscheinlich am Anfang dieses Textes die Hände verworfen hat. Sie wiederum gibt viel Geld für dieses eine spezielle Zaumzeug für ihr Pferd aus, das schon lange auf ihrer Wunschliste stand. Für mich unverständlich – von dem Geld lägen schon fast wieder ein paar neue Sandalen drin.

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