Gleichstellung in der Olympia-Berichterstattung

Leistung geht vor Sexiness

Redaktion: Miriam Suter; Foto: Getty Images / Harry How 

Leistung geht vor Sexiness
  • Die US-amerikanische Kunstturnerin Alexandra Raisman gewann die Silbermedaille in Rio de Janeiro und holte im Mannschafts-Mehrkampf sogar Gold

Bei den Olympischen Spielen steht die Berichterstattung über den Sport im Fokus – sollte man meinen. Doch noch immer gibt es Medien, die bei den Athletinnen vor allem aufs Äussere gucken. Das findet Junior Online Editor Miriam Suter mehr als unsportlich.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserin, lieber Leser. Aber mich interessiert das Thema Olympiade von jeher nicht wirklich. Ich selber bin unsportlich und finde es langweilig, anderen Menschen beim Sporttreiben zuzuschauen. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist aber, dass es auch die Medien nicht grossartig zu interessieren scheint, welche sportlichen Höchstleistungen dieses Jahr in Rio de Janeiro vollbracht werden – zumindest dann nicht, wenn es um Athletinnen geht.

Eine kleine Presserundschau:

• Die ungarische Schwimmerin Katinka Hosszú stellt einen neuen Weltrekord auf und gewinnt die Goldmedaille. Dan Hicks, Sportreporter beim US-Fernsehsender NBC, kommentiert, als Hosszús Ehemann und Trainer auf der Bildfläche erscheint: «Und hier ist der Mann, der das alles möglich gemacht hat!»

• Im US-amerikanischen Nachrichtensender Fox News diskutiert die Moderatorin Tamara Holder in der Sendung «Sports Court» darüber, ob die Athletinnen in Rio Make-up tragen sollen und wenn ja, warum. Als Gäste werden zwei Männer eingeladen: Ein Radiomoderator und ein früherer Angestellter der New Yorker Polizei. Keine Sportlerinnen. Der Tenor der beiden: Wer will schon einen hässlichen Menschen sehen, der sich eine Goldmedaille abholt? Natürlich sollen die Damen ihre Pickel abdecken!

• Nachdem die Amerikanerin Corey Cogdell im Sportschiessen eine Bronzemedaille holt, twittert die konservative Zeitung «Chicago Tribune» sinngemäss: «Die Frau eines Footballspielers der Chicago Bears gewinnt Bronzemedaille in Rio.» 

• Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele tritt ein Beachvolleyball-Frauenteam aus Ägypten an. Die deutsche «Bild»-Zeitung interessiert viel mehr, dass die Frauen lange Hosen und langärmelige Oberteile trugen und titelte: «Unsere Beachmädels schlagen Ägypten: Die Halbnackten gegen die Eingepackten»

• People-Magazine bewerten Olympia-Athletinnen nach ihrem Aussehen und stellen Ranglisten auf, die in etwa heissen: «Sexy Olympia: Die heissesten Sportlerinnen in Rio.» Dass es solche Ranglisten auch für Sportler gibt, macht die Sache nicht besser ...

• Die Fechterin Ibtihaj Muhammad startet als erste Amerikanerin mit Kopftuch bei den Olympischen Spielen: Laut dem Online-Newsportal AJ+ drehten sich 79 Prozent der Berichterstattung darum, dass sie unter der Maske einen Hijab trug, nicht um ihre sportlichen Leistungen. Gibt man bei Google übrigens «Olympia Sportler» ein, wird mit dem Vorschlag «Gehalt» ergänzt, beim Suchwort «Sportlerinnen» dagegen «Playboy» – wen wunderts.

«Wichtig, dass beim Sprint alles sitzt»

Ist nicht die Athletin in erster Linie selbst verantwortlich für ihren Erfolg und sollte auch dafür anerkannt werden? Anscheinend sind viele von uns auch 2016 noch immer nicht gewillt, eine Frau als autonomes Wesen wahrzunehmen, ohne Mann dahinter. Oder endlich einzusehen, dass der weibliche Körper genau einer Person auf der Welt gehört: der Frau selber. Sie sollte selbst darüber bestimmen dürfen, ob sie an den Olympischen Spielen – und auch sonst überall – Make-up tragen will und ob sie lieber ein knappes Bikinihöschen oder lange Leggins anziehen möchte.

Die Schweizer Olympia-Halbfinalistin im 100-m-Sprint und drittschnellste Frau Europas, Mujinga Kambundji, ist eine der Athletinnen, die auch in Rio mit Make-up an den Start ging. Zu annabelle meinte sie dazu: «Vor einem Wettkampf bereite ich mich vor, indem ich Musik höre und mich schminke und frisiere. Es ist mir wichtig, dass beim Sprint alles sitzt. Manchmal schminke ich mich fast so, wie wenn ich in den Ausgang gehe. Das gibt mir ein gutes Gefühl für den Wettkampf.» Auf den Punkt bringt es die US-amerikanische Kunstturnerin Alexandra Raisman, die im Mannschafts-Mehrkampf in Rio Gold holte: «Ich finde es cool, ein Badass zu sein, stark und mächtig. Aber gleichzeitig kann ich mich durch Make-up auch sehr weiblich und schön fühlen. Und diese Kombination macht mich selbstbewusst.»

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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